Im Zentrum Beiruts kam es am Montagabend erneut zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten.

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Beirut – Eine Woche nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut suchen Rettungsteams noch immer nach Opfern. Das libanesische Gesundheitsministerium meldete am Dienstag, es würden weiterhin rund 20 Menschen vermisst. Die Zahl der Toten stieg demnach auf 165. Rund 6.000 Menschen wurden verletzt. Das Land befindet sich nach der Detonation und dem Rücktritt der Regierung in einer schweren Krise.

"Wir suchen noch immer, aber wir verlieren die Hoffnung", sagte einer der Rettungshelfer am Ort der Explosion im Zentrum von Beirut. Familienmitglieder fragten nach sterblichen Überresten ihrer Angehörigen. Das Gesundheitsministerium geht davon aus, dass sich die Vermissten in unmittelbarer Nähe der Lagerhalle aufhielten, wo es vor einer Woche zu der gewaltigen Explosion gekommen war.

Die Zerstörungen in Beirut, auf einer Karte dargestellt. Dunkelrot gekennzeichnet sind die schwersten Zerstörungen, während Orange und Gelb für geringere Schäden stehen.
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Suche nach neuer Regierung

Präsident Michel Aoun muss nach dem Aus der Regierung mit den wichtigsten politischen Blöcken über einen Nachfolger verhandeln. Wegen starker Interessengegensätze hat es im Libanon oft lange gedauert, politische Spitzenämter zu besetzen. Wegen der schweren Wirtschaftskrise, der Corona-Pandemie und der Folgen der Detonation ist der Druck jedoch groß, schnell eine Einigung zu finden.

Als Reaktion auf die Explosion und gewaltsame Proteste gegen die Regierung hatte Premier Hassan Diab am Montagabend den Rücktritt seines Kabinetts erklärt. Viele Libanesen geben seiner Regierung die Schuld an der Explosion. Diab erklärte, verantwortlich für die gewaltige Detonation sei die "chronische Korruption" im Libanon. Ausgelöst worden sein soll sie durch große Mengen der hochexplosiven Chemikalie Ammoniumnitrat, die im Hafen gelagert worden war. Sicherheitsexperten haben die Regierung nach Reuters-Informationen im Juli vor den verheerenden Folgen einer Explosion im Hafen von Beirut gewarnt. Dabei wurden explizit die 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat erwähnt.

Die Büros des Ministerpräsidenten und des Präsidenten ließen Anfragen zu möglichen Warnungen unbeantwortet. Auch die Staatsanwaltschaft wollte sich nicht äußern. Die Ermittlungen laufen noch.

Rufe nach "neutraler Regierung"

Diabs Kabinett bleibt zunächst geschäftsführend im Amt. Zur Diskussion stehen jetzt libanesischen Medien zufolge unter anderem eine "Regierung der nationalen Einheit" und eine "neutrale Regierung" unabhängig von den Parteien. Als möglicher Ministerpräsident wird unter anderem der Jurist und Diplomat Nawaf Salman gehandelt. Der 66-Jährige ist Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Eine zentrale Rolle wird die Iran-treue Hisbollah spielen, gegen die im Libanon kaum regiert werden kann. Sie besitzt eine eigene Miliz und bildet so etwas wie einen Staat im Staate. Die Hisbollah ist mit Präsident Aoun verbündet und unterstützt auch Diabs Regierung.

Die Macht in dem kleinen Land am Mittelmeer ist nach einem Proporzsystem unter den Konfessionen aufgeteilt. Der Premier muss immer ein Sunnit sein, der Staatspräsident ein Christ und der Parlamentspräsident ein Schiit.

Krisengebeuteltes Land

Das Land kann sich wegen der großen Not kein langes Machtvakuum leisten. Schon vor der Explosion haben die schwere Wirtschafts- und Finanzkrise und die Corona-Pandemie viele Libanesen in die Armut getrieben. Weil ein Staatsbankrott droht, laufen Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über ein Rettungsprogramm.

Viele Libanesen verlangen weitgehende politische Reformen. Sie kritisieren, dass sich im Land nichts ändern werde, solange im Hintergrund die alte politische Elite an der Macht bleibt. Am Montagabend kam es im Zentrum der Hauptstadt erneut zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten. Diese versuchten die Absperrung zum Parlament im Stadtzentrum zu überwinden, wie auf Bildern des TV-Senders LBCI zu sehen war. Dabei warfen sie auch Steine. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein, um die Menge zu vertreiben.

Hilfe und Forderungen aus dem Ausland

Auch aus dem Ausland kommen Rufe nach Veränderung. Am Mittwoch reist der deutsche Außenminister Heiko Maas nach Beirut, um dem Land Hilfe zuzusichern und für politische Reformen zu werben. UN-Generalsekretär António Guterres forderte politische Veränderungen. "In dieser Zeit von Trauer und anhaltendem Frust ist die Wut des libanesischen Volkes greifbar. Ihre Stimmen müssen gehört werden", sagte Guterres. Reformen seien nötig, um die Bedürfnisse des Volkes zu erfüllen. Er sagte den Menschen im Libanon zugleich langfristige Unterstützung zu.

Das Welternährungsprogramm (WFP) erklärte, die derzeitigen Mehrvorräte könnten den Marktbedarf im Libanon noch rund sechs Wochen decken. Die Organisation kündigte an, 50.000 Tonnen Weizenmehl in das Krisenland zu schicken, damit es dort nicht zu Versorgungsengpässen kommt. Bei der Explosion waren auch wichtige Getreidesilos zerstört worden. (APA, red, 11.8.2020)