Es gleicht der Ironie des Schicksals: In fast fünf Monaten Corona-bedingtem Homeoffice streikten bei der Autorin in Videokonferenzen Mikrofon und Kamera kein einziges Mal. Just beim Interview mit Harry Moseley, Global Chief Information Officer beim Videocall-Anbieter Zoom, wollte die Kamera nicht anspringen. Der IT-Leiter, vor weichgezeichnetem Firmen-Hintergrund mit Zoom-Logo, nahm es nach zwei fehlgeschlagenen Lösungsversuchen gelassen: "Lassen Sie uns ein andermal troubleshooten – die Hälfte funktioniert ja."

Videokonferenzen sind für viele Beschäftigte fixer Bestandteil im Homeoffice geworden. Viele greifen dafür zum US-Anbieter Zoom, der seinen Konkurrenten davonzieht.
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Zoom gilt als einer der Profiteure der Corona-Krise. Hatte der US-Konzern mit Sitz im Silicon Valley im Dezember zehn Millionen tägliche Zoom-Teilnehmer, waren es im April bereits über 300 Millionen pro Tag. Und die Zahl der Firmenkunden mit mehr als zehn Angestellten hat sich mehr als vervierfacht. Um Meetings im Homeoffice abzuhalten, Uni-Kurse zu besuchen, sich während des Lockdowns mit Familie und Freunden auszutauschen oder um Yoga im Wohnzimmer zu machen, wählten sich weltweit Millionen Menschen in Zoom-Meetings ein. Im Englischen verbreitete sich das Verb "zoom" für das Videokonferieren, sogar die Queen feierte ihren 94. Geburtstag in einer Zoom-Party.

Boom von Zoom

Auch Konkurrenten wie Google Meet oder Microsofts Skype und Teams wachsen, doch Zoom hängt alle ab. Benutzerfreundlichkeit, Qualität, Zuverlässigkeit und Funktionalität seien die Erfolgsfaktoren, warum Menschen Zoom bevorzugten, sagt Moseley: "Die Bedienung ist simpel, die App läuft auf jedem Betriebssystem und Gerät und ist kosteneffizient."

Der Boom schlug sich in den Bilanzen nieder: Der Umsatz stieg im ersten Quartal 2020 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 169 Prozent auf 328,2 Millionen US-Dollar, der Gewinn von 200.000 auf 27 Millionen Dollar. Und für 2020 erwartet man mit bis zu 1,8 Milliarden Dollar eine Verdoppelung des Umsatzes. "Wir haben in wenigen Wochen ein Wachstum erlebt, das andere in mehreren Jahren erreichen wollen", sagt Moseley. Damit kamen auch Herausforderungen: Kaum ein Tag verging, wo Zoom nicht vorgeworfen wurde, zu wenig auf Sicherheit und Privatsphäre zu achten. "Zoom-Bombing" wurde zur Bezeichnung dafür, wenn sich Hacker in Meetings einwählen und dort etwa pornografische oder rechtsextreme Inhalte teilen.

90-Tage-Sicherheitsplan

Wegen der Sicherheitsbedenken verboten zum Beispiel die Nasa, Tesla, der US-Senat oder das deutsche Auswärtige Amt,Zoom zu nutzen, das österreichische Bildungsministerium riet davon ab. Moseley betont, dass seit einer externen Sicherheitsprüfung viele umdenken würden, etwa die New Yorker Schulbehörde. "Alle Zoom-Calls und -Daten sind verschlüsselt. Da man sich auch per Telefon einwählen kann, muss die Verbindung entschlüsselt werden, was wir mit cloudbasierter Telefonie verbessern wollen."

Harry Moseley ist Global Chief Information Officer bei Zoom.
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Ob der Kritik hat Zoom mit einem 90-Tage-Sicherheitsplan "die Innovationen hintangestellt und konzentrierte die gesamte Organisation auf Datenschutz und Sicherheit", sagt Moseley. So wurde etwa ein externer Sicherheitsrat bestellt und im Mai die Verschlüsselungsfirma Keybase zugekauft, mit der eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung umgesetzt werden soll – die erste Phase des Betatests soll Ende August starten.

Und gemeinsam mit Oracle und Amazons Cloudanbieter AWS sei es laut Moseley gelungen, Zoom mit weltweit 17 Rechenzentren entsprechend der Nachfrage zu skalieren und den Firmen die Wahlmöglichkeit zu geben, in welchem Zentrum ihre Daten verarbeitet und über welche Server die Telefonate geroutet werden. Das sei eine Premiere in der Branche, sagt der CIO.

Die Sicherheitsprobleme rührten für Moseley vor allem daher, dass Zoom für internationale Konzerne entwickelt wurde, deren IT-Abteilungen die entsprechenden Einstellungen aktivierten und die Mitarbeitenden schulten. "Wenn nun viele Zoom ohne Schulung und nur mit Standardeinstellungen nutzen, kann das schnell böse enden."Viele Firmen hätten aber auch deshalb Zoom binnen einer Woche übernommen, weil die Nutzung einfach sei und die Schulung kürzer ausfalle. Die Mitarbeitenden sollten auch für Remote Work geschult werden, in Zeitmanagement oder wie man Arbeit und Freizeit abgrenzt, findet Moseley. "Wir müssen erst lernen, in der neuen Umgebung zu arbeiten."

Pausen diszipliniert einhalten

Das zeigt sich mitunter an einem neuen Phänomen: Die sogenannte Zoom-Fatigue, also die Müdigkeit, die einen einholt, wenn man viele Videokonferenzen macht. Experten begründen das damit, dass man sich in Videochats mehr fokussieren muss, weil man etwa dem Gegenüber nicht in die Augen sehen kann, nonverbale Kommunikation oft ins Leere läuft oder man sich beobachtet fühlt.

Microsoft will sich seit Juli mit dem "Together Mode" für Teams wieder ins Spiel bringen und die Fatigue bekämpfen. Anstelle der Kachel pro Chat-Teilnehmer werden die Köpfe ausgeschnitten und etwa an einem virtuellen Konferenztisch angeordnet. Die Köpfe wenden sich auch dem Sprecher zu – das soll eine natürlichere Kommunikationssituation in einem Raum herstellen. Moseley denkt nicht, dass das die Zoom-Fatigue hemmt: "Es liegt nicht an der Kommunikation via Bildschirm, sondern an den fehlenden Pausen." Während es im Büro mehr ungeplante Pausen gibt – die Kollegin, die fragt, ob man einen Kaffee trinken möchte, ein Gespräch am Flur –, müsse man Pausen zu Hause diszipliniert einhalten. "Sonst sitzt man schnell Stunden vor dem Schirm, ohne auch nur für ein Glas Wasser aufgestanden zu sein – das ist nicht gesund."

Moseley habe morgens, mittags und nachmittags geplante Pausen, etwa für einen Spaziergang mit dem Hund, um "mein Gehirn neu zu fokussieren". Bis Ende des Jahres müssen er und über 2.800 Zoom-Mitarbeitende den Arbeitsalltag selbst takten – so lange arbeiten sie noch zu Hause. (Selina Thaler, 4.8.2020)