Lange Zeit nahmen viele US-Amerikaner die Gefahr der Corona-Pandemie nicht ernst. Das hat wohl auch damit zu tun, dass sich viele für unfehlbar halten – zumindest bisher.

Foto: REUTERS/Lucy Nicholson

Abstandsregeln sind da, um eingehalten zu werden, heißt es hier.

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Büchereien erleben – hoffentlich – einen Aufschwung.

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Alle außer Trump, sagt dieses Plakat.

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In den Kliniken des Landes sind Heldinnen und Helden am Werk, bekundet dieses.

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Mit Helden hatten sie es hier in den USA schon immer. Freitags konnte man sich darauf verlassen, dass in den Abendnachrichten von ABC ein "hero of the week" vorgestellt würde. Einmal war es der Pilot eines Hubschraubers, dessen Besatzung nach einem Hurrikan Menschen zu Hilfe kam. Dann war es der Lehrer, der eine querschnittsgelähmte Schülerin huckepack trug, damit sie an einer Klassenwanderung durch eine Felslandschaft teilnehmen konnte. Oder der Enkel, der mit seiner 85-jährigen Oma von Nationalpark zu Nationalpark fuhr, auf dass sie auf ihre alten Tage die Naturwunder Amerikas kennenlerne.

In der Covid-19-Pandemie aber hat das mit den Helden inflationäre Ausmaße angenommen, auch im Stadtbild von Washington: "Hier arbeiten Helden", steht in blauen und roten Lettern vor einer Arztpraxis. "Helden tragen Orange", grüßt es auf einem Spruchband vom Balkon eines Altersheims mit einer orangeroten Sonne im Logo.

So aufgesetzt das auf Außenstehende wirken mag: Hier gehört das zum Pflichtprogramm, erst recht in einer Krise. So wie auch auf Danksagungen gesteigerter Wert gelegt wird. Man dankt auf der Autoheckscheibe den Lehrern einer bestimmten Volksschule für ihre Arbeit, auch wenn hier vorerst nur an virtuellen Unterricht zu denken ist.

Danke, danke, danke

Man dankt den Taxifahrern, den Briefträgern, den Kassiererinnen, den zumeist jungen Einkäufern, die mithilfe einer App namens Instacart Älteren, die sich nicht in einen Supermarkt trauen, die Lebensmittel an die Wohnungstür bringen.

"Thank you, truck drivers, doctors, nurses", ist auf einer Sperrholzplatte in meiner Straße zu lesen. Wenigstens die amerikanische Höflichkeit, die sich so wohltuend unterscheidet vom ruppigen Alltagston manch mitteleuropäischer Großstadt, scheint auch in der Pandemie keinen Schaden genommen zu haben.

Seit vier Wochen bin ich wieder in Washington, nachdem ich aus familiären Gründen nach Berlin musste und mir retour nichts anderes übrigblieb, als den Umweg über ein Land zu nehmen, das nicht im Schengenraum liegt; nicht in jenem Teil Europas, den Donald Trump als epidemiologisch gefährlich einstuft. Also verbrachte ich zwei Wochen in Istanbul und flog von dort nach Washington weiter, wo mich eine Grenzbeamtin am Dulles-Flughafen mit einem netten "You’ve made it" verabschiedete, nachdem sie meinen Pass gestempelt und die imaginäre Schranke geöffnet hatte.

Ungewohnte Selbstzweifel

"Sie haben es geschafft": Es klang so aufmunternd, dass man sich wirklich, was an amerikanischen Grenzschaltern nicht immer der Fall ist, willkommen geheißen fühlte. Doch was ich seither erlebe, ist eine Stadt in der Krise, was sich weder von Berlin noch von Istanbul sagen lässt, jedenfalls nicht nach dem äußeren Schein. Es ist eine Nation in einer Phase ungewohnter Verunsicherung, in die sich sogar der eine oder andere Selbstzweifel mischt.

Normalerweise ist dieser Koloss mit seinen kontinentalen Ausmaßen hinreichend mit sich selbst beschäftigt, sodass er den Rest der Welt nur als Nebenschauplatz wahrnimmt, meist als mehr oder weniger bedauernswertes Kontrastprogramm zur eigenen Erfolgsgeschichte.

In normalen Zeiten würden wohl nicht nur Trump-Wähler zustimmen, wenn der Präsident ins Schwärmen gerät: "Wir sind das großartigste, außergewöhnlichste, rechtschaffenste Land in der Geschichte des Planeten." Mit der Corona-Krise aber hat das Selbstbewusstsein einen Knacks bekommen – ich weiß nicht für wie lange.

Gut möglich, dass man schon bald zurückkehrt zur Grundüberzeugung, nach der niemand Amerika das Wasser reichen kann. Aber zumindest für den Moment sind leise Töne zu hören. Laut einer Ipsos-Umfrage glauben mittlerweile zwei Drittel der Bürger, dass andere Staaten bessere Antworten auf das Virus gefunden haben als der eigene.

Die neue Nachdenklichkeit – sie lässt sich schon bei Politics & Prose erkennen, einer unabhängigen Buchhandlung, die nach dreimonatiger Pause wieder Kunden reinlässt. Im Regal mit den Bestsellern steht America through Foreign Eyes von Jorge Castañeda, einst Außenminister Mexikos, der auch lang in New York an einer Uni unterrichtete.

Ein Blick durch die Brille eines Ausländers: Eigentlich wäre so etwas ein Ladenhüter – doch im Augenblick scheint es einen Nerv zu treffen. Das einst so leuchtende US-Vorbild für den Rest der Welt verliere in rasantem Tempo an Glanz, schreibt Castañeda. Was den Politikstil des Weißen Hauses angehe, so lasse es zunehmend an lateinamerikanische Problemzonen mit autoritären Führungsfiguren denken.

Die Washington Post hat Richard Horton befragt, den Chefredakteur von The Lancet, einer in London herausgegebenen Fachzeitschrift für Ärzte. Keine andere Nation, gestand Horton den USA zu, verfüge über eine vergleichbare Konzentration an Forschung, an technischem Know-how, an Spitzenmedizin. Doch ausgerechnet diese Supermacht der Wissenschaft sei kläglich gescheitert an der Aufgabe, ihre Expertise in eine vernünftige politische Antwort auf die Pandemie münden zu lassen.

Irrglaube an Unfehlbarkeit

"Warum?", fragte der Brite und gab selbst eine Antwort, die ich von allen bisherigen Erklärungsversuchen für den überzeugendsten halte: Amerika könne manchmal ziemlich engstirnig sein. "Ich glaube, die Tatsache, dass sich Amerika als das großartigste Land der Erde versteht, bedeutet, dass es sich für unfehlbar hält." Deshalb habe man lange nicht ernst genommen, was andere zum Thema Covid-19 an Erkenntnissen gewonnen hätten. Es habe es offenbar nicht für nötig gehalten, von anderen zu lernen.

Roger Cohen von der New York Times ging so weit, die USA mit dem Libanon zu vergleichen. So wie sektiererische Politikfürsten in Beirut vernünftiges Regieren unmöglich machten, verhinderten die Kulturkriege der USA – etwa der zwischen maskentragenden Warnern und maskenlosen Leugnern – eine kohärente Antwort auf die Seuche.

In meiner Nachbarschaft lässt ein Wahlposter, an dünnen Eisenstangen in den Vorgarten eines Hauses gepflanzt, auf eine gewisse Verzweiflung der Bewohner schließen: "Any functioning adult – 2020", ist darauf zu lesen. Kein Name, auch nicht der von Joe Biden, Trumps Widersacher. Nur der sehnliche Wunsch, dass der Mann im höchsten Staatsamt seiner Sinne mächtig sein möge.

Über die Stimmung in den Weiten der Provinz sagt der plakatierte Sarkasmus freilich nichts, denn Washington, D.C., wo Trump 2016 bloß vier Prozent der Stimmen erhielt, ist bekanntlich eine Insel.

"Verbirg dein Gesicht!"

Und auch von Kulturkriegen ist in der Hauptstadt nur wenig zu spüren. Man hat nicht den Eindruck, als wäre es eine Frage der Weltanschauung, sich ein Stück Stoff vor Mund und Nase zu binden. Die meisten tun es so selbstverständlich, wie sie auf Abstandsregeln achten – nicht nur im Supermarkt, sondern auch auf der Straße. Allein schon die Fallzahlen, die täglich aufs Neue deprimieren, zwingen zur Disziplin.

Auch für die Aufforderung zum Maskentragen gibt es übrigens, wie könnte es anders sein, Formeln, die dem lokalen Höflichkeitsgebot entsprechen. Etwa diese: "When in public space, hide that beautiful face!" – Verbergen Sie in der Öffentlichkeit Ihr schönes Gesicht. (Frank Herrmann aus Washington, 11.8.2020)