Was ist der Fehler auf diesem Bild? Das Tageslicht.
Foto: Nora Weyer/Wits University

Sieht man von der Blauen Elise aus der Zeichentrickserie "Der rosarote Panther" einmal ab, ist es so gut wie nie im Fernsehen zu bewundern: das Erdferkel (Orycteropus afer). Es ist weder der Star von Naturdokumentationen noch von Fotosafaris, dabei könnte es kaum ein Großtier geben, das für Afrika typischer wäre. Sein Lebensraum umfasst praktisch den gesamten Kontinent südlich der Sahara, und mit einer Gesamtlänge von zwei Metern ist es auch nicht gerade ein unscheinbarer Winzling.

Überhaupt kann von unscheinbar nicht die Rede sein: Das gedrungen gebaute Tier, das bis zu 80 Kilogramm schwer werden kann, hat riesige Kaninchenohren, eine röhrenförmige Schnauze, deren Proportionen auf halbem Weg zwischen Schweine- und Elefantenrüssel zu liegen scheinen, und nicht zuletzt beeindruckende Krallen. Die benutzt es zum Graben, denn das Erdferkel ernährt sich fast ausschließlich von Ameisen und Termiten.

In jeder Hinsicht eine Einzelerscheinung

Aber das Erdferkel ist in mehrerlei Hinsicht einzigartig, nicht nur wegen seines Aussehens. Im Alltag lebt es als notorischer Einzelgänger, und auch in der biologischen Systematik steht es alleine da. Früher wurde das Erdferkel wegen seiner Ernährungsweise und seines teilweise zurückgebildeten Gebisses mit Ameisenbären und Schuppentieren zu einer Gruppe zusammengefasst. Aber das hat sich als Irrtum erwiesen: All diese Tiere weisen nur gewisse Ähnlichkeiten auf, weil sie sich an eine vergleichbare Lebensweise angepasst haben.

In Wirklichkeit ist das Erdferkel ein entfernter Cousin von Elefanten und Seekühen und hat sich in Afrika entwickelt, als dieses noch vom Rest der Welt isoliert war. Als sich der Kontinent mit Eurasien verband, zogen die Tiere in die Welt hinaus und brachten neue Arten hervor– auch in Europa gab es einmal Erdferkel. Aus unbekannten Gründen verschwanden all diese Arten aber wieder. Geblieben ist nur die jetzige afrikanische Art, die zugleich die größte der Erdferkelgeschichte sein dürfte.

Savannen-CCTV: Ein Erdferkel kommt des Nachts aus seinem Bau und tappt in eine Kamerafalle,
Foto: Nora Weyer/Wits University

Dass sich Erdferkel mit ihrer Abneigung gegen Gruppenbildung großräumig verteilen, ist einer der Gründe, warum man sie so selten zu sehen bekommt. Noch entscheidender ist aber, dass sie praktisch den gesamten Tag in einer selbstgegrabenen Erdhöhle verbringen. Erst nach der Abenddämmerung kommen sie daraus hervor und sind dann bis zum Morgengrauen auf Insektenjagd. Und so sollte es auch bleiben, lautet die Bilanz einer südafrikanischen Studie, die im Fachjournal "Frontiers in Physiology" erschienen ist: Denn nachtaktive Erdferkel sind glückliche Erdferkel.

Dieses Glück ist aber am Schwinden. Dafür sorgt der Klimawandel, der vielen Regionen des Erdferkelverbreitungsgebiets mehr Hitze und Trockenheit beschert. Dieser Trend zeichnet sich dort besonders stark ab, wo die Tiere schon bisher am Existenzminimum lebten: in der Kalahari im Süden des Kontinents. Und dort sind Erdferkel auch immer öfter am Tage zu sehen.

Drei Jahre unter Beobachtung

Ein Team um Nora Weyer von der Witwatersrand-Universität versah Erdferkel im Tswalu-Kalahari-Reservat mit sogenannten Biologgers. Diese zeichneten biometrische Daten wie die Körpertemperatur und die Aktivitätsmuster der Tiere auf, der Untersuchungszeitraum erstreckte sich über drei Jahre. Anschließend wurden die Daten mit Satellitenmessungen der wechselnden Wetterlagen und der Entwicklung der Vegetation in diesem Zeitraum verglichen.

Nase, Ohren und Klauen – Erdferkel haben ihre ganz eigenen Proportionen.
Foto: AP Photo/Jeff Roberson

Es zeigte sich ein recht eindeutiger Zusammenhang: In Phasen starker Trockenheit ging erwartungsgemäß die Pflanzendecke zurück, was wiederum die Insektenpopulationen schrumpfen ließ. Und in genau diesen Phasen verlegten die Erdferkel ihre Aktivitäten von der Nacht auf den Tag. Laut Weyer handelt es sich dabei um einen Versuch, Energie einzusparen. Denn Erdferkel sind nur spärlich behaart. Nächte, die im Inneren des Kontinents erstaunlich kalt werden können, stehen sie also nur durch, wenn sie genügend Nahrung finden.

Der Wechsel des Tagesrhythmus, eigentlich ein schönes Beispiel für tierische Flexibilität, war aber nur wenig erfolgreich. In einer besonders heftigen Dürrephase starben die Erdferkel reihenweise – und die Forscher mussten ihnen beim Verhungern zusehen. Weyer, die von einer herzzerreißenden Erfahrung spricht, war bereits vor einigen Jahren mit ersten Ergebnissen ihrer Langzeitstudie an die Öffentlichkeit gegangen. Und nachdem die Daten nun ausgewertet und in den Kontext der klimatischen Entwicklung gestellt sind, ist das Bild nicht besser geworden: Es sei ein besorgniserregenden Ausblick auf die Zukunft dieser einzigartigen Spezies. (jdo, 24. 10. 2020)