Fast so streng wie das Auge Saurons: der Blick eines Zwergflamingos.
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Du bist, was du isst. Dieser Satz nimmt bei manchen Tierarten eine besondere Bedeutung an – etwa bei Flamingos, die mit ihrer typisch rosa Gefiederfarbe nicht geboren werden, sondern sie sich erst erarbeiten müssen. Oder genauer gesagt: anfressen.

Mit einem in der Vogelwelt einzigartigen Filterapparat im Schnabel durchsieben Flamingos das Wasser nach Kleinlebewesen wie Mückenlarven, Kleinkrebsen oder sogar Cyanobakterien – je nach Flamingoart ist der Filter unterschiedlich engmaschig. Das klingt nach spärlicher Kost, doch wie bei allen Planktonfressern macht es die Masse: Eine große Flamingokolonie kann auf diese Weise pro Tag Dutzende Tonnen an Nahrung aus dem Wasser holen. Als Nebenwirkung reichern sich die in der Nahrung enthaltenen Carotinoide im Körper der Vögel an und geben dem Gefieder seine rosa Färbung.

Bewegungsstudie eines Zwergflamingos – so ätherisch muten die Vögel im Alltag freilich nicht immer an.
Foto: AP Photo/Jens Meyer

Diese dynamische Art der Farbgebung liefert naturgemäß kein gleichbleibendes Ergebnis und steht überdies eng mit dem Verhalten der Tiere in Verbindung, wie Forscher der Universität Exeter berichten. Sie beobachteten die Flamingos im WWT Slimbridge Wetland Centre, einem 800 Hektar großen Gelände für Schutz und Aufzucht verschiedener Wasservogelarten im Südwesten Englands.

Auch Zwergflamingos, deren natürliche Heimat Afrika ist, gibt es dort. Und die teilte das Team um Paul Rose auf einer Farbskala von 1 (hauptsächlich weiß) bis 4 (hauptsächlich pink) ein. Anschließend beobachteten sie, wie sich die 1er bis 4er jeweils verhielten respektive wann und warum Individuen im Lauf der Zeit durch die Farbskala wanderten.

Rüdes Verhalten: Ein Flamingo in gesundem Rosa drängt einen bleicheren Rivalen zur Seite.
Foto: Paul Rose

Das Zusammenhang war sehr eindeutig: Je pinker ein Flamingo war, desto dominanter trat er – oder sie – auf und schubste bleichere Artgenossen bei der Futtersuche aus dem Weg. Die Weibchen zeigten sich laut den Forschern genauso streitlustig wie die Männchen.

Die Parallelität von Farbe und Verhalten ist nicht verwunderlich, wie Rose erklärt: Ein Flamingo kann nur dann eine kräftige Färbung haben, wenn er gut genährt ist – und dieselbe Ursache verleiht ihm auch genug Energie und Durchsetzungsvermögen für Kämpfe. Eine Flamingokolonie hat laut Rose eine komplexe Sozialstruktur. Streit steht da an der Tagesordnung, und ein fittes Tier signalisiert seinen Artgenossen unmissverständlich, dass man seine Kreise besser nicht stören sollte.

Und noch etwas signalisiert ein leuchtend rosa gefärbter Flamingo: Paarungsbereitschaft. Die Fortpflanzung ist bei dieser Art nicht an eine bestimmte Jahreszeit gebunden. Sobald die Tiere fit genug dafür sind, zeigen sie dies an, indem sie noch stärker "erröten". Wenn die Paarung dann Resultate gezeigt hat, geht es wieder in die andere Richtung. Beide Elternteile kümmern sich um den Nachwuchs, und die Mühe sieht man ihnen dann auch an. Menschliche Jungeltern mögen vor Schlaflosigkeit dunkle Augenringe bekommen – Flamingos bleichen aus. (jdo, 30. 8. 2020)