Joe Biden geht mit einer Frau an seiner Seite in den Wahlkampf.

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Die Juristin Kamala Harris.

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Der designierte demokratische US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden zieht mit Kamala Harris als Vize an seiner Seite in den Wahlkampf gegen Amtsinhaber Donald Trump. Das teilte er am Dienstag auf Twitter mit. Harris ist Senatorin für den Bundesstaat Kalifornien.

Joe Biden gab die Personalie am Dienstag in lakonischer Kürze bekannt. Er habe Kamala Harris als "Running Mate" gewählt.

Die US-Verfassung schreibt dem Vizepräsidenten nur die Rolle eines besseren Zeremonienmeisters zu. Misst man es an bisherigen Erfahrungswerten, spielt die Personalie zudem kaum eine Rolle bei der Wahl des Präsidenten. Die Nummer zwei sollte sich im Wahlkampf keine groben Schnitzer erlauben, die Nummer eins nicht durch einen Skandal oder ein Fettnäpfchen belasten, das ist eigentlich schon alles.

Und doch: Im Fall von Joe Biden gelten konventionelle Weisheiten nicht mehr. Zunächst einmal: weil es eine Frau ist. Harris ist zwar nicht die erste Kandidatin für diesen Posten. Wäre sie aber erfolgreich, wäre sie die erste Frau, die tatsächlich ins Weiße Haus einziehen würde.

Und dann das Alter: Sollte Biden das Duell gegen Trump gewinnen, wäre er im Jänner 2021 mit 78 Jahren der bisher Älteste im höchsten Staatsamt. Ronald Reagan war 77, als er das Weiße Haus verließ. Was deshalb bei allem Abwägen, bei allem Für und Wider, mit weitem Abstand an erster Stelle steht: Die Stellvertreterin Harris muss nötigenfalls in der Lage sein, die Regierungsgeschäfte nahtlos zu übernehmen.

Aber wer ist Senatorin Harris?

Harris, Tochter erfolgreicher Einwanderer, steht allein schon biografisch für jenes weltoffene Amerika, das sich als Gegenentwurf zu Trumps Abschottung versteht. Einer breiten Öffentlichkeit ist die 55 Jahre alte Senatorin aus Kalifornien bekannt, seit sie sich 2019 fürs Oval Office bewarb, zumal sie die Kandidatendebatten nutzte, um sich mit starken Auftritten zu profilieren. Allerdings ist sie wohl nicht die Brückenbauerin, die die Parteilinke um Bernie Sanders und Elizabeth Warren mit dem Zentristen Biden versöhnen könnte.

Von 2004 bis 2010 war sie Bezirksstaatsanwältin von San Francisco, danach Justizministerin Kaliforniens, die erste Frau überhaupt auf diesem Posten. Im Umgang mit Kriminalität setzte Harris auf Härte, beispielsweise kämpfte sie für ein Gesetz, nach dem die Eltern chronischer Schulschwänzer mit bis zu zwölf Monaten Gefängnis bestraft werden konnten.

Kamala Harris zeigte sich auf Twitter geehrt, von Biden ausgewählt worden zu sein. Er sei imstande, die USA wieder zu einen.

Bei einer TV-Debatte warf sie Biden vor, einst allenfalls lauwarm für ein Ende der Rassentrennung an Amerikas Schulen eingetreten zu sein. Sie selbst, sagte sie damals, habe in einem dieser Busse gesessen, in dem Schüler mit einer dunklen Haut zu einer Schule gefahren wurden, in der bis dahin nur Weiße lernten. Ob die Attacke auf Biden Wunden hinterlassen hat? Der gibt sich souverän. "Hege keinen Groll", war neulich auf einem seiner Notizzettel zu lesen.

Auch wenn die beiden im Präsidentschaftsrennen einige Male aneinandergerieten, gilt ihre Beziehung als gut. Als Justizministerin habe sie eng mit Bidens Sohn Beau zusammengearbeitet, zusammen hätten sie es mit den großen Banken aufgenommen, die arbeitende Bevölkerung unterstützt und Frauen und Kinder vor Missbrauch geschützt, erklärte Biden. "Ich war damals stolz und ich bin jetzt stolz, sie als meine Partnerin in dieser Kampagne zu haben."

Man könne Menschen nicht in Schubladen einordnen, sagte Harris, als sie skizzierte, mit welchem Leitfaden sie in den Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 2020 zu ziehen gedachte. Niemand lebe ein Leben, in dem sich alles nur um ein Thema drehe, "das man allein durch die Linse eines einzigen Themas betrachten kann". Was die Leute wollten, seien Politiker, die der Komplexität jedes einzelnen Lebens gerecht würden.

Es sind Sätze, mit denen die Senatorin aus Kalifornien ihren Platz zu finden versuchte in einem Kandidatenfeld, das von Woche zu Woche größer wurde, bis es Rekordwerte brach. Konsequent steuerte sie die Mitte an, sie betonte das Facettenreiche, auch in der Politik. Was freilich nichts daran änderte, dass sie ansonsten in jeder Beziehung das Kontrastprogramm zum Präsidenten der USA war.

Verteidigerin der Todesstrafe

Ihr Vater Donald Harris, Wirtschaftswissenschafter an der Stanford University, immigrierte aus Jamaika in die Vereinigten Staaten. Ihre Mutter Shyamala Gopalan, eine auf Brustkrebs spezialisierte Ärztin, wurde in Indien geboren. Der Name Kamala stammt aus dem Sanskrit und bedeutet Lotusblüte. Als Kind besuchte Harris Gottesdienste sowohl in einem Hindutempel als auch in einer schwarzen Baptistenkirche. Auf die Highschool ging sie im kanadischen Montreal, wo ihre Mutter eine Zeitlang lehrte.

Das Trump-Team hatte schon ein Video vorbereitet, das Harris scharf angreift.

Und Oakland, die Stadt an der Bucht von San Francisco, in der sie aufwuchs, war so etwas wie ein Synonym für die aufgewühlte Stimmung der Sechzigerjahre, eine Hochburg rebellischer Studenten wie auch der Black-Panther-Bewegung. Die Zeit der Studentenproteste, sagte die Senatorin, habe sie aus der Perspektive des Kinderwagens erlebt. Ihre Eltern hätten sie oft mitgenommen zu Kundgebungen auf dem Campus der Universität Berkeley.

Bei den Demokraten hat sie sich gleichwohl des Rufs zu erwehren, wie eine stramme Konservative für Law and Order zu stehen. Die Todesstrafe verteidigte sie auch dann noch, als ein kalifornischer Richter sie 2014 für verfassungswidrig erklärte. Die Liberalisierung von Marihuana, heute bis weit hinein in die politische Mitte praktisch Konsens, lehnte sie ab. In dem Maße, wie eine Mehrheit der Amerikaner erkennt, dass drakonische Härte nur zu überfüllten Gefängnissen führt, wenn etwa jemand wegen Drogenbesitzes auf Jahre hinter Gitter wandert, wirkt ziemlich anachronistisch, was sie noch unlängst vertrat.

Vor einem Jahr war Kamala Harris noch selbst im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur, gab aber recht bald auf. Nun ist sie Bidens Vize.
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Von Trump kam am Dienstag direkt die erste Breitseite: "Sie hat gelogen. Sie hat Dinge gesagt, die nicht wahr waren", sagte er, ohne genauer darauf einzugehen. Harris wolle die Steuern erhöhen, die Militärausgaben senken und sei gegen die Erdgasförderung per Fracking, zählte er auf. Das alles sind Ansichten, mit denen Trump versuchen könnte, seine republikanische Kernwählerschaft gegen Harris zu mobilisieren. Trump ergänzte, Harris sei im Vorwahlkampf "bösartig" über Biden hergezogen.

Ex-Präsident Barack Obama – dessen Vize Biden war – schrieb: "Das ist ein guter Tag für unser Land. Jetzt lasst uns das Ding gewinnen." Die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton würdigte Harris als "unglaubliche Beamtin und Anführerin". Susan Rice, die auch als aussichtsreiche Kandidatin für den Posten gehandelt wurde, übermittelte ihre "wärmsten Glückwünsche" und nannte Harris "eine hartnäckige und wegweisende Anführerin, die eine großartige Partnerin auf dem Kampagnenweg sein wird".

Ansonsten lässt manches an Harris an Obama denken, den Senkrechtstarter der Wahl 2008. Wie er hat auch sie sich nach nur zwei Jahren im Senat fürs Weiße Haus beworben. Dann war da noch, ähnlich wie einst bei Obama, dem Sohn einer weißen Mutter aus Kansas und eines schwarzen Vaters aus Kenia, die Frage nach ihrer Identität. Wie sie die als Tochter von Einwanderern beschreiben würde, wurde sie neulich gefragt. Die Antwort: "Ich sehe mich als stolze Amerikanerin." (Frank Herrmann aus Washington, red, 12.8.2020)