Tongoenas burleyi (rechts) und Caloenas canacorum: zwei ausgestorbene Riesentauben, die einst auf den Tonga-Inseln lebten.
Illustration: Danielle Byerley

"Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen" – nach dieser Devise fütterte Aschenputtel ihre Haustauben. Was da im gleichnamigen Märchen aussortiert wurde, waren Erbsen. Die erst jetzt entdeckte Riesentaube Tongoenas burleyi, die bis vor knapp 3.000 Jahren im Südpazifikraum lebte, hätte mit derselben Leichtigkeit Tennisbälle verschlucken können, berichten US-Forscher im Fachjournal "Zootaxa".

Die Riesen der Taubenwelt

Nicht alle großen Tauben sind ausgestorben – auch heute noch hat diese Vogelgruppe Spektakuläreres zu bieten als jene Exemplare, die in unseren Städten omnipräsent sind. Die Krontauben von Neuguinea etwa sehen mit ihren prächtigen Schöpfen und ihrem leuchtend bunten Gefieder aus wie Paradiesvögel – und sie werden fast so groß wie ein Truthahn.

Bis in historische Zeit gab es Tauben, die das sogar noch übertrafen: Bekanntestes Beispiel ist der einen Meter hohe und 15 Kilogramm schwere Dodo von Mauritius, der im 17. Jahrhundert ausgerottet wurde. Der nahe mit ihm verwandte Solitär von der Nachbarinsel Rodrigues und die erst Anfang des Jahrtausends identifizierte Viti-Levu-Riesentaube von den Fidschi-Inseln waren aber kaum kleiner. Ein gemeinsames Merkmal dieser drei ausgestorbenen Riesentauben war, dass sie nicht mehr fliegen konnten.

Die Knochen von Tongoenas burleyi (braun) im Vergleich mit denen einer Großen Fruchttaube von heute.
Foto: Rose Roberts/Florida Museum

Tongoenas burleyi hingegen, deren Knochen auf der Tonga-Insel 'Eua ausgegraben wurden, konnte trotz einer Körperlänge von einem halben Meter (ohne Schwanz) fliegen: Das schließt ein Biologenteam um David Steadman vom Florida Museum of Natural History aus den kurzen Beinen des Tiers. Der Vergleich mit den Beinlängen bei anderen Taubenarten weist laut den Forschern darauf hin, dass Tongoenas nicht am Boden, sondern in den Baumkronen lebte.

Und diese Baumkronen hingen voller Früchte, auf die sich die Riesentaube spezialisiert haben dürfte. Tongoenas nahm allerdings etwas größere Portionen zu sich als die heutigen Fruchttauben und hätte laut Steadman Mangos und Guaven im Ganzen verschlucken können. Der Forscher spricht vom extremsten bekannten Beispiel der Koevolution zwischen früchtetragenden Pflanzen und Fruchttauben. Beide Seiten hatten von diesem Zusammenspiel ihren Vorteil: Die Tauben fraßen die Früchte, schieden die darin enthaltenen Samen wieder aus und sorgten so für die Verbreitung der Pflanzen von Insel zu Insel.

Krontauben sind die größten Tauben, die es heute noch gibt. Sie leben vorwiegend am Boden, können aber noch fliegen.
Foto: REUTERS/Santiago Ferrero

Die annähernd unerschöpfliche Nahrungsquelle war aber nur einer der Gründe, warum die Tauben von Tonga so groß werden konnten. Als zweiter Faktor kam das weitestgehende Fehlen von Fressfeinden hinzu. Es gab im ganzen Archipel weder Raubtiere noch Primaten, auf vielen Inseln fehlten auch Eulen oder Falken – zumindest hat man dort bislang keinerlei Spuren von Räubern gefunden, so die Forscher.

Bis dann eben doch einer ankam und den Vögeln den Garaus machte, und auch hier war es natürlich der Mensch. David Steadman und der Archäologe David Burley von der Simon Fraser University fanden bei ihren Ausgrabungen auf 'Eua reihenweise Tongoenas-Knochen mit Brandspuren: ein klarer Hinweis darauf, dass die Vögel von Menschen verzehrt worden waren. Anders als beim Dodo steckten diesmal aber keine Europäer dahinter.

Aus den bisher gemachten Funden schließen die Forscher, dass die früchtefressende Riesentaube den Archipel mindestens 60.000 Jahre lang besiedelte. Doch als vor etwa 2.850 Jahren die ersten Menschen auf den Inseln eintrafen, dauerte es nur ein bis zwei Jahrhunderte, bis die Art ausgerottet war. Es ging also fast so schnell wie beim Dodo. Steadmans nüchterner Befund: "Tauben schmecken eben gut." (jdo, 8. 8. 2020)