Flugzeuge bleiben eine Zeit lang auf dem Boden, und die Natur blüht sofort auf? Das hatte sich wohl niemand wirklich ernsthaft erhofft.
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Schon in der ersten Märzhälfte tauchten die ersten Satellitenbilder auf, die zeigten, wie in Regionen, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen waren, die Luftverschmutzung abgenommen hatte. Das teilweise Herunterfahren der Wirtschaft und die stark verringerte Mobilität zeigten Wirkung – erst in China, bald darauf in einigen europäischen Staaten.

Das weckte bei manchen die Hoffnung, dass das, was für die Emissionen an Stickstoffdioxid und anderen Schadstoffen gilt, doch auch für Treibhausgase gelten könnte. Bei all dem Schaden, den die Pandemie anrichtet, könnte sie also wenigstens den Klimawandel ein wenig einbremsen.

Leider nicht

Wissenschafter waren von Anfang an skeptisch, was die kolportierte "Atempause für die Natur" anbelangt (ein makabrer Ausdruck angesichts des vom Virus ausgelösten Krankheitsbilds). Nachhaltig könne der Effekt ohnehin nicht sein, wenn das globale Wirtschaftssystem nach der Pandemie zu business as usual zurückkehrt. Und das Ausmaß der möglichen "Pause" war auch schwer zu beziffern (aber tendenziell äußerst gering).

Diese Skepsis wird nun durch eine Studie mit österreichischer Beteiligung bestätigt, die im Fachmagazin "Nature Climate Change" erschienen ist. Ihr Fazit: Die Shutdown-Maßnahmen verringern den Temperaturzuwachs bis 2030 um ganze 0,01 Grad.

Vom Familienprojekt zur internationalen Studie

Piers Forster von der University of Leeds, Erstautor der Studie, und seine Tochter Harriet machten sich im familiären Lockdown daran, auf Basis der von Google und Apple bereitgestellten Bewegungsdaten aus 123 Ländern weltweit das Absinken des Ausstoßes von zehn Treibhausgasen zwischen Februar und Juni einzuschätzen. Aufgrund der Verschiebung der Schulabschlussprüfung von Forsters Tochter wurde das Unterfangen zum Familienprojekt, wie die Uni Leeds berichtet.

Mit der Zeit erhielten sie Unterstützung von immer mehr Forschern, darunter auch von Joeri Rogelj vom Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg. Nachdem das Datenmaterial immer umfangreicher geworden war, konnte das Team errechnen, dass die Konzentrationen der Treibhausgase im Shutdown zwischen 10 und 30 Prozent zurückgegangen sind. Das deckt sich mit Satellitendaten und Messwerten auf der Erde und ist vor allem auf die Rückgänge im Verkehr und Transportwesen zurückzuführen.

Der Abschwächungseffekt auf das Fortschreiten des Klimawandels hält sich jedoch in sehr engen Grenzen: Laut der Analyse wird der zu erwartende Temperaturanstieg bis 2030 nur um 0,01 Grad Celsius geringer ausfallen – und das auch nur, wenn die Anti-Corona-Maßnahmen zumindest zum Teil bis zum Ende des kommenden Jahres aufrecht bleiben. Der Effekt der Pandemie macht das Erreichen des Zieles, die Erderwärmung bis 2050 auf ein Plus von unter 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, also nicht automatisch wahrscheinlicher.

Eine Chance?

Allerdings schätzen die Wissenschafter die aktuelle Situation trotzdem als große Chance dafür ein, das Pariser Klimaziel zu erreichen. Kehre man nämlich eben nicht zu business as usual zurück, sondern schaffe eine Art grünen Neustart in der Wirtschaft, dann könne man eine zusätzliche Erwärmung von 0,3 Grad bis 2050 verhindern. Das könnte laut Piers Forster den Unterschied zwischen dem Erreichen der Klimaziele und dem Verfehlen ausmachen.

Rogelj unterstützt dies: Es sei zwar klar, dass der gegenwärtige leichte Knick in den Treibhausgasemissionen keine messbaren Auswirkungen auf die Klimaentwicklung haben wird. Die Entscheidungen, die aufgrund der Krise heuer getroffen werden müssen, "könnten uns aber auf einen sicheren Pfad in Bezug auf das Pariser Klimaabkommen führen". (red, APA, 7.8.2020)