In der Jugendarbeit gehe es vor allem darum, den Jugendlichen dringend notwendigen Freiraum zu ermöglichen, sagt ein Jugendarbeiter.

Foto: Christian Fischer

Als türkische Faschisten und einige ihrer Mitläufer Ende Juni in Wien-Favoriten Linke und kurdische Aktivisten angriffen, waren auch Erwachsene präsent. Das klang in den ersten Erzählungen anders – und hatte auch damit zu tun, dass viele Jugendliche, so berichten es mehrere Beobachter übereinstimmend, von den Älteren vorgeschickt wurden. Nichtsdestotrotz war der Anteil der Jüngeren und teilweise sogar sehr Jungen auffallend hoch.

Auch Mitarbeiter des Vereins Wiener Jugendzentren fanden sich deshalb dort ein, um zu sehen, ob sie noch deeskalierenden Einfluss auf das Geschehen nehmen können. Doch nach anfänglich aufgeschlossenen Gesprächen und steigender Eskalation habe man sich zurückziehen müssen, hieß es damals. Welche Rolle kann Jugendarbeit nach solchen Vorfällen spielen? Und was soll sie überhaupt leisten?

Hoher Burschenanteil

Klar habe sie viele "ihrer Burschen" bei den Ausschreitungen erkannt, sagt Christiane Jaklitsch-Van Oudheusden. Die 51-Jährige sitzt an einem großen Tisch im Jugendzentrum Sovie – einem Treffpunkt, der verhältnismäßig jung ist und im Zuge der Entstehung des neuen Sonnwendviertels in Favoriten aufgesperrt hat. Und auch seither sei man mit den Jugendlichen in Kontakt. Wenn die Sprache auf die Vorfälle kommt, sagt Jaklitsch-Van Oudheusden mit unaufgeregter Miene: "Jugendarbeit endet dort, wo es strafrechtlich relevant wird. Dann sind die Sicherheitsbehörden am Zug." Die Arbeit beginne dann wieder danach: "Wenn wir die Jugendlichen zum Beispiel zu Einvernahmen begleiten."

Das Angebot der städtischen Jugendarbeit richtet sich theoretisch an alle, die im richtigen Alter sind. Praktisch kommen vor allem jene, die darauf angewiesen sind: auf eine Internetverbindung, einen PC, einen freien Platz auf der Couch oder Ruhe. Umso älter die Jugendlichen werden, umso höher wird der Anteil an Burschen, die betreut werden.

Alle sind willkommen

Vor allem gehe es um Unterstützung bei der Identitätsfindung, sagt Jaklitsch-Van Oudheusden. Und das unter der Prämisse, dass alle willkommen sind. Ein Grundsatz, der umso schwieriger einzuhalten ist, je mehr Jugendliche in radikalisierte Sphären abdriften. Es sei wichtig, die Jugendlichen ernst zu nehmen und sie auch mit Widerspruch zu konfrontieren. Präventionsarbeit fange bei der Selbstwertsteigerung an, der Druck in der Community sei zum Teil sehr hoch, sagt die 51-Jährige, die seit 1996 Jugendarbeiterin ist und zuvor mit Haftentlassenen arbeitete. Dafür, dass aus der türkischen Community zum Teil Rufe danach laut wurden, die Jungen nicht mehr in Jugendzentren, sondern separat in den Vereinen betreuen zu lassen, hat Jaklitsch-Van Oudheusden keinen Kommentar, sondern nur ein müdes Lächeln übrig.

Zudem sei es wichtig, die Beziehung zu den Jugendlichen so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, sagt der 40-jährige Philipp Kastenhuber, der in einem Zentrum in Ottakring arbeitet und sich viel mit jungen Burschen beschäftigt: "Aber wir können nicht alle retten."

Strikte Trennung hat wenig Sinn

Eine strikte Trennlinie zwischen Jugendarbeit, Sozialarbeit und Freizeitpädagogik zu ziehen hat in der Praxis wenig Sinn. Das erklärt, warum in Jugendzentren sehr unterschiedliche Personen arbeiten: Manche kommen aus der Pädagogik, andere haben einen Lehrgang zu Jugendarbeit gemacht, andere studierten an der Fachhochschule. Ähnlich breit ist die Zielgruppe: Zehn- bis 20-Jährige sind zum Beispiel die Zielgruppe des Sovies.

Gerade bei gesellschaftspolitischen Themen seien Jugendarbeiter auch dazu da, dass Jugendliche sich an ihnen reiben können, dass sie mit anderen Lebensentwürfen als ihren eigenen konfrontiert werden, sagt Jaklitsch-Van Oudheusden. Und das funktioniere sehr gut. Es gehe auch darum, den Jugendlichen, die oft nicht als Teil der Gesellschaft akzeptiert werden, etwas zurückzugeben, etwa indem man ihre Sprachenvielfalt wertschätze.

Sind die Erwartungen an die Jugendarbeit in den vergangenen Jahren gestiegen? Ja, sagt Jaklitsch-Van Oudheusden, und das habe neben dem steigenden Leistungsdruck damit zu tun, dass die Gesellschaft vielfältiger wird. Wenn es zu Vorfällen wie in Favoriten komme, heiße es dann oft: "Die richten das schon", sagt die 51-Jährige. "Aber Wunderwuzzis sind wir auch keine."

Hoher Druck

Egal ob im Jugendzentrum oder im Park – der Alltag mit den Jugendlichen ist nicht in erster Linie von Problemen und Auseinandersetzungen geprägt, sagen Verantwortliche: In der Jugendarbeit gehe es vor allem darum, den Jugendlichen dringend notwendigen Freiraum zu ermöglichen, sagt Kastenhuber. "Hier dürfen Jugendliche auch Fehler machen. Sie müssen nicht funktionieren wie fast überall sonst."

Eine Entwicklung, die immer mehr spürbar werde, sagt Kastenhuber: "Der Druck im echten Leben steigt, ebenso der Anspruch an Perfektion und der Grad der Inszenierung in sozialen Medien." Viele Besucher hätten starke Brüche in ihrer Biografie; ein durchgängiger Weg wie Schule, Lehre, Job werde seltener. Als Jugendarbeiter seien sie in der Hinsicht Goldgräber: "Wir versuchen, Ressourcen aufzukratzen." Auch Jaklitsch-Van Oudheusden spricht von einer "ganz großen Gruppe an jungen Erwachsenen", die noch nicht im Erwachsenenleben angekommen seien. Das habe nicht nur, aber auch mit der harten Situation am Arbeitsmarkt zu tun. (Vanessa Gaigg, 18.8.2020)