"Der größte Trend in diesem Jahr unter weißen Frauen: 911 wegen schwarzer Menschen rufen", so Trevor Noah in der "Daily Show". Für diese Menschen kann das gefährlich werden.

Foto: AP / Noah Berger

"Ich werde Ihnen sagen, dass ein afroamerikanischer Mann mein Leben bedroht." Triumphierend greift Amy Cooper nach ihrem Mobiltelefon und wählt die Nummer des Notrufs. Ein Mann bedrohe sie und ihren Hund, es sei ein "afroamerikanischer Mann", wiederholt sie mit ansteigend dramatischer Stimme.

Cooper wird später "Central Park Karen" getauft. "Karen", so ein populäres Meme, fungiert in den USA als Symbol weißer Privilegien. Es sind weiße Mittelschichtsfrauen, die auf Verkäufer*innen und Kellner*innen herabsehen und beim sprichwörtlichen Haar in der Suppe nach dem Geschäftsführer rufen. Und die wie im Fall von Cooper ihre Privilegien gegenüber schwarzen Männern als Waffe einsetzen. Während so manche (weiße) Kommentatorin das Meme der rücksichtslosen "Soccer-Mom" als sexistisch kritisiert, sorgte die wiedererstarkte Black-Lives-Matter-Bewegung für eine rasante Verbreitung.

Der Vorfall im Central Park ereignete sich just an jenem Tag im Mai, als ein Polizist George Floyd bei seiner Verhaftung tötete. Ein Passant hatte Amy Cooper dazu aufgefordert, ihren Hund wie vorgeschrieben anzuleinen, ihre Reaktion filmte er mit dem Handy und stellte sie später ins Netz. Es ist ein Karen-Video unter vielen, die viral gingen. Als James Juanillo im Juni "Black Lives Matter" mit Kreide an eine Wand malt, konfrontiert "San Francisco Karen" ihn: Er habe kein Recht, dies auf Privatgrund zu tun. Sie kenne die Leute, die hier wohnen, sagt sie – nicht wissend, dass Juanillo, der die Begegnung filmt, tatsächlich ein Bewohner des schicken Viertels ist und den Slogan vor sein eigenes Haus schreibt. "Der größte Trend in diesem Jahr unter weißen Frauen: 911 wegen schwarzer Menschen rufen", formuliert es Trevor Noah in der satirischen "Daily Show".

The Daily Show with Trevor Noah

Da ist Cornerstore Caroline, die die Polizei ruft, weil ihr ein achtjähriger schwarzer Junge im Lebensmittelladen an den Po gefasst habe (das Überwachungsvideo wird später zeigen, dass er sie mit seinem Rucksack gestreift hat). Permit Patty wiederum teilt 911 mit, dass eine Neunjährige "ohne Genehmigung" in ihrem Viertel Wasserflaschen verkauft.

Reine Frauen, bedrohliche Männer

Die Vorfälle machen nicht zuletzt deutlich, dass weiße Menschen die Polizei an ihrer Seite wissen. Das Wählen der Notrufnummer wird zum mächtigen Akt – insbesondere, wenn weiße Frauen sich von einem schwarzen Mann bedroht sehen. "Weiße Frauen partizipieren aktiv an der Aufrechterhaltung dieses Machtverhältnisses, weil sie davon profitieren", sagt Apryl Williams im STANDARD-Interview. Die Soziologin und Medienwissenschafterin lehrt an der University of Michigan und am Berkman Klein Center for Internet & Society in Harvard, wo sie sich unter anderem Geschlechterverhältnissen und Race in digitalen Kulturen widmet. Das Narrativ der weißen Frau, die von schwarzen Männern bedroht wird, geht in den USA auf die Sklaverei zurück. Hypersexualisierte schwarze Männer würden die Reinheit weißer Frauen bedrohen, während diese als Sklavenhalterinnen Gewalt an Afroamerikaner*innen ausübten.

Noch immer sei diese Erzählung enorm wirkmächtig, so Apryl Williams. Weiße Frauen, speziell weiße Mütter, würden als fürsorgliche Hüterinnen der Tugendhaftigkeit betrachtet – diese gelte es innerhalb einer patriarchalen Logik zu schützen und zu verteidigen. Doch wenn speziell weiße Frauen an den Social-Media-Pranger gestellt werden, ist dem Karen-Meme dann nicht auch eine sexistische Logik inhärent? Das Meme sei schlichtweg frauenfeindlich, twitterte die radikalfeministische Autorin Julie Bindel und erhielt sogleich Unterstützung von "Guardian"-Kolumnistin Hadley Freeman: "Das Karen-Meme beschreibt nicht nur das Verhalten von Frauen, mittlerweile dient es auch zur Kontrolle. Kein Wunder, dass so viele Männer ihre Freude daran haben."

Tatsächlich hat das Meme auch eine sexistische Geschichte, wie eine Journalistin des US-amerikanischen "Vox"-Magazins recherchierte. So postete ein User auf der Plattform Reddit regelmäßig Geschichten über seine verhasste Ex-Frau Karen, später eröffneten Leser*innen einen eigenen "FuckYouKaren"-Channel. Die typische Karen sei Mitte 30 bis Mitte 40, habe drei Kinder, für die sie bei der Scheidung das Sorgerecht erstritten habe, sie sei laut und beschwere sich ständig, als Frisur trägt sie einen blonden Bob, der als Karen-Haircut berühmt wurde.

Privilegien sichtbar machen

Auf Social Media erlebte das Karen-Meme allerdings einen Bedeutungswandel: Karen wurde zu einem Symbol einer selbstgerechten weißen Mittelklasse-Frau, die "mit dem Manager sprechen" möchte. Sie ist meist konservativ und religiös, misstraut Impfungen und verliert schnell die Fassung, wenn die Welt nicht ihren Regeln folgt. Erst im Zuge der wiedererstarkten Black-Lives-Matter-Bewegung fokussierten Nutzer*innen verstärkt auf strukturellen Rassismus und bedrohliche 911-Notrufe. "Karen" entwickelte sich zu einem Kommentar weißer Privilegien. Dass so manche weiße Mittelklasse-Frau sich damit unwohl fühlt, mag in einem dieser Privilegien gründen: Sie sind es nicht gewohnt, in ihrer – meist unsichtbaren – Identität als weiße Mittelklasse-Frau benannt zu werden. Während Namen, die typischerweise mit Afroamerikaner*innen oder unteren Klassen assoziiert werden, eine lange Geschichte der rassistischen und klassistischen Beschämung haben, spricht Karen in der Regel aus einer machtvollen Position: Sie bereitet nicht den Cappuccino hinter dem Tresen zu, sondern ruft nach dem Geschäftsführer, um sich über die unverschämte Kellnerin zu beschweren.

Karen-Memes seien somit subversiv, ist Kommunikationswissenschafterin Williams überzeugt. Sie seien mächtige Werkzeuge für die schwarze Community, indem Machtverhältnisse unterlaufen und Konsequenzen für das Verhalten von Cornerstore Caroline oder Central Park Karen gefordert würden. Tatsächlich hatten die viralen Videos meist Konsequenzen für deren Protagonistinnen: Amy Cooper etwa verlor ihren Job, ihren Hund musste sie zumindest vorübergehend abgeben.

Importierte Machos

Die Erzählung der bedrohten weißen oder "einheimischen" Frau ist indes auch hierzulande eine vertraute. Nima Obaro, Basisbildnerin und feministische Aktivistin, verweist auf frauenpolitische Debatten, die zuletzt von Susanne Raab und Sebastian Kurz angeheizt wurden: "Repressive Migrations- und Integrationspolitik wird mit frauenpolitischen Themen und Feminismus diskursiv verknüpft", sagt Obaro gegenüber dem STANDARD. Etwa wenn von "importieren Macho-Kulturen" die Rede sei – migrantische Männer würden so zu Sündenböcken und Gewalttätern. Diese Instrumentalisierung könne aber nicht nur den Rechten zugeschoben werden, betont Obaro. Rassistische Strukturen durchziehen die gesamte Gesellschaft, sich mit weißen Privilegien auseinanderzusetzen und sich solidarisch zu zeigen sei also auch ein Auftrag an weiße Feministinnen.

"White Fragility", so bezeichnen Aktivist*innen das Abwehrverhalten, wenn Weiße mit rassistischem Verhalten oder ihren Privilegien konfrontiert werden. Statt Kritik anzunehmen, steht schnell die eigene Verletzlichkeit im Zentrum – was People of Color wiederum auf ihren Platz verweist. Die Wirkungen eines rassistischen Systems auf weiße Frauen lassen sich indes an ganz konkreten ökonomischen Verhältnissen festmachen, sagt Nima Obaro: "Struktureller Rassismus ermöglicht es weißen Frauen nach wie vor, in machtvollere Positionen zu gelangen, weil beziehungsweise während Migrantinnen auf deren Kinder aufpassen oder wenn Migrantinnen im Niedriglohnsektor vielfach unter ihrer formalen Qualifikation arbeiten."

In den USA tauchten zuletzt Videos von weißen Frauen auf, die wegen der Maskenpflicht in Supermärkten ausrasteten. Während Karen nach drei Minuten erbost aus dem Laden stürmt, bleibt die Verkäuferin bis Dienstschluss im Laden – und bedient Kund*innen, die nach dem Geschäftsführer verlangen. (Brigitte Theißl, 28.7.2020)