Einmal mehr hat das Very Large Telescope eine Entdeckung der besonderen Art gemacht.
Foto: APA/EUROPEAN SOUTHERN OBSERVATORY (ESO)

"S4711" – nach dem Markennamen von "Echt Kölnisch Wasser" haben Kölner Physiker einen Stern benannt, der im Zentrum der Milchstraße seine Bahn zieht. Seine Oma habe das Duftwasser auch immer benutzt, "weshalb ich positive Erinnerungen damit verbinde", sagt Teamleiter Florian Peißker.

Während dem Parfum mittlerweile ein etwas angestaubtes Image anhaftet, hat es der nach ihm benannte Stern in sich: Er ist der schnellste Stern, den man jemals in der Milchstraße entdeckt hat, wie die Universität Köln berichtet. S4711 bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 24.000 Kilometern pro Sekunde, das sind 86 Millionen km/h oder acht Prozent der Lichtgeschwindigkeit.

Keine Flucht

Erheblich langsamere Sterne wie der 2019 entdeckte S5-HVS1, der mit über sechs Millionen km/h dahinzieht, sind immer noch schnell genug, dass es sie aus der Milchstraße hinausträgt, weil sie die dafür notwendige Fluchtgeschwindigkeit überschreiten. Allerdings bewegen sich solche "normalen" Raser (sogenannte Hypervelocity Stars) in einem völlig anderen Umfeld. Für S4711 ist an Flucht nicht zu denken, er befindet sich in der Gefangenschaft des unerbittlichsten Kerkermeisters, den unsere Galaxie aufzubieten hat: Sagittarius A*, das supermassereiche Schwarze Loch, das das Zentrum der Milchstraße bildet.

Kosmisches Diadem: So könnte das Umfeld von Sagittarius A* mit den darin kreisenden Sternen aussehen.
Illustration: REUTERS/NASA/CXC/M. Weiss

Dieses monströse Objekt, das über vier Millionen Mal mehr Masse hat als unsere Sonne, wird von Sternen umkreist, die auf ihren engen Bahnen einen beträchtlichen Prozentsatz der Lichtgeschwindigkeit erreichen. Einer der hellsten Mitglieder dieses Sternhaufens, S2, galt bislang mit einer Umlaufdauer von 15,9 Jahren als der schnellste. Doch Peißker und Kollegen haben jetzt gleich zwei Sterne entdeckt, die noch schneller sind: Der erste, S62, benötigt 9,9 Jahre – und der allerschnellste, eben S4711, nur 7,6 Jahre.

Weitere Entdeckungen möglich

Da diese superschnellen Sterne so nah am Milchstraßenzentrum liegen, waren sie in der Vergangenheit schwer zu entdecken. Mit der Entwicklung größerer Teleskope und fortgeschrittener Analysetechniken wurden jedoch immer mehr dieser ungewöhnlichen Himmelskörper gefunden. Die Identifizierung des neuen Rekordhalters und vier weiterer Sterne gelang mit dem Very Large Telescope der Europäischen Südsternwarte (ESO) in Chile. Und Peißker geht davon aus, dass diese Entdeckungen nicht die letzten gewesen sein dürften.

Ein Stern wie S4711 könnte laut dem Astronomen auch ein Kandidat für einen "Squeezar" sein, eine vorerst noch hypothetische Klasse von Sternen. Diese würden von den extremen auf sie einwirkenden Kräften gequetscht und Temperaturwechseln von mehreren tausend Grad unterzogen. Die Umgebung von Sagittarius A*, die im Rest der Milchstraße ohne Beispiel ist, könnte das richtige Umfeld für die Entstehung solcher Objekte sein. (red, 21. 8. 2020)