Kann laut, macht jetzt aber mal leise: Taylor Swift.

Foto: Evan Agostini / Invision / AP

Popstars haben ja meistens keine Zeit dafür, dem nachzugehen, womit sie eigentlich Popstar geworden sind. Musikmachen also. Wird schon Leute geben, die es irgendwie schaffen, neben all den Presseterminen, Touren, Nebengeschäften wie Kleidung designen oder Lipgloss verkaufen, Fitnesscenter, Social Media und so etwas wie Privatleben auch noch die ein oder andere Nummer zu schreiben. Aber meistens ist in der Liga Stadion fürs Songwriting ein bestimmter Zeitraum geblockt, indem man dann kreativ werden muss. Oft klingen die so entstanden Alben genauso so, als wäre jemand mit der Stoppuhr danebengestanden.

Corona-Gewinnerin

So gesehen ist Taylor Swift, ihres Zeichens eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der Popgeschichte, Corona-Gewinnerin. Die Pandemie fegte ihren Terminkalender leer und schenkte ihr Zeit zu schreiben. Anstatt mit ihrem im Vorjahr erschienenen Album Lover auf Tour zu gehen, um dort Teenie-Herzen höherschlagen zu lassen, saß Swift wie wir alle auf dem Sofa und starrte ins Leere.

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Wenn es wenig zu sehen und zu tun gibt, ist es nur menschlich, einen Blick ins eigene Innere zu wagen. Wenn man Taylor Swift ist, macht man sich auch gleich ein paar Notizen. Untertreibung, denn immerhin befinden sich auf Swifts Überraschungsalbum Folklore, das sie nach einer kurzen Ankündigung auf Instagram noch am selben Tag veröffentlichte, nun ganze 16 Nummern.

Zumal es auch etwas weniger getan hätten, muss man anerkennen, dass das Understatement, sowohl in der Art der Veröffentlichung als auch musikalisch, der Sängerin erstaunlich gut steht. Folklore ist nicht tagesaktuell, kein Kommentar zur aktuellen politischen Situation in Amerika, zu Black Lives Matter oder Corona – es geht eh nur um Liebe, Beziehungen und all den Quark, um den es bei Swift immer geht. Nur klingt es dieses Mal irgendwie anders, irgendwie besser.

Deutlich weniger affektiert

Das liegt einerseits daran, dass Swift sich gegen den für sie typischen Glitzerpomp entschied und einen Indie-Melancholiker wie Aaron Dessner von The National an Bord holte, mit dessen Unterstützung sie im besten Sinne verhaltene Instrumentierungen zauberte. Streicher, Klavier und Gitarre tun’s zumeist, irgendwo darf es dann auch mal ein Banjo sein. Bei dem Stichwort darf auch Justin Vernon (Bon Iver), der kultisch verehrte Waldschrat mit Internetzugang, nicht fehlen. Er adelt mittels bloßer Anwesenheit auf dem Song Exile das ganze Album, verleiht ihm eine Art Folk-Gütesiegel. Dass Folklore natürlich kein Folk-Album ist, sondern Pop in Reinform, der maximal bei dem traditionellen Genre Anleihen nimmt, sollte sowieso klar sein.

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Dass Swift in jeder geschriebenen Zeile beweisen muss, dass sie eine begabte Storytellerin, eine solide Schreiberin ist, also schön durchstrukturierte Kurzgeschichten mit memorablen Einzeilern und Vergleichen ("And when I felt like I was an old cardigan / Under someone’s bed / You put me on and said I was your favorite") versehen kann, hat sich freilich nicht geändert. Doch wirken die Songs auf Folklore reifer und deutlich weniger affektiert wie früheres Material.

Swift wird nach der Krise freilich wieder zu ihrem Kerngeschäft des knallbunten Entertainments zurückkehren. Vielleicht kann sie sich aber auch ohne Corona alle paar Jahre mal einen Privat-Lockdown einplanen. Ihrer Musik war die Ruhe nämlich äußerst zuträglich.(Amira Ben Saoud, 27.7.2020)