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Der neue SAP-Chef Christian Klein stellt mit dem Börsengang der US-Tochter Qualtrics die Weichen beim weltgrößten Anbieter von Unternehmenssoftware neu. Weniger als zwei Jahre nach der acht Milliarden Dollar schweren Übernahme soll der Teilverkauf über die US-Börse laut Klein für eine "zusätzliche Wertsteigerung" sorgen. "Der teilweise Börsengang kreiere ein Win-Win-Setup", sagte Klein. Der 40-Jährige wendet sich damit ein Stück von der Strategie seines Vorgängers Bill McDermott ab, der SAP mit Übernahmen vor allem jenseits des Atlantiks groß machte. Der Qualtrics-Deal hatte ihm allerdings angesichts des Kaufpreises auch Kritik eingebracht. Der US-Börsengang soll aber nicht das Ende der langjährigen Einkaufstour bedeuten, sondern laut SAP-Finanzvorstand Luka Mucic und Qualtrics-Mitgründer Ryan Smith vielmehr den Weg für weitere Akquisitionen beider Unternehmen frei machen.

Am Aktienmarkt wurde die Ankündigungen begrüßt. Der Anteilsschein kletterte um bis zu 3,8 Prozent und näherte sich damit dem Rekordhoch von 139,72 Euro, das der Walldorfer Dax-Konzern nach der Veröffentlichung vorläufiger Quartalszahlen Anfang Juli markierte. Diese waren in der Corona-Krise besser ausgefallen als von Analysten erwartet – und wurden nun ebenso wie der Ausblick bestätigt.

Es ist erst das zweite Mal in der fast 50-jährigen Firmengeschichte, dass SAP eine Sparte teilweise an die Börse bringt, statt sie weiter zu integrieren. Details der Neuemission wie etwa der Zeitplan sind größtenteils noch offen, doch betonte Klein am Montag gegenüber Journalisten, SAP wolle eine Mehrheitsbeteiligung halten: "Wir sind auf lange Sicht dabei." Qualtrics könne so außerhalb von SAP Kunden gewinnen, während Europas wertvollstes Technologieunternehmen weiterhin die US-Tochter konsolidiere. Es sei eine gute Möglichkeit, Qualtrics zu "monetarisieren", sagte Finanzchef Mucic.

Relationen

Qualtrics bietet eine Software-Plattform an, mit der Organisationen Feedback und Daten von Kunden und Mitarbeitern einsammeln können, um diese in Echtzeit zu analysieren und weiterzuverarbeiten. Laut Smith, der Qualtrics 2002 zusammen mit seinem Bruder und seinem Vater gründete, erfreuen sich die Anwendungen des Marktführers auch in der Corona-Krise großer Nachfrage. Im zweiten Quartal kletterten die Erlöse währungsbereinigt um 32 Prozent auf 168 Millionen. Damit wuchs der Medallia-Konkurrent zwar deutlicher als die anderen SAP-Segmente, blieb mit Abstand aber kleinste Sparte.

Smith erfüllt sich mit dem Börsengang einen lange gehegten Traum, der 2018 überraschend durch den SAP-Kauf verhindert wurde. Damals peilte der Mitgründer bei einem IPO eine Gesamtbewertung von mindestens sechs Milliarden Dollar an – was der Kaufinteressent SAP toppte. Wie hoch die Bewertung diesmal ausfüllen dürfte, ist bisher offen. Analysten von Jefferies nennen eine breite Spanne zwischen fünf und 14 Milliarden Dollar. Smith sagte, Qualtrics sei inzwischen ein "deutlich größeres Unternehmen" als vor dem Kauf durch SAP. Mucic sagte lediglich, er gehe davon aus, dass das Finanzmarktdebüt "alle Zutaten" haben werde, um von Investoren gut aufgenommen zu werden. Im Allgemeinen brächten Technologiefirmen eine Beteiligung zwischen 10 und 15 Prozent an die Börse.

Anwendungen

SAP bestätigte den Ausblick für 2020 wie auch für 2023 – vor allem dank auch in der Corona-Krise gefragter Cloud-Anwendungen. Im April hatte Europas wertvollstes Technologieunternehmen seine Erwartungen nach unten geschraubt, da vor allem die Nachfrage nach Software-Lizenzen eingebrochen war. "Mit unseren Investitionen in strategische Wachstumsfelder sind wir zuversichtlich, dass wir nicht nur die Krise bewältigen, sondern auch gestärkt aus ihr hervorgehen werden", sagte Mucic. Anfang Juli hatte SAP bereits Einblick in das zweite Quartal gegeben, das angesichts florierender Cloud-Geschäfte überraschend gut verlief. Bisher noch nicht bekannt war der Gewinn je Aktie, der um sieben Prozent auf 1,17 Euro stieg. Zudem hoben die Walldorfer ihre Erwartungen an den Geldfluss wieder leicht an.

Einen Schlussstrich konnte SAP unter die im Mai bekanntgewordenen Sicherheitsmängel bei Cloud-Anwendungen ziehen. Diese gehörten der Vergangenheit an, sagte Mucic. (Reuters, 28.07.2020)