Bis sich Nachteulen wieder dicht gedrängt in Clubs und Diskotheken auf die Tanzfläche begeben können, dürfte noch einige Zeit vergehen.

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Dies ist ein computergeneriertes, auszugsweises Transkript zu Testzwecken. Derzeit erwägen wir Möglichkeiten, wie und ob wir künftig ausgewählte Podcasts auch in schriftlicher Form anbieten können. Die Aufnahme ins reguläre Angebot hängt unter anderem vom Leserinteresse ab. Feedback zu diesem Angebot nehmen wir gerne im Forum entgegen!

Antonia Rauth: [00:00:15] Seit dem Corona-Lockdown haben fast alle Lokale zumindest teilweise wieder aufsperren dürfen, nur die Clubs und Diskotheken müssen weiterhin geschlossen bleiben. Wie sie mit der Krise umgehen und wann und ob das Nachtleben wieder wird wie früher, erklärt Amira Ben Saoud vom STANDARD. Amira, du warst heute Vormittag bei der Pressekonferenz der Vienna Club Commission. Worum ging es denn da? Wer steht hinter dieser Organisation? Und wie war die Stimmung dort heute? Gedrückt, hoffnungsvoll oder eher geladen?

Amira Ben Saoud: [00:00:43] Die Stimmung dort war tatsächlich etwas gedrückt und bei Teilen der Anwesenden auch etwas wütend. Es war ja nicht nur die Club Commission da, sondern auch tatsächliche Clubbetreiber und Veranstalterinnen, bei denen es um ihre Existenzen geht. Es gibt in Wien, hat die Commission sich ausgerechnet, zirka 350 Musikspielstätten. Und das kann man ruhig so drastisch sagen: die stehen jetzt gerade eigentlich vor dem Ruin. Du wirst dich sicher fragen, woran das liegt. Das liegt daran, dass Clubs und Discos unter den ersten waren, die am 15. März zumachen mussten und die bis dato nicht wieder aufsperren durften. Das heißt, sie hatten jetzt vier Monate quasi keinerlei Einnahmen und, fast noch schlimmer, keinerlei Hoffnung, dass sie überhaupt wieder aufsperren dürfen.

Antonia Rauth: [00:01:37] Was erzählen denn die Betreiber? Wie verzweifelt sind die mittlerweile?

Amira Ben Saoud: [00:01:43] Die Situation ist einfach eine existenzbedrohende. Wenn man entgangene Einnahmen für vier Monate und einen größeren Betrieb hat, ist das nicht lustig. Was ich aber betonen will und auch zur Erklärung: Es ist für viele dieser Leute auch emotional eine sehr belastende Situation. Wir reden ja hier vom Bereich der Clubkultur, also von Kultur-Arbeiterinnen, die das oft ohnehin schon in sehr prekären Verhältnissen, aber auch aus einer Leidenschaft für Kultur heraus tun – für bestimmte Communities auch. Da geht es jetzt nicht nur darum, dass irgendeine Bar stirbt, wenn ich das jetzt mal so sagen darf, sondern da wird schon ein sehr wichtiger Teil eines kulturellen Lebens kaputt gemacht. Und das möchte ich auch deswegen unterstreichen, weil Clubkultur oft nur mit Zusaufen und Party assoziiert wird. Clubs sind aber auch die Orte, an denen kleine Bands großwerden, ihre ersten Konzerte spielen. Es sind politische Orte, es sind identitätsstiftende Orte. Deswegen geht es da einfach auch um viel Inhaltliches.

Antonia Rauth: [00:02:48] Bei der Pressekonferenz ging es dann heute ja nicht nur darum zu erzählen, wie es der Clubszene geht, sondern es wurde auch konkret was gefordert. Was denn?

Amira Ben Saoud: [00:03:09] Grundsätzlich wurde jetzt einmal ein Fixkostenzuschuss von zehn Prozent gefordert, und zwar rückwirkend seit Beginn der Pandemie.

Antonia Rauth: [00:03:19] Fixkostenzuschuss – Was ist damit gemeint?

Amira Ben Saoud: [00:03:24] Zu den Fixkosten, die ein Club hat, gehören so etwas wie Miete oder Pacht, Strom, Gas, Internet, im Gastro-Bereich auch der Wertverlust bei verderblicher Ware. Und im Moment ist dieser Fixkostenzuschuss für alle Betriebe, nicht nur die Clubs, 75 Prozent. Ein Rechenbeispiel: Ein großer Club ist in Wien zum Beispiel ein Club, in denen 500 Leute reinpassen. Der hat im Monat Fixkosten von um die 20 000 Euro. Das heißt, wenn 75 Prozent übernommen werden, bleibst du halt im Monat immer noch auf 5000 Euro sitzen, wenn ich richtig gerechnet habe. In vier Monaten, solange dauert diese Pandemie ja, hast du damit schon mal 20 000 Euro verloren. Das ist eben für Leute, die eh schon quasi prekär arbeiten, eine echt große Summe. Deswegen ist diese Forderung nach einer hundertprozentigen Übernahme, auch wenn Sie jetzt vielleicht anderen Betrieben unfair erscheinen mag, schon gewissermaßen gerechtfertigt, weil diese Clubs haben ja, wie gesagt, nie wieder aufsperren dürfen und haben auch keinerlei Perspektive darauf.

Antonia Rauth: [00:04:47] Ganz pessimistisch gefragt Müssen wir uns darauf einstellen, dass viele Clubs nach der Krise vielleicht gar nicht mehr aufsperren werden?

Amira Ben Saoud: [00:04:53] Ja, das war, glaube ich, auch ein Grund, warum diese Pressekonferenz heute stattgefunden hat. Das ist eben die große Befürchtung. Natürlich sind Kulturmenschen manchmal ein bisschen panisch und dramatisch. Aber ich halte das nicht für ausgeschlossen, dass wir sehr lang keinen Club mehr normal besuchen werden. Nicht vor 2021, wenn du mich nach meiner persönlichen Meinung fragst.

Antonia Rauth: [00:05:17] Gerade jetzt, wo die Corona-Zahlen wieder steigen, ist eine baldige öffnung der Clubs wie gerade gesagt sehr unwahrscheinlich. Aber was sagen denn die Betreiber selber dazu? Halten Sie das auch für sinnvoll, das sie jetzt im Moment einfach nicht aufsperren dürfen? Oder würden die eigentlich gern wieder aufmachen? Auch in der jetzigen Situation?

Amira Ben Saoud: [00:05:34] Ich glaube, in der jetzigen Situation würde sich niemand besonders viele Freunde machen, wenn er jetzt lauthals behauptet, man will einen Club wieder aufsperren. Es ist durch die Medien gegangen: Clubs waren immer wiedrverantwortlich für Cluster-Bildungen. Also nicht die Clubs selbst, aber Leute, die mit Corona dorthin gehen. Ich erinnere nur an Ischgl, das Kitzloch. Das ist jetzt vielleicht nicht der Kulturbegriff, von dem wir jetzt sprechen. Aber es ist trotzdem eine Bar, in der sich das Virus dann so stark verbreitet hat. Natürlich will niemand ein zweites Kitzloch sein, sozusagen. Vor ein paar Wochen, als es noch geheißen hat, dass Clubs vielleicht wieder öffnen dürfen, also kurz bevor die Fallzahlen wieder gestiegen sind, waren Club-Betreiber schon sehr dahinter, dass sie wieder aufsperren können. Es wurden da auch Konzepte dazu vorgelegt. Aber mittlerweile verhält man sich da eher ruhig und sagt quasi "das eine oder das andere – entweder wir dürfen wieder aufsperren und wirtschaften oder gebt uns wenigstens diesen Fixkostenzuschuss, damit wir irgendwie überleben können". Ich denke, es ist ganz klug, das jetzt nicht so laut gesagt wird, dass sie wieder aufsperren wollen.

Antonia Rauth: [00:06:54] Gibts denn Überlegungen, die Clubs zumindest teilweise wieder zu öffnen? Also vielleicht mit weniger Gästen oder Listen, in die sich die Besucher eintragen, falls es danach Infektionen gäbe?

Amira Ben Saoud: [00:07:04] Ja, es gab da eben bevor diese Öffnung in Aussicht gestellt wurde auch schon relativ weit gediehene und ausgearbeitete Konzepte, die auch der Regierung oder besser vielleicht dem Gesundheitsminister vorgelegt worden waren. Und wie man so hört, war er da auch recht angetan. Der Wiener Club "Grelle Forelle" zum Beispiel hat ein großes Papier vorgelegt, wo genau diese Dinge, die du gerade angesprochen hast, auch vorgesehen waren. Da gab's zwei Time Slots, da gab's eine geringere Besucherzahl, da gabs Contact Tracing, da gabs Fiebermessen, am Eingang Abstand halten, Masken, desinfizieren und so weiter. Die haben wirklich alles versucht, damit der Clubbetrieb wieder aufgenommen werden kann. Die Frage, die sich natürlich stellt, ist: Will man so in einen Club gehen? Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Antonia Rauth: [00:07:57] Das heißt du rechnest im Moment nicht damit, dass wir irgendwann in näherer Zukunft wieder in einen Club gehen und so feiern können wie früher?

Amira Ben Saoud: [00:08:05] Nein, also da dadurch, dass ja auch die Sperrstunde im Moment bei ein Uhr liegt, ist natürlich das, was man sich bei einem Besuch vorstellt, nicht möglich. Vor allem, wenn dann manche Betriebe eine Disco quasi sind, die überhaupt erst um 22 Uhr aufsperren dürfen. Und von 22 Uhr bis ein Uhr steppt hald einfach nicht so der Bär. Gewisse Clubs, wie z.B. das Wiener Fluc, versuchen ganz kleine Konzerte zu veranstalten, die sich an alle Regeln halten. Das ist aber tatsächlich nur eine Kür, weil Geld verdienen die damit nicht. Ein echter Clubbetrieb mit Tanzen, mit Schwitzen, mit Spaß, wie man sich das vorstellt, das kann ich mir so bald nicht vorstellen.

Antonia Rauth: [00:08:48] Die Corona-Krise hat der Party- und Club- und Kulturszene in ganz vielen Bereichen einfach den Stecker gezogen in Österreich. Denkst du, dass sich dadurch die Art, wie wir feiern, wie wir ausgehen, nachhaltig verändern wird?

Amira Ben Saoud: [00:09:01] Es mag sein, dass manche Leute jetzt Outdoor für sich entdeckt haben. Es gibt ja immer wieder viele Berichte über illegale Partys. Das ist eben auch ein Argument der Clubbetreiber und Betreiberinnen. Sie sagen, in einem Club kann ich wenigstens kontrollieren, mit diesen Maßnahmen, die ich teils auch kurz skizziert habe. Ob es eine Spur hinterlassen wird? Eine ganz pessimistische Antwort: Ich glaube, sobald wir eine Impfung haben, halte ich es in fast allen Bereichen des Lebens für sehr wahrscheinlich, dass alles dann wieder zum Alten zurückgeht. Die Frage die bleibt ist: Wird es dann die alten Clubs noch geben, wenn da jetzt keine finanzielle Hilfe kommt? Gibt es diese Clubs dann nicht mehr? Es wird Existenzen zerstören, dann werden wieder neue aufmachen. Aber die Club-Landschaft in Österreich, in Wien wird sich sicherlich nachhaltig verändern, wenn jetzt niemand investiert.