DER STANDARD

Einige der Botschaften klingen sehr ernüchternd. Die Computermodelle zeigen eindeutig, dass im Herbst eine spürbare Zunahme der Corona-Fälle auf Österreich zukommt, sagt der Simulationsforscher Niki Popper von der TU Wien. Der Tiroler Mediziner und Infektiologe Günter Weiss, der viele Corona-Patienten behandelt hat, erzählt, dass bis heute keinerlei gezielte Therapie gegen Covid-19 existiert und im Grunde das, was wir über das Virus nicht wissen, gegenüber den gesicherten Erkenntnissen überwiegt.

Doch wen diese Aussagen der beiden Experten zu Beginn der Videodiskussion "STANDARD mitreden"verängstigen, der sollte Popper, Weiss und Lisa Haderer von der Pflegeanwaltschaft in Niederösterreich weiter zuhören – denn es gibt auch gute Gründe, optimistisch in den Herbst zu blicken.

Was haben wir in Österreich in den vergangenen sechs Monaten dazugelernt über Corona: Diese Frage stand im Zentrum der Debatte. Und hier gibt es doch einiges zu berichten.

Alles, nur keine Intensivstation

Der Mediziner Weiss erzählt, wie sich die Behandlung der Covid-Patienten verändert hat. Die Zeiten, in denen darüber debattiert wurde, wo Beatmungsgeräte bestellt und wie mehr Kapazitäten auf den Intensivstationen geschaffen werden können, die scheinen vorbei. Weiss berichtet nämlich, dass heute vor allem versucht wird, nicht invasiv zu behandeln, also mit Inhalations- und Physiotherapie etwa sowie durch die Gabe von flüssigem Sauerstoff durch die Nase. So soll ein Aufenthalt auf der Intensivstation um jeden Preis vermieden werden. Denn es habe sich gezeigt, dass bei Corona die Aufenthalte auf der Intensivstation deutlich länger sind als etwa bei einer Grippe und eine Besserung des Zustands viel schwieriger zu erreichen ist.

Popper erzählt über die große Rolle der Superspreader: Mehr noch als bei anderen Erkrankungen scheinen einige wenige Menschen, die ganz viele andere anstecken, für die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus verantwortlich zu sein. Das Gute daran: Allein wenn es gelingen würde, diese Superspreader effektiv zu isolieren, würde sich die Erkrankung nicht mehr exponentiell ausbreiten. "Doch dafür müssen wir besser werden", so Popper, der sich mehr vorausschauende Planung wünscht – etwa bei der Wiedereröffnung der Schulen.

Zweiter Lockdown?

Lisa Haderer von der Pflegeanwaltschaft in Niederösterreich kritisiert, dass viele ältere und pflegebedürftige Menschen unter Abschottung in Pflegeeinrichtungen in den vergangenen Monaten extrem gelitten haben. Das dürfe sich in dieser Form nicht wiederholen, sagt sie. Die Risikogruppen vor Corona zu schützen sei wichtig, dürfe aber nicht der einzige Fokus sein, um Vereinsamung und Depression in Pflegeeinrichtungen zu verhindern. Und: Sie kritisiert, dass noch immer von Pflegeheim zu Pflegeheim teils völlig unterschiedliche Regelungen bestehen, was erlaubt ist und was nicht.

Sehen Sie außerdem im Video: Der Arzt Weiss berichtet, wie die schweren Corona-Infektionen verlaufen und warum es wichtig ist, gerade in diesen Fällen früh zu intervenieren. Außerdem erzählt er über die Langzeitfolgen von Corona und von den Reha-Bemühungen für Ex-Patienten. Sehen Sie außerdem, wie sich die Simulationen Poppers durch neue Erkenntnisse verändert haben und warum er glaubt, dass ein zweiter Lockdown vermeidbar ist. (Video: Yossef Ayham, Text: András Szigetvari, 7.8.2020)