Philip Eisenburger ist Vorstand der Österreichischen Vereinigung für Notfallmedizin (AAEM) und Notfallmediziner in der Klinik Floridsdorf.
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Covid-19-Patienten belegen ein Intensivbett oft für drei Wochen.
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STANDARD: Was sagen Sie zu der Zahl der täglichen Neuinfektionen?

Eisenburger: Das war zu erwarten. Es gibt kaum Hoffnung, dass diese Krankheit einfach verschwindet, schon gar nicht, wenn Reiseverkehr stattfindet. Wenn man ansteckend ist, bevor man krank ist, ist das nicht einmal eine Frage der Disziplin oder der Selbstlosigkeit. Von einer zweiten Welle würde ich noch nicht sprechen, derzeit flackern die Infektionszahlen eher so dahin. Einen explosiven Anstieg gibt es derzeit nicht, aber die Zahlen steigen wieder. Aus der Sicht der Notfallmedizin bereiten wir uns aber auf jeden Fall darauf vor.

STANDARD: Wie ist aktuell das Vorgehen in Ihrer Abteilung?

Eisenburger: Bei der jetzigen Prävalenz und unseren Möglichkeiten, Patienten zu isolieren, sie aber dennoch gut zu behandeln, arbeiten wir mit einer gewissen Vortestwahrscheinlichkeit. Wenn das ganze Land an Corona erkrankt wäre, wären wir immer maximal geschützt bei allen Patienten, die zu uns kommen. Aktuell haben wir aber diverse Vorkehrungen wieder etwas reduziert. Patienten mit eindeutigen Beschwerden, etwa einem gebrochenen Fuß oder einem Herzinfarkt, werden nach ausführlicher Befragung zu Atemwegssymptomen oder Kontakt zu Corona-Infizierten nicht mehr in voller Schutzausrüstung begrüßt – natürlich aber mit Maske und Handschuhen. Das klappt eigentlich gut. Eine Teilnormalität ist vor einigen Wochen in den Vordergrund gerückt, und so können wir etwas entspannter an die Sache herangehen, wenngleich die Situation sich momentan wieder etwas zuzieht. Wir berücksichtigen aber immer, was wäre, wenn ein Patient doch mit Sars-CoV-2 infiziert wäre, und haben dafür auch unterschiedliche Infektionszonen eingerichtet. Natürlich müssen wir als erste Anlaufstelle im Krankenhaus immer vorsichtig sein.

STANDARD: Sind Sie jetzt besser vorbereitet als vor der ersten Welle?

Eisenburger: Der erste Patient, der bei uns positiv getestet wurde, hatte ganz atypische Symptome – das haben wir falsch eingeschätzt, und viele Mitarbeiter aus mehreren Abteilungen und Berufsgruppen mussten in Quarantäne geschickt werden. Zum Glück ist niemand von ihnen erkrankt. Insofern haben wir schon viel gelernt, da würden wir heute vorsichtiger sein. Strukturell waren wir aber immer gut vorbereitet.

STANDARD: Weil Sie immer mit solchen Szenarien rechnen müssen?

Eisenburger: Ja. Die Notfallabteilungen haben in kürzester Zeit ihre Logistik und ihre geografische und bauliche Struktur angepasst. Wir haben Risiken abgewogen und Patienten kategorisiert – ob infektiös oder nicht. Das haben Notfallabteilungen prinzipiell auf ihrem Radar. Wir planen Katastrophen sowieso immer. Das ist jetzt natürlich eine andere Dimension, als wenn wir uns auf einen Busunfall vorbereiten oder wenn ein Hotel brennt. Bei Seuchen können auch wir selbst betroffen sein. Aber die Bereitschaft, Katastrophenmedizin von einer Minute auf die andere zu machen, sobald die Rettungsleitstelle anruft, ist prinzipiell immer da.

STANDARD: Welche Vorbereitungen gab es zu Beginn der Pandemie?

Eisenburger: Wir haben uns darauf vorbereitet, dass ein infizierter Patient kommt, haben verschiedene Zonen eingerichtet. In der ganzen Stadt gab es einen Stufenplan, wo die Patienten hinkommen – dass dort auch die Expertise gebündelt wird und Erfahrungen dort schnell aufgebaut werden können. Der Krisenstab und die Krankenhäuser haben in dieser Pandemie Strukturen geschaffen, die Ordnung hineingebracht haben.

STANDARD: Wussten Sie, wo es wie viele freie Intensivbetten gibt?

Eisenburger: Ja, Wien-weit hatte unsere Generaldirektion den Überblick über die Betten relativ schnell etabliert. Die Häuser haben das an die Zentrale gemeldet, auch als die Vorgabe war, nur mehr Eingriffe durchzuführen, die nicht verschoben werden können.

STANDARD: Wie wurde entschieden, welche Behandlungen verschoben werden?

Eisenburger: Das ist natürlich eine Ermessenssache, und viele Komponenten spielen eine Rolle. Covid-19-Patienten belegen ein Intensivbett oft für drei Wochen. Zudem kommen immer wieder Patienten mit anderen Diagnosen auf die Intensivstation, von denen man es gar nicht erwartet hätte. Lässt man ein Bett frei, weil es sein könnte, dass ein Covid-19-Patient es brauchen wird? Oder gibt man es einem Patienten, der eine akute Bypass-Operation braucht?

STANDARD: Und?

Eisenburger: Der schlimmste Fall wäre gewesen, Covid-19-Patienten Intensivmedizin vorzuenthalten, weil es nicht genug Beatmungsbetten gibt. Das ist eine Situation, auf die man sich nicht leichtfertig einlassen will. Die Perspektive war Anfang März ganz klar, dass wir Ende März alle Intensivbetten Österreichs voll haben werden. Dann wurde dieses Datum korrigiert und ist letztlich ist die Situation nie eingetreten. Im Nachhinein hat sich gezeigt – aber das war vorher nicht absehbar –, man hätte noch mehr elektive Eingriffe durchführen können, also Eingriffe, die man vorplanen kann.

STANDARD: Es wurden aber nicht alle abgesagt, oder?

Eisenburger: Nein. Die medizinischen Abteilungen haben in eigenem Ermessen entschieden, welche Eingriffe gemacht werden mussten. Patienten wurden ja auch weiter behandelt, etwa frisch diagnostizierte Krebsfälle oder dann, wenn Stents gesetzt werden mussten. In Wahrheit ist das auch für jeden Arzt und jede Ärztin eine furchtbare Entscheidung. Selbst wenn die Prognose sich durch Aufschub nicht verschlechtern würde, haben etwa Leute, die einen neuen Hüftersatz brauchen, große Schmerzen. Das ist auch keine Kleinigkeit.

STANDARD: Was ist mit Früherkennung?

Eisenburger: Auch nicht einfach für Patienten. Wenn zum Beispiel eine Kontrollkoloskopie, also eine Untersuchung des Darms, im Frühjahr geplant war, wurde sie verschoben. Das produziert auch Ängste bei den Patientinnen und Patienten, denn es geht ja darum, eine medizinische Frage zu klären. Das will man abhaken. Es ist also in jedem Fall immer eine Sache des Abwägung.

STANDARD: Experten haben schon seit vielen Jahren vor den Gefahren einer Pandemie gewarnt. Hätte man sich besser vorbereiten müssen?

Eisenburger: Hätten wir es mit einem Virus zutun, das ähnlich ansteckend und tödlich wäre wie Ebola, würden wir heute schön schauen. Die Expertise im Umgang mit Ebola gibt es schon in Wien, aber für diese Art der Pandemie wären wir sicher quantitativ nicht gerüstet gewesen, allein schon wenn es um Schutzausrüstung für das ganze Personal für mehrere Monate geht. Unsere Pandemielager waren darauf ausgelegt, dass wir jederzeit Ausrüstung nachbestellen können – auch spontan. Der Bedarf war höchstens für ein Wochenende vorhanden und für Dimensionen wie etwa einen Norovirenausbruch in einer Schule, wo 300 Schülerinnen und Schüler auf mehrere Krankenhäuser verteilt werden.

STANDARD: Und was wird sich nun ändern?

Eisenburger: Medizin ist wie eine Wette. Ich hätte mir nicht gedacht, dass es zu Situationen kommt, wie wir sie bei der Versorgung mit Schutzausrüstung in dieser Pandemie gesehen haben – also zu Lieferengpässen, Problemen beim Zoll oder dieser internationalen Wegelagerer-Mentalität, mit der der ganze Weltmarkt aufgekauft wurde. Nun wissen wir es besser. Aber die Lager immer für den maximal denkbaren Fall auszustatten, kostet wirklich viel Geld. Und es gibt eine große Wahrscheinlichkeit, dass diese Ausstattung irgendwann ihr Ablaufdatum erreicht. Es gibt viele Szenarien, die theoretisch eintreten könnten: ein Nuklearunfall, dass die Raffinerie in Schwechat in die Luft fliegt. Irgendwo muss man auch eine Plausibilitätsgrenze einziehen. Wenn man natürlich auf Beirut und die Explosion dort schaut, weiß man, dass einen auch die richtig großen Katastrophen treffen können – ganz ohne Krieg oder Terror. (Bernadette Redl, 23.8.2020)