Finanzminister Olaf Scholz soll den großen Spagat hinkriegen. Der besteht darin, als Parteirechter ein Programm der Parteilinken zu verkaufen – und die SPD damit zum Erfolg zu führen.

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Sie tun es tatsächlich wieder. Es gibt Menschen im politischen Berlin, die von der SPD sagen, deren Rückkehr ins Kanzleramt scheitere schon an der absoluten Nominierungsunfähigkeit. Über die Jahre kursieren diverse hübsche Bezeichnungen dafür, wie die Parteizentrale in Person der Vorsitzenden ihre Kanzlerkandidaten der stets staunenden Öffentlichkeit präsentiert. Am bildkräftigsten ist nach wie vor: Sturzgeburt.

Man sieht förmlich, wie die Bewerber auf die Wahlkampfbühnen purzeln und sich dabei schon die ersten Blessuren holen. Und erst die Partei! Kein Wunder, dass die Sozialdemokraten schon seit dem Wahlabend 2017 – dem mit 20,5 konkurrenzlosen Prozente-Tiefpunkt – schwören: Beim nächsten Mal wird alles besser.

Und dann kommt dieser zweite Augustmontag im Vorwahljahr 2020, Berlin ist noch in der ersten Hälfte der großen politischen Ferien, das Regierungsviertel liegt öd und hitzeerschöpft – da kommt der Doppelschlag. Per Twitter. Um 10.49 zwitschert die SPD-Vorsitzende Saskia Esken: "Jetzt ist es raus: @OlafScholz ist unser #Kanzlerkandidat. … Olaf hat den Kanzler-#Wumms." Und abschließend folgt ein Zwinker-Smiley. Eine Minute später jagt Scholz selbst die Nachricht auf seinen Account und verlinkt "#KK_SPD".

Soll, ja, darf man glauben, es wäre diesmal alles mindestens wohl, eventuell sogar bestens vorbereitet?

Erfolglose Versuche

Unbestritten ist die SPD amtierende Weltmeisterin im Verhunzen von Kanzlerkandidaturen. Am brutalsten hat das Martin Schulz erfahren, den Anfang 2017 der damalige Vorsitzende Sigmar Gabriel erst vorschob und dann, gemeinsam mit dem Rest der Parteizentrale nach Kräften desavouierte. Ein fulminant gestarteter und Dauerkanzlerin Angela Merkel (CDU) wirklich in Bedrängnis bringender Herausforderer verwandelte sich bis zur Hochzeit des Wahlkampfs in einen zutiefst verunsicherten Schulz, der statt anderen lieber sich selbst nicht mehr traute.

Allerdings ist es auch Scholzens vom politischen und sonstigen Temperament ganz anders veranlagten Vorgängern Frank-Walter Steinmeier 2009 und Peer Steinbrück 2013 kein bisschen besser ergangen. Wie Martin Schulz haben auch sie dicke Fehler gemacht; vor allem Steinbrücks der Republik knapp vor dem Wahltag vom "SZ-Magazin" gereckter Mittelfinger gehört zu den deutschen Wahlkampf-Legenden.

Scholz würde so eine Provokation nicht im Traum einfallen. Als SPD-Generalsekretär lautete sein Spitzname "Scholzomat". Sehr weit hat er sich davon in 16 Jahren nicht entfernt. Sein Charisma ist ausbaufähig. Indes: Mit Angela Merkel hat die Welt gelernt, dass Ausstrahlung keine Voraussetzung ist für den Einzug ins deutsche Kanzleramt – und für den schier unendlichen Verbleib in dessen siebenter Etage.

Berechenbarkeit indes schätzen die Deutschen. Diese aber hat die SPD seit längerem nur in der Disziplin Richtungs- und sonstige Streitereien zu bieten. Da ist sie so verlässlich wie die Union in ihrer Überzeugung, die Kanzlerschaft eines CDU-Mitglieds sei gottgegeben.

Stagnierende Umfragen

Die aktuellen Umfragewerte scheinen die Schwarzen zu bestätigen: Sie liegen stabil knapp unter 40 Prozent, die SPD wie betoniert bei maximal 15. Man könnte einen Kanzlerkandidaten für Hybris halten. Wäre morgen TV-Duell, träfe der Laschet-Merz-Röttgen-oder-doch-Söder-Unionist nicht auf Scholz, sondern auf Annalena Baerbock oder Robert Habeck von der 20-Prozent-Partei Die Grünen.

Aus diesem Umfragekeller soll Scholz die SPD bugsieren. Er traut sich das zu. Weil er sich alles zutraut. Auch jenes Paradox zu erledigen, das alle seine Vorgänger aufrieb: Als eher Parteirechter ein Programm der Parteilinken zu verkaufen – zu denen aktuell beide Parteivorsitzende gehören und der Chef der Bundestagsfraktion auch.

Noch am Abend vor der Scholz-aus-der-Kiste-Nummer hat Esken zur besten TV-Sendezeit ein Bündnis mit der Linkspartei "möglich und denkbar" genannt. Und so getan, als wäre das kein Problem – egal, wer Kanzlerkandidat werden wird. Die Bild-Zeitung nennt das ebenso erwartbar wie prompt eine "politische Radikalisierung".

Ruf nach dem Schulterschluss

Umsonst redet SPD-Chef Norbert Walter-Borjans bei der offiziellen Scholz-Vorstellung jedenfalls nicht von "Zusammenhalt" und "Schulterschluss" in der Parteispitze. Und umsonst sagt Scholz als Allererstes nicht dasselbe wie Martin Schulz im Jänner 2017: dass es ihm und der SPD um "Respekt" gehe für alle Leistungsträger im Land. Betonung auf alle.

Beim vorigen Mal ist davon wenig übrig geblieben. Vor allem kein Respekt für den Kandidaten. Ob die SPD auch das wieder tut – oder Scholz folgen wird? Der übt sich in Optimismus: "Und nun machen wir gemeinsam was draus." (Cornelie Barthelme aus Berlin, 10.8.2020)