Im Gastkommentar widmet sich der Soziologe Christian Fleck der angeblich bedeutenden Rolle der Wissenschaften in Zeiten der Pandemie.

In den letzten Wochen konnte man öfter lesen, dass zu den wenigen erfreulichen Facetten der Corona-Krise die prominente Rolle zähle, die die Wissenschaften einnehmen. Das ist – im besten Fall – eine (Selbst-)Täuschung.

Unbestreitbar haben seit Mitte März Wissenschafter verschiedener Disziplinen öfter als früher das Wort ergreifen können oder wurden von Journalisten zitiert. Doch Sendeminuten und Zeitungsspalten, die einer Berufsgruppe eingeräumt werden, sind keine Garantie dafür, dass deren Arbeitsweise und ihre Erkenntnisse auch verstanden worden wären.

Sicheres Wissen

Was haben die Wissenschaften zum Verständnis und der Bewältigung der Pandemie beitragen können? Ich fürchte, deutlich weniger als Schönfärber uns weismachen wollen. Von allen Details, also Forschungsergebnissen über beispielsweise die molekulare Struktur des Coronavirus und die Infektionswege, die dieses nutzt, einmal abgesehen, wurden Fehlannahmen über wissenschaftliche Forschung nicht ausgeräumt, sondern verstärkt. Die Formulierung "Die Experten sagen", die wir oft hörten, blockiert die Einsicht, dass alle bedeutenden Einsichten wissenschaftlicher Forschung am Beginn immer nur mehr oder weniger gut untermauerte Vermutungen sind. Sicheres Wissen besitzen nur Scharlatane und Trickbetrüger, von denen sich allerdings gar nicht wenige als Wissenschafter kostümieren.

Hätten die Wissenschaften in Corona-Zeiten tatsächlich eine prominente Rolle gespielt, würden heute mehr Normalbürger wissen, was es heißt, unter Unsicherheit Wahrscheinlichkeiten abwägen zu müssen und Entscheidungen zu treffen (nicht nur für die Gesamtheit, sondern auch höchst individuell). Mehr Leute würden über die Fallstricke von Analogieschlüssen Bescheid wissen. (Allzu) viele der Wissenschafter, die zu Wort kamen, vergaßen ihren Empfehlungen hinzuzufügen, dass sie nicht aus rezenter Forschung stammten, sondern Analogieschlüsse aus Pandemien der Vergangenheit waren. Die Schließung von Schulen war im Fall der Spanischen Grippe ein probates Mittel der Reduktion der Infektionszahlen. Das musste aber 2020 nicht auch so sein (und war es offenbar nicht).

Plötzlich Generalist?

Was mich mehr als wunderte, war, dass Spezialisten plötzlich als Generalisten auftraten. Wer auch nur ein wenig Ahnung vom heutigen Wissenschaftsbetrieb hat, weiß, dass die Reichweite der (eigenen) Expertise enorm klein ist und erst das Zusammenspiel vieler Subdisziplinen und Forschungsfelder gemeinsam ein Bild ergibt, das Laien dann als State of the Art der Infektionserkrankungen präsentiert werden kann. Unser aktuelles Pandemiebild ist ein Fragment, aber wir handeln, als gäbe es keine weißen (Wissens-)Flecken.

Eine der Tugenden, die während der wissenschaftlichen Ausbildung vermittelt werden muss, ist die Skepsis. Sie zeigt sich nicht darin, zu allem und jedem "Das glaub’ ich nicht" zu sagen, sondern sucht in den angebotenen Erklärungen nach Schwachstellen. Dazu bedarf es eines gerüttelten Maßes an fachlicher Expertise, was den Kreis derer, die diese Art von Kritik üben können, dann auch auf die beschränkt, die im gleichen Feld über Expertise verfügen.

Die Stärke der Wissenschaft ist die Suche nach Schwachstellen. Dazu braucht es ein gerüttelt Maß an Expertise.
Foto: AP / Nathan Denette

Ernsthaftes wissenschaftliches Arbeiten ist etwas anderes als Meinungen zum Besten zu geben, weshalb seriöse Wissenschafter sich vom Spiel der Experten und Gegenexperten fernhalten sollten.

Talkshow-Maulhelden

Wegen des hohen Dichtegrades der sozialen Beziehungen, unter denen wissenschaftliches Wissen produziert wird, herrscht im Normalfall Konformität vor, die nur wenige zu durchbrechen vermögen. Das zu wagen ist nicht nur eine Strapaz für einen selbst, sondern bringt einem auch nur dann Applaus, wenn man glücklicherweise mit seinen skeptischen Einwänden recht behalten hat. Die Erfolgsquote ist da allerdings meist so gering wie die Todesrate beim Coronavirus.

Die an Kakofonie gemahnende Vielstimmigkeit der letzten Monate bedeutet nichts anderes, als dass Wissenschafter ihrem beruflichen Ethos Ade sagten und sich dem Spiel der Meinungsvielfalt zuwandten.

Skepsis gegenüber Behauptungen anderer (Wissenschafter) findet eine notwendige Entsprechung in der Demut, mit der jene, die etwas herausgefunden haben, ihre Einsichten verkünden sollten. Maulhelden passen in Talkshows, aber nicht in die Wissenschaft.

"Frugale" Wertschätzung

Was ich also vermiss(t)e, sind Wissenschafter, die dem Ethos ihres Berufes Ausdruck verliehen hätten; ich meine hier nicht nur die Virologen und Epidemiologen, sondern beispielsweise auch Juristen, die sich nun wortreich über die mangelnde Qualität ministerieller Verordnungen auslassen. Haben diese Herren denn in den vergangenen Jahren keine der Schriftstücke gelesen, die aus Österreichs Ministerien als Anweisungen hinausgingen? Da hätten doch schon längst die Alarmglocken schrillen müssen, doch ich kann mich nicht erinnern, dass dieser Notstand des Verwaltungsrechts je auch nur erwähnt worden wäre.

Heutige Gesellschaften haben ein stahlhartes Kriterium, um Wertschätzung auszudrücken, nämlich die Menge Geldes, die für bestimmte Aktivitäten im Budget stehen. Die Ausgaben für Forschung wurden dank der "Frugalen" im EU-Finanzrahmen 2021 bis 2027 gekürzt. (Christian Fleck, 12.8.2020)