Wenn Kinder statt Eltern zu Hause das Kommando übernehmen, ist in der Erziehung etwas falsch gelaufen.

Foto: Getty Images/FluxFactory

Frage:

"Erst einmal etwas zu meiner Familie: Mein Mann fährt sehr früh zur Arbeit und ist meistens erst ab 15 Uhr, manchmal auch erst um 17 bis 18 Uhr zu Hause. Ich bin dann mit den drei Kindern (sieben, vier und zwei) allein. Die beiden älteren Jungs streiten sich fast täglich. Es wird geschrien oder geschubst, da schaffe ich es aber zumindest, ganz schnell und leicht zu schlichten. Das große Problem habe ich mit meiner kleinen Tochter: Sie hat es auf den mittleren Sohn abgesehen. Sie nimmt ihm alles weg und ärgert ihn permanent. Selbst wenn er sich manchmal nur hinsetzt oder sich bewegt, und ihr gefällt das gerade nicht, schreit sie mit extrem hoher und lauter Stimme. Sie schreit so schrill, dass meine Ohren mir wehtun. Das macht sie ständig, wenn sie etwas will und sich nicht so gut ausdrücken kann. Meine Jungs geben ihr alles sofort, wenn sie schreit. Und manchmal, wenn sie ihr das nicht geben, schreit sie so lange, bis sie rot wird und total schwitzt.

Sind die Jungs im Kindergarten beziehungsweise in der Schule, spielt sie hingegen ruhig und ist sehr lieb. Kaum bekommen die großen Kinder aber ein wenig Aufmerksamkeit von uns Eltern, wollen zum Beispiel mal kuscheln, schreit sie und lässt uns nicht los.

Ihr Verhalten schüchtert sogar fremde Menschen ein. In der Öffentlichkeit werden wir immer angeschaut, und alle drehen sich um. Das ist wirklich sehr anstrengend für mich. Es ist sehr unangenehm, weil das natürlich auch die Nachbarn hören. Am liebsten würde ich weit wegziehen, wo uns keiner hört.

Mittlerweile ist bei uns die Stimmung schon sehr schlecht, ich schimpfe viel und bin lustlos geworden. Ich frage mich natürlich, ob ich meine Tochter zu sehr verwöhnt habe und sie das Schreien nun als Mittel verwendet, um an ihr Ziel zu kommen, oder ob doch etwas Tieferes dahintersteckt.

Grundsätzlich frage ich mich aber, wie ich dafür sorgen kann, dass meine ganze Familie leiser wird. Wir sind alle extrem laut. Auch meine Jungs sprechen viel lauter als andere Kinder. Der HNO hat das abgeklärt, da ist nichts zu finden. Ich bin mit den Nerven wirklich am Ende und möchte Ruhe!"


Antwort von Hans-Otto Thomashoff

Wie mir scheint, geht es hier um (mindestens) drei Fragen: An erster Stelle steht der Umgang mit dem Verhalten Ihrer Tochter, die aktuell ihre Trotzphase so richtig auskostet und damit sichtbar Erfolg hat. Mit ihrem nervtötenden Geschrei hat sie sich zum regelrechten kleinen Familientyrannen gemausert. Zwar eilt sie damit im Moment von Erfolg zu Erfolg, doch langfristig sind diese Erfolge kein Gewinn – nicht einmal für Ihre Tochter selbst. Denn was im Moment noch gut funktioniert, wird über kurz oder lang an Grenzen stoßen. Daher muss sie lernen, wie man mit Grenzen umgeht und mit dem Frust, der entsteht, wenn man auf eine Grenze stößt. Genau dieser Lernprozess als Vorbereitung auf das wirkliche Leben gelingt am besten unter kundiger elterlicher Anleitung.

Da Sie, die Mutter, offenkundig und nachvollziehbar angesichts des Verhaltens Ihrer Tochter mit den Nerven am Ende sind, ist es höchste Zeit, dass Sie ihr entsprechende Grenzen setzen. Die Kleine muss lernen, dass ihr Geschrei bei Ihnen anders als bei ihrem älteren Bruder nicht belohnt wird, sondern dass es ganz im Gegenteil von Ihnen nicht toleriert wird. Ein ruhiges, aber klares und konsequentes Nein ist gefordert. Sicher wird Ihre Tochter daraufhin loskreischen und toben, weil sie wütend wird. Doch dann gilt die einfache Regel: Wütend sein darf sie – weil sich Gefühle nicht verbieten lassen –, aber an die Regeln halten muss sie sich trotzdem, also: Gekreischt wird nicht.

Wenn Worte nichts bringen, schicken Sie sie auf ihr Zimmer, bis sie sich wieder beruhigt hat, oder Sie finden andere, für die Kleine verständliche Konsequenzen, die ihr unmissverständlich deutlich machen, dass Sie ihr Spiel nicht mitspielen. Die Wutanfälle werden sicher heftig sein, und es wird sicher einige Male dauern, bis Ihr elterliches Bemühen zum Ziel führt, doch die Alternative ist, dass es nur schlimmer wird. Zugleich sollten Sie auch Ihren Söhnen erklären, dass sie sich ebenfalls nicht von ihrer Schwester auf der Nase herumtanzen lassen müssen. Auch für sie ist ein Nein erlaubt.

Der zweite Punkt betrifft den Umgang mit dem Lautstärkepegel in Ihrer Familie. Weil offenbar alle zu laut sind, sind dafür auch alle gefordert. Setzen Sie sich alle gemeinsam an einen Tisch, und entschieden Sie gemeinsam, dass es ab jetzt ruhiger zugehen soll. Besprechen Sie, welche Sanktionen es womöglich für Schreihälse geben wird – und seien Sie anschließend konsequent. Seien Sie auch im Leisereden Vorbild. Zusammen mit Ihrem Mann. Gut üben lässt sich das, indem Sie von den schönen Plänen für das Wochenende berichten oder von anderen Verlockungen. Dann werden sicher die kindlichen Ohren gespitzt, selbst wenn sie beinahe flüstern. Sehen Ihre Kinder fern, dann sollten sie auch den Fernseher leiser stellen, besonders bei den Sendungen, die Ihre Kinder wirklich mögen.

Bleibt noch der dritte Punkt, dass Sie sich über das Gerede Ihrer Nachbarn Sorgen machen. Da heißt es für sich selbst eine Grenze zu ziehen. Solange Sie sich mit Ihrem Mann und Ihren Kindern wohlfühlen und im Rahmen der erlaubten Lautstärkenorm bewegen, kann es Ihnen ziemlich egal sein, was andere denken. Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf anderer Leute, und vergessen Sie nicht Ihren eigenen Humor. Auch hier gilt also: Klare Grenze erlaubt. (Hans-Otto Thomashoff, 6.8.2020)

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).
Foto: Alexandra Diemand

Antwort von Linda Syllaba

Ihre Frage ist meines Erachtens nach sehr komplex und für einen oder mehrere Termine in der Individualberatung geeignet. Es wird also schwierig hier, in diesem Format, mit wenigen Ideen und Impulsen hilfreich zu sein. Ich will dennoch versuchen, zumindest einige dahinterliegende Themen zu den Symptomen zu benennen:

Offenbar hat das schreiende Mädchen eine ganz besondere Stellung innerhalb der Familie, meiner Einschätzung nach die der "Chefin" im Haus. Mein Eindruck beim Lesen ist, dass eine gewisse Überforderung Ihrerseits gegeben ist, die einerseits dazu führt, dass Sie Ja sagen, wo Sie Nein meinen, und andererseits die Tochter in eine Führungsaufgabe drängt, der sie mit zwei Jahren unmöglich gewachsen ist. Sie nutzt das, was ihr zur Verfügung steht – und schreit. Da sie die Erfahrung macht, dass sie durch ihr Schreien bekommt, was sie will, macht sie weiter. Sie weiß ja nicht, dass der Preis extrem hoch ist, nämlich dass sie immer weniger von dem bekommt, was sie braucht. Das wären nämlich etwa Sicherheit und Halt durch Klarheit und Orientierung, die sie von ihren Eltern erhält, indem diese ihre Führungsaufgabe ernst nehmen.

Das bedeutet für Sie als Mutter in erster Linie, gut für sich selbst zu sorgen, damit Sie diese Herausforderung aus voller Kraft wahrnehmen können. Sie merken es ja bereits an Ihrer Stimmung, am vielen Schimpfen, an Ihrer Lustlosigkeit, dass Sie nicht mehr gut bei Kondition sind. Da es aber Ihre Verantwortung ist, für die Atmosphäre und die Qualität der Beziehungen in der Familie zu sorgen, werden Sie nicht darum herumkommen, sich zu stärken.

Als Nächstes empfehle ich Ihnen, die Beziehung zu Ihrem Mann zu pflegen, als wäre er Ihr Erstgeborenes. Auch wenn er Fulltime arbeiten geht, kann die Beziehung zu ihm für Sie eine Energiequelle sein. Wenn er daheim ist, kann er sich mit Ihnen gemeinsam der Teamaufgabe Elternschaft widmen. Je reibungsfreier, umso besser für alle. Wenn diese Basis mal stimmt, also dass es Ihnen und ihrer Beziehung zu Ihrem Mann gutgeht, haben Sie schon fast gewonnen.

Ich lese noch so einige Glaubenssätze, Erwartungen und Haltungsfragen aus Ihren Zeilen heraus, denen Sie sich selbst stellen dürfen. Solange beziehungsweise sobald Sie klar sind in Gedanken, Worten und Taten, wird sich ganz viel beruhigen, denke ich. Sie dürfen, wie so viele andere Eltern auch, die Chance ergreifen, an der Elternaufgabe persönlich zu wachsen. Ich begleite Sie gerne auf Ihrem Weg, ganz individuell und auch online. Dann wird's irgendwann auch leiser daheim. (Linda Syllaba, 6.8.2020)

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Auch individuelles Online-Coaching ist möglich. Aktuelles Buch: "Die Schimpf-Diät" (2019).
Foto: Bianca Kübler Photography