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Vor allem die Eingewöhnungsphase für Kinder, die erstmals in den Kindergarten kommen, wird eine Herausforderung in Corona-Zeiten.

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Wien – Wenn die Kindergärten das für Herbst angekündigte Corona-Ampelsystem tatsächlich auch umsetzen sollen und es nicht nur Leitlinie am Papier bleiben soll, "dann braucht es mehr Personal und finanzielle Zusatzmittel", sagt Neos-Bildungssprecherin Martina Künsberg Sarre. Nur so könnten die in Corona-Zeiten notwendigen Maßnahmen wie die Verkleinerung der Gruppen und möglichst geringe Durchmischung realisiert werden. Das bedeutet aber automatisch, dass mehr Kindergartenpädagoginnen und Mitarbeiter in den Einrichtungen benötigt werden. Kurzfristig sei das vor allem durch Überstunden oder das Aufstocken von Teilzeitverträgen machbar – was Zusatzkosten bedeutet.

"Die Regierung hat Corona-bedingt für viele andere Bereiche Sonderbudgets aufgelegt, für Kinder noch nicht. Jetzt ist der Zeitpunkt, wo das gemacht werden muss", forderte Künsberg Sarre am Donnerstag im STANDARD-Gespräch: "Eltern und Arbeitgeber müssen sich verlassen können, dass ihre Kinder im Kindergarten bestmöglich und verlässlich versorgt werden." Sie verlangt außerdem regelmäßige und schnelle Corona-Testungen des Personals in Kindergärten.

Langfristig doppelt so viele Kindergartenpersonal wie jetzt

Die Neos-Nationalratsabgeordnete und der Wiener Neos-Chef Christoph Wiederkehr sprachen sich im Rahmen einer Pressekonferenz am Donnerstag ganz grundsätzlich für mehr Budget für den Elementarbereich und zusätzliches Personal in den Kindergärten aus. Österreichweit brauche es insgesamt 25.000 zusätzliche Pädagoginnen und Pädagogen, für die Bundeshauptstadt fordert Neos-Landeschef Wiederkehr eine Verdopplung von 5000 auf 10.000, um mittel- bis langfristig eine Halbierung der Gruppengrößen zu erreichen. Auch die Stadt müsse akut mit einem Sonderbudget auf die Corona-Folgen reagieren, um Gruppenzusammenlegungen an den Randzeiten zu vermeiden.

Heikle Eingewöhnungsphase steht bevor

Die erste große Bewährungsprobe und in diesem Jahr unter den Corona-Bedingungen wohl besonders schwierig dürfte die sogenannte Eingewöhnungsphase in den Kindergärten für die Neulinge werden. Weil sich da das Problem der Durchmischung besonders deutlich stellen werde, erklärt die Vorsitzende des Berufsverbands der Kindergarten- und HortpädagogInnen Österreichs, Raphaela Keller, im STANDARD-Gespräch: "Das wird eine spezielle Herausforderung, weil da die Eltern im Kindergarten drinnen nicht nur mit ihren eigenen Kindern agieren, sondern natürlich auch mit anderen Kindern und deren Eltern." Dieses Eingewöhnen an die neue Tagesstruktur in einer zuerst fremden Umgebung könne je nach Kind zwischen zwei Wochen und bis zu drei Monaten dauern.

Eltern sollten Gesichtsvisier tragen

Keller plädiert dafür, dass alle Eltern am besten ein durchsichtiges Gesichtsvisier als Schutzmaßnahme tragen (das bei Bedarf auch zur Verfügung gestellt werden solle) – für sich und alle anderen im Kindergarten, "weil Masken auch die eigenen Kinder verunsichern können", wenngleich sie davor warnt, "dass immer dieses Drama um die Masken gemacht wird. Die Kinder kennen sie ja mittlerweile auch im Alltagsleben. Die Maske gehört nun einmal zum Leben dazu, und der Kindergarten ist Lebensbildung. Das durchsichtige Visier wäre kontaktfördernder und würde auch die anderen Kinder einbeziehen", meint Keller: "Kinder brauchen diese Nähe – auch von den Pädagoginnen. Bildungsprozesse laufen auch über Kontakte und Nähe. Das muss man immer mitbedenken – auch jetzt – und pragmatische Lösungen finden, wie man am besten mit der Corona-Pandemie umgeht."

Corona hat Personal- und Raumnot sichtbarer gemacht

Die Forderungen der Neos nach Verdoppelung des pädagogischen Personals und anderer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den elementarpädagogischen Einrichtungen decken sich mit jenen der Berufsgruppe. Auch Keller rechnet damit, "dass wir mindestens so viele Pädagoginnen und Pädagogen wie jetzt brauchen. Corona hat das Problem des Personalmangels und der Raumnot verstärkt und Versäumnisse der vergangenen Jahre sichtbarer gemacht. Wären die Kindergartengruppen kleiner, hätten wir jetzt nicht so viele Probleme."

Dem Problem, dass qualifiziertes Personal nicht von heute auf morgen so einfach aufzutreiben ist, würde Keller damit begegnen, "dass man die, die die Ausbildung haben und weg sind, weil die Arbeitsbedingungen so sind, wie sie sind, wieder motiviert, in den Beruf zurückzukehren".

Systematische Testungen des Personals

Auch die Berufsgruppenvertreterin fordert für die Elementarpädagoginnen und alle anderen Mitarbeiteinnen und Mitarbeiter in Kindergärten und Krippen ein systematisches Corona-Testprogramm, zu dem sie unbürokratisch und schnell Zugang haben. "Kinder in diesem Alter zu testen, ist schwierig, auch wenn jene, die im letzten verpflichtenden Kindergartenjahr sind, durchaus schon gurgeln können. Aber am sinnvollsten ist es, die Erwachsenen im Kindergarten regelmäßig zu testen", fordert Keller.

Mit Tests alleine ist es aber natürlich nicht getan. Dass Kinder, die ihr Immunsystem erst entwickeln müssen, immer wieder mit Infekten und Erkältungen zu tun haben, ist bekannt. Schwierig wird jetzt die Unterscheidung von ähnlichen Erkrankungssymptomen, die einmal eine banale Erkältung und dann vielleicht doch eine Covid-19-Erkrankung anzeigen können. "Leider haben wir keine multiprofessionelle Teams, etwa medizinisches Fachpersonal, das dabei hilft."

Folgen des Lockdowns zeigen sich jetzt

Die Nachwirkungen des Lockdowns hätten aber auch einen enormen Bedarf an psychologischer, psychotherapeutischer und sozialarbeiterischer Hilfe und Intervention für viele Kinder und Eltern gezeigt, erzählt Raphaela Keller. Es wäre schon eine große Hilfe, wenn an einzelnen Tagen Vertreterinnen und Vertreter dieser Professionen in Kindergärten vor Ort ansprechbar wären. (Lisa Nimmervoll, 20.8.2020)