Queere Black-Lives -Matter-Proteste in Portland, Oregon, am 2. August 2020.

Foto: Getty Images / AFP / Nathan Howard

Vor Wochen erhielt ich auf dem Höhepunkt der Black-Lives-Matter-Demonstrationen von einer Initiative aus Deutschland folgende Mail:

Schaffen . WIR . den RASSISMUS. ab . RASSISMUS ... MUSS NICHT . SO BLEIBEN . . RASSISMUS ... DARF NICHT . SO BLEIBEN .

PROFESSOREN, HISTORIKER, PHILOSOPHEN . STAATSMÄNNER . . und ... WIR . . müssen. den RASSISMUS. . JETZT . .abschaffen ...

Ich finde das rührend und zugleich naiv. Ja, es lohnt, sich für eine Welt einzusetzen, in der alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion usw. die gleichen Rechte und Pflichten haben, Anerkennung genießen. Zugleich beschleicht mich ein Unbehagen: als ob es per Knopfdruck möglich wäre, Ungleichbehandlung von Menschen abzustellen.

Erstaunlich, wie lange die USA, ein Land mit langer demokratischer Tradition, schon an diesem Problem kauen, von der Unabhängigkeitserklärung, die anscheinend nicht für alle galt, über den Bürgerkrieg, der vor 155 Jahren mit der Niederlage der Südstaaten endete, bis zu den 1960er-Jahren, als es der schwarzen Freiheitsbewegung gelang, Apartheidsregelungen, die man im wunderbaren Film The Green Book vorgeführt bekommt, zu beseitigen.

Das moralische Monopol

Mein Misstrauen hat damit zu tun, dass es in diesem Kampf gegen Rassismus und Sexismus eine objektive Instanz zu geben scheint, nämlich die Betroffenen, denen die Definitionshoheit und das moralische Monopol zukommen. Diese wiederum sind höchst subjektiv. Das reine Empfinden scheint dabei zu genügen.

Damit einher geht wie beim Begriff Faschismus eine rhetorische Ausweitung der Begrifflichkeiten, die den Konflikt weiter anheizt. Wie alle politischen Kämpfe kennt auch die schwarze Bürgerrechtsbewegung verschiedene Fraktionen, in der Spannbreite von Martin Luther King bis zu Malcolm X.

Denkmäler wurden in beinahe allen Aufständen und Revolutionen gestürzt. Häufig sind dabei nicht nur Fahrzeuge und Geschäfte zertrümmert worden, sondern es sind nicht selten Köpfe gerollt. Radikalität genießt seit 1968 enormes Prestige als Superlativ. Man geht den Dingen auf den Grund und reißt das Übel mit der Wurzel aus.

Der Kulturalismus unserer Tage wählt dazu ein erstaunlich autoritäres Mittel: Zensur und Verbot. Wenn beleidigende Gedankengänge, diskriminierende Worte, Proponenten und bestimmte Bilder des Anderen verboten und sanktioniert werden, dann würde das kulturelle Gedächtnis mit einem Schlag von diesen Altlasten befreit.

Neue und selbstkritischere Narrative

Aber eine solche Löschung ist weder realistisch noch wünschenswert, denn das Schlimmste an allen kollektiven historischen Verbrechen ist, dass sie niemals rückgängig gemacht werden können. Wir müssen auf verschiedene Weise mit ihnen weiterleben.

Die reale soziale und wirtschaftliche Veränderung der Situation der Menschen in den Banlieues von Paris oder in vielen Bezirken der US-Großstädte, Weißer, Schwarzer und Hispanics, ist dabei ebenso eine Voraussetzung wie der Versuch, einen Prozess der Versöhnung zu eröffnen, der neue und selbstkritischere Narrative der eigenen Nation hervorbringt, zu der alle Amerikaner und Amerikanerinnen ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer Sprache und ihres Geschlechts gehören.

Ich unterrichte seit mehr als 20 Jahren an verschiedenen Universitäten dieser Welt Kulturwissenschaften und Cultural Studies. Ich frage mich selbstkritisch, ob diese Diskurse mit zu den Überspitzungen und Übertreibungen beigetragen haben. Dabei kommt mir der widersprüchliche Diskurs über Identität in den Sinn.

Denn zum einen lernen die Studierenden in diesen transdisziplinären Bereichen, dass Identität das Ergebnis symbolischer Konstruktionen und nichts Natürliches ist; zum anderen kommt insbesondere in der politischen Umsetzung eine Vorstellung ins Spiel, die man etwas ironisch so formulieren könnte: identity matters.

Exklusiv und anders sein

Die Attraktivität von Identität liegt auf der Hand: die Sehnsucht danach, exklusiv und anders zu sein und darin anerkannt werden zu müssen. Überspitzt formuliert handelt es sich um einen Fundamentalismus kulturell markierter Differenzen: Wer für sich die Identität eines benachteiligten Menschen reklamiert, dem oder der darf man nicht widersprechen.

Schon vor zwanzig Jahren schrieb Terry Eagleton, ein Weggefährte der britischen Cultural Studies: "Das Paradox der Identitätspolitik besteht (...) darin, dass man eine Identität benötigt, um sich berechtigt zu fühlen, sie abzulegen. Eine Identität zu haben ist schlimm; schlimmer ist, keine zu haben. Eine Unmenge Energie in die Bekräftigung der eigenen Identität zu stecken ist dem Gefühl vorzuziehen, gar keine zu haben; noch wünschenswerter wäre es freilich, gar nicht in diesem Dilemma zu stecken."

Kultur, meinte er damals, sei "an sich überhaupt nicht politisch. Es ist nicht per se politisch, ein bretonisches Liebeslied zu singen, eine Ausstellung mit afroamerikanischer Kunst zu veranstalten oder sich zur Lesbe zu erklären. Diese Dinge sind nicht von Haus aus und für alle Zeiten politisch; politisch werden sie erst unter konkreten historischen Bedingungen – für gewöhnlich unerfreulichen.

Politisch werden sie erst, wenn sie in einen Prozess von Vorherrschaft und Widerstand geraten – wenn diese ansonsten unschuldigen Dinge aus dem einen oder anderen Grund in Kampfzonen geraten.

Endzweck einer Politik der Kultur ist es, ihnen diese Unschuld wiederzugeben, sodass man ohne die lästige Ablenkung durch politischen Hader malen, singen oder sich lieben kann. Freilich gibt es Verfechter einer Identitätspolitik, die dann nicht wissen werden, was sie mit sich anfangen sollen; aber das ist ihr Problem, nicht unseres."

Proteststurm

Bei der Kunstbiennale des New Yorker Whitney Museum 2017 präsentierte die Künstlerin Dana Schutz das Gemälde Open Cascet (Offener Sarg), in dem sie sich mit der rassistischen Ermordung eines schwarzen Jugendlichen, Emmett Till, im Jahre 1955 auseinandersetzte. Er war von einer weißen Frau, der Braut und der Tochter der beiden Täter, zu Unrecht der sexuellen Belästigung beschuldigt worden, wie die Frau mehr als fünfzig Jahre nach der schrecklichen Tat zugab.

Gegen das Gemälde erhob sich ein Proteststurm von unerwarteter Seite. In einem offenen Brief forderte die afroamerikanische Künstlerin Hannah Black seine Beseitigung, weil das "Bild eine Ausbeutung schwarzen Leids durch eine weiße Künstlerin" darstelle.

Der Konflikt endete damit, dass das Bild entfernt und zerstört wurde. Die Frau hatte nicht die "richtige" Identität. Zwei Jahre zuvor hatte eine Dozentin der Yale University, Erika Christakis, in einer Mail die Frage gestellt, ob die Verwaltung erwachsenen Menschen vorschreiben dürfe, wie sie sich auf der Halloween-Party des Universitätsinternats Silliman zu kostümieren hätten.

Daraufhin wurden die Erziehungswissenschafterin und ihr Mann, der Leiter des Internats, für Stunden gefangen gehalten, als Rassisten verunglimpft und aufgefordert, ihren Job aufzugeben. Angesichts der Unmöglichkeit, den Konflikt friedlich beizulegen, gab das Ehepaar auf und verließ die Universität.

Sensus communis

Dass in westlichen Gesellschaften Kritik an politischen Verbrechen wie der Shoah oder dem Kolonialismus oder Respekt von Minderheiten und "anderen" Lebensstilen zum Sensus communis gehören und dass homosexuelle Menschen oder ethnische Minderheiten jedweder Art unbehelligt leben können und sollen, ist unverzichtbarer Bestandteil einer Gesellschaft, die sich, dem Prinzip der Gleich-Gültigkeit folgend, auf die Menschenrechte gründet.

Diese gehen davon aus, dass alle Menschen ungeachtet von "Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand" gleiche Rechte und Freiheiten besitzen.

Die Menschenrechtserklärung von 1948, in die die Erfahrungen von Völkermord, Kolonialismus und Shoah eingeschrieben sind, ist universalistisch formuliert, sie spricht von der "Gemeinschaft der Menschen".

Moralische Tribunale

Politische Korrektheit ist nicht per se negativ, sondern entspricht jener wechselseitigen Anerkennung des Anderen, die in Gestalt der "Würde" zu den Menschenrechten gehört. Aber genau an dieser Stelle wird die Überdrehung sichtbar. Denn die mehrheitlich afroamerikanischen Studierenden, die das liberale Ehepaar Christakis mit Erfolg aus der Universität ekeln, reklamieren für sich eine Anerkennung als Minderheit mit einem kollektiven historischen Trauma und legitimieren damit ihr höchst unkorrektes Verhalten gegenüber anderen.

In einer Gesellschaft, die die Moralisierung aller Sachverhalte forciert, wird Korrektheit als scharfe Waffe eingesetzt. "Das ist keine Diskussion", schreien die aufgewühlten Studierenden den Professor an.

Ein moralisches Tribunal kommt in Gang, Menschen werden herabgesetzt, die eine andere, aber gewiss nicht rassistische Meinung haben. In der Logik von Identitätspolitik wird Freiheit, die bekanntlich immer die des Andersdenkenden ist, im Namen einer Sondermoral außer Kraft gesetzt.

Rassistische Fremdaneignung

Auch die Geschichte des Kunstwerks von Dana Schutz ist erhellend. Im Sinne einer politischen Ästhetik lässt sich darüber streiten, ob es gelungen ist. Die Stoßrichtung der Moralkritik geht indes in eine völlig andere Richtung: Das Werk wird als rassistische Fremdaneignung einer historisch traumatisierten Minderheit desavouiert.

Systematisch ausgeblendet wird, dass Kultur ohne Aneignung und Enteignung gar nicht denkbar ist. Längst ist afroamerikanische Musik wie Blues, Gospel oder Jazz weltweit angeeignet worden. Dies hat nicht nur unseren musikalischen Horizont erweitert, sondern unter der Hand einen Beitrag zur Überwindung des Rassismus beigetragen.

Warum ist kulturelle Identitätspolitik so erfolgreich? Offenkundig füllt sie die "ausgewaschene Mulde" modernen Daseins (Musil). Theoretiker wie Mark Lilla oder eben Terry Eagleton haben auf ihre Grenzen verwiesen, werden doch drängende soziale Fragen, für die die Linke eine Vorreiterrolle beanspruchte, zugunsten kultureller Luxusprobleme zurückdrängt. Die Kulturalisten heben, wie Eagleton schreibt, "ganze Lebensformen in den Himmel", wenn sie die von Minderheiten sind, "wenn es die von Mehrheiten sind, muss man sie verteufeln".

Fakten zählen nicht viel

Für eine geraume Zeit wird das ideologische Angebot kultureller Identitätspolitik, die ironisch in die Mehrheitsgesellschaft eingesickert ist, attraktiv bleiben, neutralisiert sie jeglichen Einspruch.

Fakten und deren Interpretationen zählen nicht viel, vielmehr die eigene Befindlichkeit: "Sie sollen den Studierenden hier in Silliman ein Zuhause bieten, an dem sie sich wohlfühlen können", hält eine Studentin dem Rektor vor. Wohlfühlen ist das Stichwort.

Wenn ein Thema wie in Kleists heikler Novelle Die Marquise von O. nicht goutiert wird, dann muss es erlaubt sein, den Seminarraum zu verlassen. In diesem Diskurs gibt es noch eine Dimension, die ihm eine enorme Schubkraft verleiht. Seine Machtstrategie läuft darauf hinaus, das jeweilige Gegenüber zeitlebens zu verschulden. Im Deutschen hat das Wort "Schuld" eine treffsichere doppelte Bedeutung, eine moralische und eine ökonomische.

In einem Interview erklärte kürzlich die Grünen-Politikerin Sigrid Maurer, dass Versöhnung keine politische Kategorie sei. Das ist ein bezeichnender Irrtum. Ohne Versöhnung zwischen Deutschen und Franzosen gäbe es nicht jenes großartige Friedensprojekt Europa.

Auch die verweigerte Versöhnung folgt einem politischen Kalkül: nämlich eine scharfe Waffe nicht aus der Hand zu geben, die zugleich mit der eigenen liebgewordenen Identität zu tun hat. Die fortwährende Verschuldung zielt darauf ab, unbequeme Andere zum Schweigen zu bringen.

Nun wird klar, warum manche feministische Studentinnen Kleist und seine Novelle nicht mögen, nicht aufgrund des drastischen sexuellen Übergriffs auf eine ohnmächtige, schlafende Frau, sondern wegen des Finales: Die Frau, deren weibliche Souveränität außer Frage steht, vergibt, ja verzeiht am Ende dem Täter. (Wolfgang Müller-Funk, 8.8.2020)