Beim Brandenburger Tor versammelten sich die Demonstranten.

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Auch Verschwörungsideologen mit Aluhut waren auf der Demo in Berlin zu sehen.

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Auch Flaggen des Deutschen Reiches, die gerne von Rechtsextremen gezeigt werden, waren auf der Demo zu sehen.

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Viele der Demonstranten stießen sich an der Maskenpflicht. Passanten, die zum Schutz Anderer Masken trugen, wurden angeschrien: "Masken weg".

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Einige der Teilnehmer hielten die Corona-Pandemie für eine Lüge.

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Es gab aber auch Gegendemonstrationen: Im Bild die Omas gegen Rechts in Berlin.

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Berlin – Trotz steigender Infektionszahlen haben am Samstag Tausende Menschen in Berlin gegen die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie protestiert. Nach Schätzungen der Polizei schlossen sich bis zu 17.000 Menschen einem Demonstrationszug an, rund 20.000 beteiligten sich anschließend an einer Kundgebung. Die Demonstranten forderten ein Ende aller Hygiene-Auflagen.

Da bereits während der Demonstration die Hygiene-Regeln nicht eingehalten wurden, stellte die Polizei Strafanzeige gegen den Leiter der Versammlung. Der erklärte den Demonstrationszug am Nachmittag für beendet. Weil auch auf der anschließenden Kundgebung viele Demonstranten weder die Abstandsregeln einhielten noch Masken trugen, begann die Polizei am frühen Abend, die Versammlung aufzulösen.

Bei den Einsätzen gegen das Demonstrationsgeschehen wurden insgesamt 18 Polizeibeamte verletzt. Drei Polizisten mussten im Krankenhaus behandelt werden. Wie viele von den verletzten Polizisten der Demonstration gegen die Corona-Schutzmaßnahmen zu zuordnen seien, kann die Polizei laut "Süddeutscher Zeitung" nicht sagen. Insgesamt waren laut Polizeiangaben 1.100 Beamte im Einsatz.

Motto mit NS-Bezug

Zu der Demonstration unter dem Motto "Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit" hatte die Initiative "Querdenken 711" aufgerufen. In Stuttgart hat diese Initiative bereits wiederholt demonstriert. Kritiker dieser Proteste befürchten eine Vereinnahmung durch Verschwörungstheoretiker und Rechtspopulisten. Den Titel "Tag der Freiheit" trägt auch ein Propagandafilm der Nazi-Ikone Leni Riefenstahl über den Parteitag der NSDAP 1935. Nach Angaben von Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) riefen auch verschiedene Neonazi-Organisationen zur Teilnahme auf.

Michael Ballweg, Gründer der Initiative, sagte zum Auftakt der Kundgebung unter dem Jubel der Teilnehmer: "Das Freiheitsvirus hat Berlin erreicht." Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn schrieb hingegen auf Twitter: "Ja, Demonstrationen müssen auch in Corona-Zeiten möglich sein. Aber nicht so." Abstand, Hygieneregeln und Alltagsmasken dienten dem Schutz aller.

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) äußerte sich auf Twitter zur Demo.

Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken schrieb auf Twitter: "Tausende Covidioten feiern sich in Berlin als "die zweite Welle", ohne Abstand, ohne Maske." Gefährdet würden damit auch Erfolge im Kampf gegen die Pandemie wie die Belebung von Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft. Der italienische EU-Kommissar Paolo Gentiloni twitterte, eine solche Idee von Freiheit sei nicht zum Lachen. "Das ist beängstigend."

Söder: Zweite Welle "praktisch schon da"

Auch CSU-Chef Markus Söder sprach sich angesichts der steigenden Zahl an Neuinfektionen gegen weitere Lockerungen aus. Die zweite Welle sei "praktisch doch schon da", sagte der bayerische Ministerpräsident der Bild am Sonntag. Viele Menschen seien im Umgang mit dem Virus leider leichtsinniger geworden. "Dazu gehören auch die extremen Lockerer und Verschwörungstheoretiker, die alle Maßnahmen schnellstens aufheben wollten."

Während die Demonstranten "Maske weg" skandierten, sprach sich die deutsche Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) für einen obligatorischen Mund-Nasen-Schutz an Schulen aus. Der Präsenzunterricht würde nur dann funktionieren, wenn "weitere Regelungen zur Hygiene, zum Tragen von Schutzmasken sowie zum Abstandhalten auf dem Schulhof und auf den Fluren strikt eingehalten werden", so Karliczek zur "Welt am Sonntag".

Demo verteilte sich

Am Samstagabend war die Lage in Berlin noch unübersichtlich. Die Polizei erklärte die Kundgebung für beendet, von der Bühne aus rief ein Polizist die Teilnehmer mehrfach dazu auf, nach Hause zu gehen. Dabei wurde er immer wieder von lautem Buh-Geschrei unterbrochen. Später wurden die Teilnehmer darauf hingewiesen, dass sie eine Ordnungswidrigkeit begingen.

Viele Demonstranten wanderten ab oder verteilten sich auf den Wiesen des angrenzenden Tiergartens. Etwa 3.000 versammelten sich zwischenzeitlich vor dem nahen Reichstag und am Bundeskanzleramt. Vor der Bühne der Kundgebung hielt sich zunächst noch ein harter Kern der Teilnehmer, gegen den die Polizei in kleinen Gruppen von beiden Seiten vorging. Demonstranten wurden angesprochen, aber auch abgeführt oder weggetragen. Am Abend rechnete die Polizei mit einem baldigen Ende des Einsatzes.

Einige Demonstranten wurden von der Polizei weggetragen.
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Während der mehrstündigen Demonstration waren Einsatzkräfte zunächst mit Lautsprecherdurchsagen oder Einzelansprachen vorgegangen. "Darüber hinaus werden Verstöße dokumentiert, so dass auch im Nachgang die Ahndung von Verstößen möglich ist", kündigte die Polizei an. Als die Demonstration für beendet erklärt wurde, hatte der Zug sein Ziel nahe des Brandenburger Tores bereits erreicht.

Veranstalter sprachen von 1,3 Millionen Teilnehmern

Die Polizei ging "in der Spitze" von etwa 17.000 Teilnehmern bei dem Protestzug aus. "Eine exorbitant höhere Zahl, die laut verschiedener Tweets durch uns genannt worden sein soll, können wir nicht bestätigen", erklärte sie. Veranstalter hatten zunächst 500.000 Teilnehmer angekündigt und für die Demonstration 10.000 angemeldet. Am Nachmittag wurde auf der Kundgebungsbühne erst von 800.000, dann von 1,3 Millionen Menschen gesprochen.

Zumindest einer der Demonstranten schien zu wissen, welche Konsequenzen eine Großveranstaltung ohne Hygienemaßnahmen mit sich tragen kann.
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In dem Protestzug durch weite Teile von Berlin-Mitte waren trotz Hinweisen von Polizei und Veranstaltern kaum Menschen mit Mund-Nasen-Schutz zu sehen. Passanten mit entsprechendem Schutz wurde von den Demonstranten "Masken weg" entgegengerufen.

ZDF-Kamerateam beschimpft

An mehreren Stellen wurden Protestzug und Gegendemonstranten von Polizeieinheiten abgeschirmt, an einer Stelle demonstrierten mehrere hundert Menschen gegen den Protestmarsch. Gegendemonstranten unter dem Motto "Omas gegen rechts" riefen dem Zug "Nazis raus" entgegen, der Spruch schallte als Echo zurück.

Auch ein ZDF-Filmteam musste seinen Dreh wegen Sicherheitsbedenken abbrechen. Mehrmals wurde die Reporterin Dunja Hayali und ihre Crew von Demonstranten beschimpft und bedroht. Die Reporterin trug selbst eine Maske und diskutierte mit einigen Teilnehmern über die Corona-Maßnahmen. Auch der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) zeigte Videoaufnahmen, wie einer seiner Kameramänner von einem Demo-Teilnehmer bespuckt wurde.

Bei den Demonstranten waren Ortsschilder und Fahnen verschiedener Bundesländer zu sehen. Ihrem Unmut über die Schutzmaßnahmen machten die Menschen mit Trillerpfeifen und Rufen nach "Freiheit" oder "Widerstand" Luft. Auch Parolen wie "Die größte Verschwörungstheorie ist die Corona-Pandemie" waren zu hören. (lalo, APA, 2.8.2020)