Bei interplanetaren Kontakten gilt es, Kontaminationen zu vermeiden – und zwar in beide Richtungen.
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1969 legte Michael Crichton mit dem Roman "The Andromeda Strain" (Deutsch: "Andromeda") den Grundstein für seine Weltkarriere als Autor von Wissenschaftsthrillern. Inhalt des Bestsellers, der elf Jahre nach Chrichtons Tod übrigens eine offiziell abgesegnete Fortsetzung erhalten hat: Ein Satellit bringt einen außerirdischen Mikroorganismus zur Erde, der binnen kurzem die Bevölkerung einer Kleinstadt auslöscht. Ein Team von Experten hat anschließend alle Hände voll zu tun, dass daraus keine Pandemie wird.

Spekulationen

Spätestens seit dem Erfolg des Romans und dessen Verfilmung war das Thema aus der Science Fiction nicht mehr wegzukriegen. Seine Behandlung zerfällt grob in zwei Herangehensweisen: eine spektakelträchtige, die davon ausgeht, dass wir Alien-Mikroben hilflos gegenüberstehen würden. Und eine entspannte, derzufolge die Verschiedenartigkeit der Biologien dazu führen würde, dass außerirdische Organismen schlicht und einfach nicht mit unseren Zellen interagieren könnten.

Auch Wissenschafter dürfen spekulieren, nur ist ihr Spielraum naturgemäß etwas kleiner als der von Schriftstellern. Britische Forscher, die sich nun der Frage gewidmet haben, wie wir auf eine Infektion mit außerirdischen Mikroben reagieren würden, waren daher um möglichst realistische Bedingungen bemüht. An Immunzellen von Mäusen testeten sie selbstgeschaffene "Exo-Peptide", die eine teils irdische, teils "außerirdische" Zusammensetzung hatten. Die Ergebnisse sind im Fachjournal "Microorganisms" erschienen.

Welche Aminosäuren sind typisch?

Ausgangspunkt für das Team um Neil Gow von der Universität Exeter war die unterschiedliche Häufigkeit von Aminosäuren, also jenen organischen Verbindungen, aus denen Proteine aufgebaut sind. Gut 20 davon sind fundamentale Bestandteile des irdischen Lebens. Darüber hinaus gibt es aber noch viele Aminosäuren mehr – ob natürlich vorkommende, im Labor synthetisierte oder zumindest theoretisch vorhergesagte.

Die Forscher bastelten nun Peptide, also Verbindungen aus mehreren Aminosäuren, und bauten in diese zwei besondere Exemplare ein: Isovalin und 2-Amino-2-methylpropionsäure. Diese beiden Aminosäuren haben eine Gemeinsamkeit: Sie kommen auf der Erde so gut wie gar nicht vor, man hat sie jedoch in Meteoriten gefunden.

Der Gedankengang dahinter: Wenn diese Substanzen in Meteoriten enthalten waren, könnte das bedeuten, dass auf anderen Himmelskörpern eine andere Häufigkeitsverteilung von Aminosäuren besteht als auf der Erde. Und wenn eine solche Aminosäure dort schon einmal in relevanter Menge vorhanden wäre, führt Gows Kollegin Katja Schaefer den Gedanken weiter, dann wäre es auch wahrscheinlich, dass dortiges Leben sie auch in seine Struktur eingebaut hätte.

Das Experiment

Die so geschaffenen "Exo-Peptide" brachten die Forscher anschließend mit den T-Zellen von Mäusen in Kontakt. T-Zellen, eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen, sind eine Komponente der erworbenen Immunantwort. Sie veranlassen nicht die Ausschüttung von Antikörpern, sondern gehen direkt in den Angriff auf Fremdkörper. Diese müssen sie allerdings erst einmal anhand von deren Oberflächenmerkmalen als unerwünscht identifizieren können.

Und das gelingt den Immunzellen bei "außerirdischen" Eindringlingen deutlich schlechter als bei herkömmlichen, wie der Versuch zeigte. Peptide, die ausschließlich aus Aminosäuren zusammengesetzt waren, die auf der Erde gängig sind, lösten zu 82 bis 91 Prozent eine Reaktion der T-Zellen aus. Bei den Exo-Peptiden waren es im günstigsten Fall 61 Prozent, im ungünstigsten magere 15. Die Bilanz der Forscher und ihres wohlgemerkt sehr partikulären Experiments: Das Immunsystem von Säugetieren – ob Mäusen oder Menschen – würde sich mit einer außerirdischen Infektion schwertun.

Nicht nur an den Haaren herbeigezogen

Manchem mag es frivol erscheinen, sich angesichts einer real grassierenden Pandemie mit der Möglichkeit einer fiktiven außerirdischen zu beschäftigen. Doch Gow verweist explizit auf Covid-19 als Beispiel dafür, welche Folgen das Auftreten eines vollkommen neuen Erregers haben kann.

Und der potenzielle Kontakt mit anderen Biosphären ist auch kein an den Haaren herbeigezogener Gedanke, ein solcher wird ja sogar aktiv angestrebt: Immerhin ist die Suche nach früherem oder noch immer existierendem Leben eines der zentralen Motive für die Erforschung des mittlerweile vielbesuchten Mars. Und Expeditionen zu anderen Himmelskörpern, auf denen es Leben geben könnte – etwa der Jupitermond Europa –, sind auch bereits in Konzeption.

Vorsicht gilt in beiden Richtungen

Die Forscher aus Exeter plädieren daher für Vorsicht, wenn man Proben von anderen Himmelskörpern zur Erde bringt. Der Zusammenhang gilt freilich auch in umgekehrter Richtung, denn genauso gut könnten sich außerirdische Organismen bei irdischen anstecken (dafür liegt in der Science Fiction sogar eine noch ältere und bekanntere Blaupause als Crichtons "Andromeda" vor, nämlich H. G. Wells' "Krieg der Welten" aus dem Jahr 1898).

Immerhin sind die Lebewesen der Erde durch einen mehrere Milliarden Jahre langen evolutionären Rüstungswettlauf gestählt worden. Dringen sie in eine vielleicht spärlicher besetzte außerirdische Biosphäre ein, könnten sie dort Verheerendes bewirken. Weltraummissionen, die Leben jenseits der Erde studieren wollen, müssen daher ihrerseits darauf bedacht sein, ihre Zielobjekte nicht zu kontaminieren – sonst war der ganze Aufwand für die Katz. (jdo, 8.8.2020)