Die Anzeigetafel in Lissabon präsentierte ein außergewöhnliches Ergebnis für die Königsklasse.

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Lissabon – Nach einem magischen Abend betraten die Akteure des FC Bayern kurz vor Mitternacht entspannt das noble Penha Longa Resort westlich von Lissabon. Alle trugen einen Mund-Nase-Schutz, doch selbst das schwarze Stück Stoff konnte das breite Lächeln der Spieler nicht verbergen. 8:2 (4:1) gegen den ruhmreichen FC Barcelona mit dem großen Lionel Messi, eine einzigartige Machtdemonstration für die Geschichtsbücher.

Ein "sehr spezieller Abend" sei das gewesen, sagte Thomas Müller nach dem historischen Viertelfinale der Champions League mit einem Anflug von Untertreibung. Der zweifache Torschütze, der zum "Man of the Match" gewählt wurde und mit nun 113 Einsätzen in der Königsklasse alleiniger deutscher Rekordhalter ist, stellte zugleich mit funkelnden Augen glücklich fest: "Wie wir zusammengespielt haben, da geht mir das Herz auf."

Sternstunde mit Schönheitsfehler

ÖFB-Star David Alaba hat mit den Bayern eine weitere Sternstunde erlebt. Der Wiener stand als Abwehrchef nur in der Anfangsphase im Blickpunkt, als ihm ein Eigentor zum 1:1 unterlief. Das restliche Spiel dominierten die Bayern mit ihrer herausragend starken Offensive eindrucksvoll. "Wir waren von der ersten Minute an sehr stark, wir waren sehr fokussiert, und ich denke, am Ende des Tages verdienen wir diesen Sieg", meinte Alaba nach dem historischen Abend. "Wir sind sehr glücklich, dass wir das Feld als Gewinner verlassen haben."

Abgang Messi.
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Die Bayern überrollten den einst so unantastbaren spanischen Giganten mit Power-Pressing, bereits an der Strafraumgrenze wurde den Katalanen ein ruhiger Spielaufbau untersagt. "Das Pressing war schon brutal", sagte Leon Goretzka. Auch Müller sah eine brutale Dominanz, die spanische Sportzeitung As bezeichnete Barcas Spieleröffnung als "griechische Tragödie".

"Tsunami, Massaker"

Im "Stadion des Lichts" spielte die Mannschaft von Trainer Hansi Flick phasenweise wie von einem anderen Stern, taktisch perfekt eingestellt, bis auf einige defensive Wackler auch spielerisch überzeugend. "Bayern war ein Tsunami", urteilte die spanische Sportzeitung Marca und schrieb gar von einem Massaker.

Es war zumindest ein Abend der Rekorde, ein Abend, der sehr an das 7:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien im WM-Halbfinale 2014 erinnerte. "Gegen Brasilien hatten wir es nicht so unter Kontrolle", sagte der damals mit dem Treffer zum 1:0 beteiligte Müller allerdings. Für Flick, vor sechs Jahren Co-Trainer an der Seite von Bundestrainer Joachim Löw, zählte derweil nur "das Hier und Jetzt".

Man of the Match: Thomas Müller.
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Dieser Freitagabend war auch ein Abend, an dem die Bayern endgültig in die Rolle des absoluten Topfavoriten beim "Final 8" in der portugiesischen Hauptstadt schlüpften. Flick gab sich allerdings alle Mühe, die Euphorie zu dämpfen. Natürlich sei die Art und Weise "beeindruckend" gewesen, sagte er. In der Tat: Noch nie hatte eine Mannschaft in einem K.o.-Spiel der Königsklasse acht Tore erzielt. Neben Müller (4./31.), trafen auch noch Ivan Perisic (21.), Serge Gnabry (27.), Joshua Kimmich (63.), Robert Lewandowski (82.) und Philippe Coutinho (85./89.).

Für Flick aber war es nur "eine kleine Duftmarke", auch ein 3:1 stünde ja "ewig in den Geschichtsbüchern", sagte er. Betont nüchtern fuhr er fort: Jetzt zähle es, "Kräfte für das Halbfinale zu sammeln". Dort wartet am Mittwoch (21.00 Uhr) Manchester City mit dem ehemaligen Bayern-Trainer Pep Guardiola oder Olympique Lyon. Für Flick steht dabei ein weiterer Rekord auf dem Spiel: Noch nie gewann ein Trainer seine ersten sieben Champions-League-Partien.

Der Traum von der Henkeltrophäe lebt mehr denn je, der 55 Jahre alte Flick aber will trotzdem sachlich bleiben. "Jetzt geht es darum, es sacken zu lassen und genau zu analysieren. Uns auf das nächste Spiel vorzubereiten, um zu schaffen, was wir wollen: Ganz oben zu stehen", sagte er. Klar, räumte er ein, "wir freuen uns alle, dass es so gekommen ist, aber wir wissen auch, dass wir noch einiges vor der Brust haben". Und außerdem: "Auch das nächste Spiel fängt wieder bei Null an."

Das war's dann wohl für Quique Setien beim FC Barcelona.
Foto: REUTERS/Rafael Marchante

Bei Barcelona dürfte das "historische Begräbnis", wie spanische Medien schrieben, Konsequenzen haben. Trainer Quique Setien ahnt, dass seine Zeit nach nur sechs Monaten im Amt schon wieder enden könnte. "Natürlich minimieren sich die Chancen für mich", sagte Setien und seufzte: "Wir haben uns überrollt gesehen von einer sehr guten Mannschaft." Möglicherweise vom kommenden Champions-League-Sieger?

Die Katalanen kassierten erstmals seit 1946 acht Tore in einem Spiel. Klub-Präsident Josep Maria Bartomeu entschuldigte sich bei den Fans und kündigte Konsequenzen an. "Es gibt einige Entscheidungen, die wir bereits getroffen haben und andere, die wir die nächsten Tage treffen werden. Es wird in der kommenden Woche Mitteilungen geben, wir müssen Entscheidungen treffen, nachdem sich die Dinge beruhigt haben", sagte Bartomeu.

Setien vor dem Abgang

Wie spanische Medien übereinstimmend berichteten, solle die Trennung von Setien erfolgen. Als Kandidaten für die mögliche Nachfolge wurden Mauricio Pochettino, Xavi und Patrick Kluivert genannt. Der 61-jährige Setien hatte erst im Jänner die Nachfolge von Ernesto Valverde angetreten.

Barcelona wartet durch das Ausscheiden bereits seit 2015, dem bisher letzten Königsklassen-Triumph, auf einen Finaleinzug in der Champions League. "Wir sind am Tiefpunkt angekommen", sagte Verteidiger Gerard Pique. "Das ist ein fürchterliches Spiel, ein desaströses Ergebnis. Eine Demütigung, das ist das Wort." (sid, APA, dpa, red, 15.8.2020)

Die torreichsten Spiele in der Fußball-Champions-League:

12 Tore: Borussia Dortmund – Legia Warschau 8:4 am 22. November 2016

11: Monaco – La Coruna 8:3 am 5. November 2003

10: FC Barcelona – Bayern München 2:8 am 14. August 2020*

9: Paris Saint-Germain – Rosenborg 7:2 am 24. Oktober 2000

Lyon – Werder Bremen 7:2 am 8. März 2005

Villarreal – Aalborg 6:3 am 21. Oktober 2008

Tottenham Hotspur – Bayern München 2:7 am 1. Oktober 2019

*= torreichstes Spiel in der K.o.-Phase