Im Swimmingpool und in der Badehose politische Fragen zu stellen traute sich nur der "Vater" der ORF-"Sommergespräche", Peter Rabl (re.). Norbert Steger (FPÖ) legte damals die Brille ab, köpfelte hinein, und weiter ging’s.

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Auf einer Alm in Kärnten äußerte FPÖ-Chef Jörg Haider 1988 im Gespräch mit ORF-Moderator Johannes Fischer (re.) den Gedanken, dass die österreichische Nation eine "ideologische Missgeburt" sei.

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SPÖ-Chef und Bundeskanzler Christian Kern wurde 2017 von Tarek Leitner (re.) im Glascontainer vor dem Parlament empfangen.

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2009 waren Outdoor-Locations angesagt, die damalige Grünen-Interimschefin Maria Vassilakou (re.) musste in Mörbisch auf die Bühne der Seefestspiele – Wasserpfützen am Boden, heftige Windböen. Als Co-Moderatorinnen und -Moderatoren hatte Ingrid Thurnher damals Menschen aus dem Kulturbereich dabei, hier assistierte Schauspielerin Erika Pluhar (li.).

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Im Jahr darauf ging der ORF wettertechnisch auf Nummer sicher und besuchte Unternehmerinnen und Unternehmer in ihrem Betrieb – BZÖ-Chef Josef Bucher kam zu Bäckerei-Chefin Doris Felber (Mitte).

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Salzburg 2003: Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) war bereit für einen Schlagabtausch mit Werner Mück. Mehr setzten ihm dann Mücken, genauer gesagt: Gelsen zu. Den Flechtsesseln war eine lange ORF-interne Diskussion vorausgegangen.

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Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) kam nur zur Probe auf die Außenbühne in Bregenz, seine Sprecherin hatte zuvor vor diversen Unwägbarkeiten im Freien gewarnt ... Enten, Sonne et cetera. Oscar-Preisträger und Regisseur Stefan Ruzowitzky (re.) sekundierte als Fragensteller.

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Das Jahr 1981 lieferte ein paar TV-Premieren, die im Laufe der Jahre zu kollektiven Fernsehritualen wurden: Wetten, dass..? ging zum ersten Mal auf Sendung, in Dallas intrigierte eine texanische Öl-Dynastie, das Traumschiff stach in See, Horst Schimanski schaute am Tatort Duisburg nach dem Rechten – und im ORF ging am 7. August das erste "Sommergespräch" über die Bühne oder eigentlich baden.

Politik im Pool

Moderator Peter Rabl, damals Chef der Sendung Politik am Freitag, und sein Gegenüber, FPÖ-Chef Norbert Steger, sprangen hitzebedingt in Badehosen in einen Pool und parlierten dort über so gewichtige Fragen wie: "Könnten Sie sich einen Bundeskanzler Steger vorstellen?"

In der Zwischenzeit hat es sich ausgewettet, die Ölquellen der Ewings sind versiegt, und Schimanski hat den Dienst quittiert. Nur das Traumschiff ist noch unterwegs, und die ORF-Sommergespräche werden im kommenden Jahr 40. Bis auf zwei Nationalratswahljahre (2008 und 2013) fanden sie immer statt – und blieben viele Jahre ein Quotengarant in der fernsehtechnisch traditionell schwierigen Jahreszeit.

Ins Land einischaun

Diesmal schickt der Österreichische Rundfunk als Gesprächsleiterin Simone Stribl ins Weingut am Reisenberg. Den Auftakt macht wie immer die kleinste Parlamentspartei, also die Neos mit Parteichefin Beate Meinl-Reisinger. (DER STANDARD tickert ab 21 Uhr – hier entlang)

Die Location ist eines der Unterscheidungsmerkmale des TV-Rituals und zugleich ein heikles Experimentierfeld, bei dem es einiges zu bedenken gibt. Schön soll es sein. Gern folgt man der Devise Ins Land einischaun, ob das nun wie heuer ein Blick über Wien ist oder vor zwei Jahren in die Wachau. Schon 1988 bewegte sich der Fernsehtross gen Kärnten, wo FPÖ-Chef Jörg Haider (mit 13 Sommergesprächen ist er Rekordhalter) im idyllischen Alm-Ambiente, interviewt von Johannes Fischer, über die österreichische Nation als "ideologische Missgeburt" sinnierte. Man saß aber auch schon in luftiger Höhe im Glascontainer vor dem Parlamentsgebäude.

Gelsenattacken und Glockengeläut

Großer Vorteil: wettersicher und ohne nennenswerte Hintergrundgeräusche. Denn da gab es ein paar – zumindest für das Publikum unterhaltsame – Zwischenfälle: 2009 etwa als Ingrid Thurnher und Maria Vassilakou, grüne Interimschefin, bzw. deren Frisuren auf der Seebühne Mörbisch lebhaften Windböen trotzten. Regen war wenigstens nur noch als Wasserpfützen auf dem Boden vorhanden. Auf der Jedermann-Bühne wiederum musste BZÖ-Chef Josef Bucher minutenlang mit den Glocken des Salzburger Doms konkurrieren. Bundeskanzler und ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel wurde 2002 von Gelsen traktiert. Immerhin, über die Flechtstühle vor Ort war im ORF 48 Stunden diskutiert worden.

Vom Winde verweht

In manchen Politikerbüros trachtete man aber, Vom Winde verweht-Settings und andere Störquellen zu verhindern. Die Sprecherin des damaligen Kanzlers und SPÖ-Chefs Werner Faymann listete in einer E-Mail an den ORF diverse "Eventualitäten" auf, die es beim auf der Bregenzer Seebühne geplanten Talk zu beachten gelte, um ihren Chef nicht zu einer "Lachnummer zu degradieren": Wetter (Regen "geht gar nicht"), Sonne ("Mein Chef soll nicht ständig die Augen zukneifen müssen"), aber auch tierische "Nebengeräusche" ("am See quaken gerne Enten, nicht einmal das möchte ich, während mein Chef spricht!").

Über die sprichwörtliche Bühne ging das Ganze dann zwar – allerdings im ruhigen Festspielhaus, co-moderiert vom Oscar-prämierten Regisseur Stefan Ruzowitzky. Auch das eine der vielen Variationen des TV-Klassikers: Mal waren Print-Journalisten dabei, dann Menschen aus dem Kulturbereich oder Wirtschaftsvertreter, auch mit Publikum(sfragen) experimentierte man.

Der menschliche Faktor

Unabhängig von den diversen Gesprächsanordnungen sieht Politikwissenschafter Peter Filzmaier, der (natürlich) auch die Sommergespräche 2020 im Studio analysiert, darin "klassische Politikinterviews, die aber vom menschlichen Faktor leben". Sinnigerweise erwiesen sich die seit 2013 direkt davor gesendeten Liebesg’schichten und Heiratssachen als höchst erfolgreiche Quotenrampe für die Sommergespräche: "Wo treffen sich Anhänger der Liebesg’schichten und der ZiB 2? Die Zielgruppen sind extrem unterschiedlich. Das macht es so speziell und erklärt die Breitenwirkung." (Lisa Nimmervoll, 3.8.2019)