Um ihrer Gothic-Platten willen verrichtete man im Schweiße seines Angesichts fronvolle Arbeit: Siouxsie Sioux, hier anlässlich eines Comebacks 2008.

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Seit Corona die Reisewut auch unserer Jüngsten dämpft, ist es an der Zeit, für die gute, alte Ferialpraxis eine Lanze zu brechen, sei diese auch noch so stumpf und rostig geworden. Und wirklich: In den goldüberglänzten Tagen der späten Kreisky-Ära nahm man Ferienjobs nicht etwa deshalb an, um irgendwelche Fleißpunkte fürs Curriculum zu sammeln. Als Gymnasiast, der die Semester bis zur Reifeprüfung voller Unwillen zählte, ging es während kochend heißer Sommer einzig um den schnöden Zaster.

Man brauchte die Kohle ganz einfach. Sie verhalf dazu, junge Skandinavierinnen auf felsigen Kykladen-Inseln mit den Vorteilen der Freikörperkultur vertraut zu machen. Wem das zu verwegen schien, die Kykladen obendrein zu entlegen oder spitz-steinig, der sparte auf eine Bundfaltenhose in Eierschalenfarbe. Oder er trug die Marie gleich zum Plattendealer, um sich dort die neue "Siouxsie & The Banshees" aushändigen zu lassen: rituelle Brunftgesänge einer Kajalstift-Hexe. Die Eltern hörten das teuflische Getröllere durch die Zimmerwand gellen. Sie weinten heimlich, still und leise in ihre Pölster.

Gewaltige Sommer

Zwei eher vergeblichen Sommern in einer Buchhandelskette ("Haben Sie ein gutes Buch?" – "Wir haben sogar so viele, dass wir sie verkaufen!") folgten erfüllendere in einer Holding-Firma für pharmazeutische Gerätschaften. Dort, im Fuhrpark dieser segensreichen Einrichtung, bekam man als patenter Babyboomer einen melodisch knisternden Arbeitsmantel ausgehändigt.

Von nun an hieß es, Knochennägel in Faltkartons zu packen oder, bei Bedarf, mit wenigen Handgriffen einen Infusionsständer zusammenzuschrauben. Machte man bei diesen kniffligen Verrichtungen eine gute Figur, wurde man um neun Uhr morgens flugs mit einem Bierfrühstück belohnt. Zuwiderhandeln galt als bourgeoise Marotte und wurde mit Liebesentzug und der Verabfolgung von Packeseldiensten geahndet.

Allmählich fand man zu einem für alle Seiten ersprießlichen Modus vivendi. Während der Ausfahrten in die Spitäler erfuhr man von den Kollegen, welche Stationsschwester es mit dem Tragen von Leibwäsche angeblich nicht so genau nehme. Herzliche Aufforderungen, den Wahrheitsgehalt dieser kühnen Behauptung doch nach Möglichkeit selbst zu überprüfen, wies man höflich, aber bestimmt zurück. Man war ja nicht lebensmüde.

"Heast, Ronald: Eigentlich bist eh a klasser Bursch!" – An den Gliedern gekräftigt, verließ man erhobenen Herzens die feriale Wirkungsstätte. Und gelobte die Wiederkunft nach einem weiteren öden Schuljahr. (Ronald Pohl, 12.8.2020)