Nein, das ist kein Biber, sondern eine "Biberratte", besser bekannt als Nutria.
Foto: Robin Loznak/The News-Review

Gut 60 Zentimeter lang, mit graubraunem Fell, einem nackten Rattenschwanz und Nagezähnen in leicht verstörend wirkendem Orange: Das ist das typische Erscheinungsbild einer Nutria (Myocastor coypus), auch Biberratte genannt. Nicht zu verwechseln übrigens mit der etwas kleineren Bisamratte (Ondatra zibethicus), die einen etwas abgeplatteten Schwanz hat.

Beides sind Arten, die nicht nach Europa gehören und sich doch hier etabliert haben. Die Bisamratte – eigentlich eine riesige Wühlmaus – stammt aus Nordamerika, während die mit den Meerschweinchen verwandte Nutria in Südamerika beheimatet ist. Beide wurden im 19. und frühen 20. Jahrhundert als Pelztiere importiert.

Unverkennbares Nutria-Merkmal: die weißen Tasthaare. Die orange Farbe der Zähne, die auch bei Bibern auftritt, rührt von einem eisenhaltigen Pigment im Zahnschmelz her.
Foto: APA/dpa/Frank Rumpenhorst

Doch immer wieder kam es vor, dass die imposanten Nager aus der Gefangenschaft ausbüxten, was schließlich zum Aufbau überlebensfähiger Populationen und einer immer weiteren Ausbreitung führte. Verstärkt wurden ihre Reihen durch Exemplare, die absichtlich freigesetzt wurden, als der Pelztiermarkt in Europa weitgehend zusammenbrach.

Wo es Gewässer oder Sumpfgebiete gibt, fühlen sich die Tiere heimisch – ganz ähnlich wie die einheimischen Biber. Den südamerikanischen Nutrias, die eigentlich auf subtropische Verhältnisse angelegt sind, setzte bislang allerdings das europäische Klima gewisse Grenzen. Das dürfte sich mit dem fortschreitenden Klimawandel aber ändern, wie Wiener Forscher nun berichten.

Befund und Prognose

Im Fachmagazin "NeoBiota" ging das Team um Anna Schertler und Franz Essl der Frage nach, wie sehr sich Nutrias in Europa noch ausbreiten könnten. Das Fazit, beruhend auf Daten der bisherigen Verbreitung und Klimaprognosen: Da ist noch jede Menge Luft nach oben.

Schon jetzt kann man den Tieren den Forschern zufolge entlang der Flussläufe von Leitha, March oder Mur sowie am Neusiedler See begegnen. Und laut Essl ist in Zukunft noch mit einer deutlichen Ausbreitung zu rechnen: "Es zeigte sich, dass die derzeit bekannten Vorkommen nicht einmal die Hälfte der potenziell geeigneten Fläche in Europa abdecken." Durch die Klimaerwärmung würden "nördlichere Regionen zunehmend nutriafreundlicher". Unklar ist laut Schertler dafür, wie die Tiere in Südeuropa zurechtkommen werden, wo es nicht nur heißer, sondern auch trockener wird.

Begegnung zwischen einem Alteuropäer und einem Zuzügler.
Foto: AP Photo/Michael Probst

Seit 2015 steht die Nutria auf der EU-Liste jener eingeschleppten Arten, deren weitere Ausbreitung in Europa verhindert werden soll. Die Tiere können Schäden in der Landwirtschaft anrichten und Wasserbauanlagen destabilisieren, da sie in Uferbereichen ihre Höhlensysteme anlegen. Zudem hat die heimische Flora unter ihrer Gefräßigkeit zu leiden, nicht zuletzt Pflanzenarten, die selten geworden sind.

In den Niederlanden, wo Dämme und Deiche von besonderer Bedeutung sind, wird längst Jagd auf Nutrias gemacht. In Österreich, wo die Tiere vorerst noch eine Randerscheinung sind, sehen die "Bekämpfungsmethoden" noch etwas sanfter aus. So fordern die Forscher mehr Aufklärungsarbeit, damit die Tiere in urbanen Räumen nicht auch noch gefüttert werden. (red, 6.8.2020)