27. August 2015, Pressekonferenz zur Tragödie von Parndorf. Hans Peter Doskozil agierte schon als Polizeidirektor des Burgenlandes, als wäre er ein krisenfester Politiker.

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Hans Peter Doskozil war schon im Alarmzustand. "Seit Februar, spätestens März hat sich die Schleppertätigkeit über Ungarn verstärkt." Die Flüchtlingszahlen stiegen. "Im Polizei-Bezirkskommando in Neusiedl am See wurden Zelte aufgestellt." Man hatte – hat man damals schon gesagt – alle Hände voll zu tun. Aber das war nichts im Vergleich zu dem, was jetzt kam.

Am 27. August 2015 – in Wien waren Europas Granden zu einer Westbalkankonferenz versammelt – hat der burgenländische Landespolizeidirektor, Hans Peter Doskozil, seine Innenministerin, Johanna Mikl-Leitner, an die Grenze nach Nickelsdorf gebeten zum gemeinsamen Augenschein. Die beiden begaben sich in das dort befindliche österreichisch-ungarische Kontaktbüro. "Und dort hat man uns geschildert, was zwei Kollegen gerade entdeckt hatten in einer Parkbucht auf der Autobahn bei Parndorf."

Verwesungsgeruch

Und ab da war alles mit einem Schlag anders. Nicht nur im Burgenland. Nicht nur in Österreich. Wenn man Hans Peter Doskozil – heute SPÖ-Landeshauptmann des Burgenlandes – fragt, welche Bilder ihm zu diesem Sommer durch den Kopf gehen, redet er bald über den Geruch. "Den krieg ich bis heute nicht aus der Nase."

71 Menschen sind in dem Lkw mit slowakischer Aufschrift qualvoll erstickt, in sich zusammengesackt. Die Hitze dieses Sommers hat ein Übriges getan. Zum Geruch assoziiert Doskozil bis heute die Vorstellung, wie die Menschen im luftdicht verschlossenen 7,5-Tonner ums Leben kämpften.

Am selben Tag noch, am 27. August, trommelte man die Presse nach Eisenstadt zusammen. Doskozil und seine Innenministerin stellten sich den internationalen Medien, die ohnehin in Wien bei der Westbalkankonferenz waren. "Die Ministerin", sagt er heute, "war wirklich sehr betroffen."

Geländegängig

In Wahrheit hat Doskozil seine Ministerin mit einer offenbar instinktiven Geländegängigkeit durchgetragen. In Wien waren sowieso alle aus dem Häuschen mit einem Mal. Einzig der Kieberer von Eisenstadt schien die Nerven zu behalten.

Auch und vor allem dann, als eine Woche nach der Parndorfer Tragödie, als dem Nachbarpremier, Viktor Orbán die Geduld riss und er die in Ungarn befindlichen Flüchtlinge, zigtausende, einfach an die Grenze schickte. Das österreichisch-ungarische Kontaktbüro, eine Einrichtung der Europol, hatte Wind von der ungarischen Unerhörtheit bekommen. "Ich habe noch in der Nacht im Innenministerium angerufen. Aber dort hat man mir einfach nicht geglaubt." Und so begann dann der Altweibersommer, der ganz Europa ein für alle Mal verändert hat.

Dass er, der kleine Polizeidirektor des kleinen Grenz-Bundeslandes, in den nun folgenden sieben Wochen der Einzige gewesen ist, der eine politische Figur gemacht hat, "war mir nicht bewusst". Unermüdlich hat er erklärt, was da gerade abläuft, warum was wie geschieht, was im Grunde noch zu tun wäre. Aber in diesen Tagen, als von CNN bis Al Jazeera alle wissen wollten, was da los sei, "war ich kein Medienkonsument".

Verteidigungsminister, Landesrat, Landeshauptmann

Als sich das Schwergewicht des Krisen-Grenzmanagements in die Steiermark verlagerte – "Wir haben unsere Hilfe angeboten, man wollte sie nicht" –, hatte er dann Zeit dazu, in sich und also bergauf zu gehen.

SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann holte ihn Anfang 2016 als Verteidigungsminister nach Wien. Im Dezember 2017 wechselte er, schon als seriöser Landeshauptmann-Kandidat, als Landesrat ins Eisenstädter Landhaus. 2018 beerbte er Hans Niessl als Parteichef. 2019 als Landeshauptmann. Im heurigen Jänner stattete ihn das Burgenland mit einer absoluten Mehrheit aus.

Ob zum Nutzen oder zum Schaden der SPÖ – darüber wird dort bis heute debattiert. Hauptsächlich in der SPÖ. (Wolfgang Weisgram, 27.8.2020)