Die Idee zu den Malversationen habe Bankchef Pucher gehabt, sie habe sie durchgeführt, sagt Ex-Commerzialbankerin K.

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Wien – Die Frage, wie es geschehen konnte, dass die Malversationen in der Commerzialbank Mattersburg über Jahrzehnte hinweg nicht aufgeflogen sind, wird Behörden und Öffentlichkeit wohl noch länger beschäftigen. Die Bankenaufseher, die 2015, 2017 und heuer Vor-Ort-Prüfungen durchführten, berufen sich sinngemäß darauf, dass sie die kriminellen Vertuschungshandlungen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nicht entdecken konnten. Der Wirtschaftsprüfer TPA, der die Jahresabschlüsse der Bank seit Anbeginn prüft, fühlt sich selbst als Opfer; man sei, zum Beispiel, durch gefälschte Bankbestätigungen getäuscht worden. Und die Justiz fand trotz Whistleblower-Meldung im Jahr 2015 und trotz einer Anzeige der FMA wegen Untreueverdachts bei der Eigenkapitalaufbringung keinen Anfangsverdacht und leitete daher keine Ermittlungen ein. Das ist erst im Juli geschehen.

Einen ersten Einblick, wie alles begonnen hat, gaben Ex-Bankchef Martin Pucher und seine Vorstandskollegin K. in ihren Einvernahmen vor der Staatsanwaltschaft. Wie berichtet fühlte sich Pucher bereits Anfang der 1990er-Jahre unter "Erfolgsdruck", es sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als Bilanzen zu fälschen, sagte er sinngemäß aus. Die Grundidee sei von ihm gekommen, ausgeführt habe dann alles Frau K., die ebenfalls ein Geständnis abgelegt hat. Für beide gilt die Unschuldsvermutung.

Ideen des Chefs umgesetzt

K., die heute 55 Jahre alt ist, datiert den Beginn der Machinationen mit Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre; damals war Pucher ihr Chef in der Schattendorfer Raiffeisenkasse. Die sollte dann aus dem Raiffeisensektor fliegen, man gründete die Commerzialbank, deren Chef Pucher wurde. Sie sei damals 25 Jahre alt gewesen, Puchers Sekretärin und auch am Schalter tätig, sagte K. am 30. Juli vor den Ermittlern aus. Zunächst habe sie sich bei den Malversationen nicht viel gedacht, sie sei jung gewesen, die Idee sei von Pucher gekommen, sie habe das alles technisch ausgeführt. Angefangen habe alles mit der "Erstellung von veränderten Auszügen": Sie habe Zinserträge auf zunächst realen Konten erhöht, später seien Ausbuchungen von Kundenveranlagungen dazugekommen.

Und wie lief das System mit den Fake-Krediten, das so lange unentdeckt bleiben sollte? Laut Aussage von K. wurden Termineinlagen von Kunden widerrechtlich bar behoben und wieder eingezahlt, um die Differenz zwischen den tatsächlichen (niedrigen, Anm.) Zinserträgen und den erfundenen (höheren, Anm.) Zinserträgen abzudecken. Dieses System hätten sie im Lauf der Zeit "verfeinert und vergrößert" – vor allen in den vergangenen beiden Jahren habe Pucher ihr nur noch gesagt, um wie viel größer der Zinsertrag werden müsse, und dann "hab ich mich hingesetzt und habe das bewerkstelligen müssen".

Point of no Return

Die Lawine wuchs schnell. Schon Ende der 90er-Jahre war der Schaden laut K. sehr hoch, schon damals habe sie Sorge gehabt, dass es Geschädigte gibt, ihre Sorgen seien auch immer größer geworden. Bald sei der Point of no Return gekommen, bis dahin habe sie die Hoffnung gehabt, "dass Herr Pucher das bezahlen kann". Das konnte er nicht, und sie selbst habe es auch nicht gekonnt. Daran, dass ihre Handlungen unrechtmäßig sind, hatte K. keine Zweifel, wie sie aussagt, bereichert habe sie sich aber nicht.

Fußballfan war die Bankerin nicht ("Ich war in meinem Leben nur zweimal am Fußballplatz Mattersburg"), von den fingierten Sponsorzahlungen für den SV Mattersburg, dessen Präsident Pucher bis vor kurzem war, wusste sie freilich schon. Auch die liefen über Bargeldabhebungen: Pucher habe Unterschriften auf Barschecks gefälscht (das gibt auch er zu, Anm.), sie habe das Bargeld entnommen und ihm gegeben. Eine Neuigkeit erfuhr die Ex-Managerin im Zusammenhang mit dem gefakten Fußballsponsoring von den Ermittlern: nämlich dass Pucher um das Geld Eintrittskarten gekauft hat.

Bares für marode Kreditkunden

Pucher hat ja zudem gestanden, dass er Bares auch maroden Kreditkunden hat zukommen lassen, unter anderen einem ehemaligen Großsponsor des SV Mattersburg. Der Ex-Manager wollte Konkurse seiner Kunden und somit Wertberichtigungen für die Bank verhindern. 2016, als Pucher krank geworden war, übernahm K. diese "speziellen Bargeldübergaben", von denen sie bis dahin nichts gewusst hatte, wie sie sagt. Zwei Kunden kamen in den Genuss ihrer Geldübergaben, "geredet wurde dabei nicht viel".

Zwischendurch sei ihr alles zu viel geworden, sagt K. Immer wieder einmal habe sie kündigen wollen, aber Pucher habe sie zum Bleiben überredet. Ohne sie wäre alles aufgeflogen, davon zeigt sich K. überzeugt, nicht zuletzt konnte der Vorstandschef der Regionalbank ja keine Computer bedienen, wie sein Anwalt Norbert Wess sagt.

Riesenfälschung, Riesenpleite

K. selbst jedenfalls hatte laut Einvernahmeprotokoll bis zum Schluss die Hoffnung, "dass wir das falsche Bilanzbild im Lauf der Jahre bereinigen und die Situation so in Ordnung bringen können", damit es keine Geschädigten gebe. Ihr "einziger Strohhalm" sei ein von Pucher als werthaltig beschriebenes Projekt gewesen, bei dem die Bank Patente besitzt – realisiert wurde das freilich nie. Zur Erinnerung: Die Bank, die zuletzt eine (aufgeblasene) Bilanzsumme von 800 Millionen Euro hatte, ist mit einer Überschuldung von sage und schreibe 528 Millionen Euro pleitegegangen.

Geholfen habe ihr in der Bank niemand, sagt K. in ihrer Einvernahme aus, "ich habe völlig allein gehandelt". Das gelte auch für die Fälschung jener Bestätigungen, laut denen die Commerzialbank zuletzt hunderte Millionen Euro Guthaben bei anderen Instituten hatte. Wie das ging? Zunächst hätten Pucher oder K. entsprechende Formulare bei Druckereien in Auftrag gegeben, später dann habe sie selbst die nötigen Briefpapiere am Computer hergestellt: "Ich habe die entsprechende Erfahrung."

Pucher und K. haben sich zuletzt entfremdet. Gesprochen haben die beiden schon lang nicht mehr miteinander. (Renate Graber, 25.8.2020)