Die Druckwelle hat viele Fenster in der Umgebung kaputt gemacht – auch in kilometerweiter Entfernung.

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Zerstörte Getreidespeicher im Hafenareal.

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Das Gemmayze-Viertel ist direkt hinter dem Hafen. Auch das Wohnhaus von Raymond Essayan befindet sich dort.

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Die halbe Stadt ist von den Schäden betroffen.

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Viele Menschen mussten aus den Betontrümmern befreit werden, etliche werden noch vermisst.

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Wie so oft saß Raymond Essayan auch an diesem Dienstagabend auf dem Flachdach seines Wohnhauses in Beirut. Doch anstelle der Abendsonne, die langsam zum Horizont hinunterwandert, sollte in wenigen Minuten ein anderer Feuerball die Abendstimmung über der Stadt prägen.

Essayan erinnert sich noch an einen Knall, der aus Richtung des Hafens hinübertönte. Danach stiegen Rauchschwaden auf. Dann ein weiterer Knall. In Schockstarre beobachtete der 30-jährige Libanese, wie die Wolke eine Pilzform annahm. Reflexartig fand er an einem Gestell Halt. Dann nahm ihm eine Wand aus Schutt und Asche Sicht und Orientierung. Essayan fand sich auf dem Boden in Rückenlage wieder – unversehrt, wie er mit großer Verwunderung dem STANDARD erzählt, aber in einem Schockzustand. Um ihn herum lagen unzählige felsengroße Betontrümmer.

Nach einem Moment der Stille legte sich eine grausame Geräuschkulisse über die Stadt: schreiende Menschen und das ununterbrochene Läuten der Sirenen. Nicht nur das Dach von Essayans Wohnhaus lag in Trümmern, auch in seinen vier Wänden fand er ein Scherbenmeer vor, dazwischen zerrissene Holztüren und Fensterläden. Verloren stolperte er auf die Straße hinaus, überall Chaos, Blut und Zerstörung.

Essayan ist einer von möglicherweise Hunderttausenden in Beirut, die durch die Explosion ihr Zuhause verloren haben. Mindestens 145 Menschen bezahlten mit ihrem Leben, Tausende wurden verletzt. Die halbe Stadt wurde beschädigt, bestätigten die Behörden am Mittwoch, der zu einem "Tag der Trauer" ausgerufen wurde. Der Schaden liegt in Milliardenhöhe, das Land ist allerdings bereits seit Monaten bankrott.

Schon vor der Corona-Pandemie, die die Volkswirtschaften weltweit lahmlegte, steckte der Libanon in einer schweren Krise. Die Wirtschaft kam bereits im Oktober 2019 zu einem Stillstand, dazu kam eine akute Zahlungskrise im Bankensektor.

Um dem wirtschaftlichen Niedergang entgegenzusteuern, beschloss die Regierung damals neue Steuern. Mit dem Vorstoß, Whatsapp-Anrufe zu besteuern, handelte sie sich allerdings statt Staatseinnahmen wochenlange Massenproteste ein. Der Aufstand führte zwar zu einer Regierungsumbildung, doch die Korruption im Land grassierte weiter, der Wert der Währung verfiel, und die Wirtschaft fiel ins Bodenlose.

Die Corona-Krise wirkte wie ein Brandbeschleuniger, das libanesische Pfund hat in den vergangenen Monaten mehr als 80 Prozent seines Werts im Vergleich zum US-Dollar verloren. Weil der Libanon nahezu alles importieren muss, explodierten die Preise. Tausende Unternehmen sperrten zu, Zehntausende verloren ihren Job, und Stromausfälle von bis zu zwanzig Stunden pro Tag sind die Regel geworden. Wer nachts mit dem Auto fährt, muss meist ohne Straßenbeleuchtung zurechtkommen.

Gefährdete Existenzgrundlage

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung, darunter ein Großteil der Mittelklasse, schlitterte unter die Armutsgrenze. Viele Libanesen wissen nicht mehr, wie sie ihre Familien ernähren sollen. Mehrfach wurde in den vergangenen Monaten von Familienvätern berichtet, die sich aus Verzweiflung an öffentlichen Plätzen das Leben nahmen.

Den Libanesen wurde in den vergangenen Jahrzehnten von westlichen Medien wiederholt eine unglaubliche Resilienz bescheinigt. Das Land hat einen Bürgerkrieg, den eisernen Griff des syrischen Geheimdienstes, politische Ermordungen, den Krieg mit Israel und eine andauernde Flüchtlingskrise durchlebt. Unter dem Kugelhagel würde Party gemacht, hieß es oft in Medienberichten.

Resilient sind aber vor allem die Politiker und die Eliten, die einen großen Teil ihres Vermögens außer Landes schafften, während die Libanesen auf Anweisung der Zentralbank bloß 200 Dollar pro Monat von ihren Konten beheben dürfen. Bereits vor der verheerenden Detonation am Beiruter Hafen klagten vor allem die jungen Libanesen, dass sie die politische Klasse ihrer Zukunft beraubt habe. Nun wird die Regierung in den sozialen Medien angeklagt, sie auch der Gegenwart beraubt zu haben: Trotz Unklarheiten über den genauen Hergang der Explosion, bei der hochexplosives Material in den Hafenspeichern detonierte, herrscht Fassungslosigkeit über die Fahrlässigkeit der Behörden. Jahrelang wurde tonnenweise Ammoniumnitrat im Hafenareal nahe der Innenstadt gelagert. Die Flammen zerstörten auch die lebenswichtigen Lagerstätten für Getreide, die Reserven reichen nun nicht einmal bis Monatsende. (Flora Mory, 5.8.2020)