Jubel für die Putschisten in Malis Hauptstadt Bamako.
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Es gab keine Verletzten, keine Toten, und nur zu Beginn der Meuterei in der Garnisonsstadt Kita ein paar Schüsse: Der Putsch in Mali vor wenigen Tagen ging ziemlich reibungslos über die Bühne.

Und auch wenn es die internationale Staatengemeinschaft nicht wahrhaben will und die Europäische Union am Mittwoch ihre beiden Ausbildungs- und Beratungsmissionen für Militär und Polizei vorerst suspendierte: Der Umsturz durch eine Handvoll Offiziere war und ist populär im Land.

Viele sehen darin die Fortsetzung der Straßenproteste, die Bamako seit der Parlamentswahl im April – die Partei von Präsident Ibrahim Boubacar Keita gewann wider Erwarten – in Atem gehalten hatten. Die Junta unter dem neuen starken Mann, Oberst Assimi Goita, hat zunächst den Premier und den Präsidenten festgesetzt, wobei zumindest Letzterer am Donnerstag freigelassen wurde. Die Junta hat einen "Nationalen Rat für das Volksheil" (CNSP) einberufen und macht sich zahlreiche Forderungen der Straße zu eigen: Kampf gegen Korruption und Günstlingswirtschaft, Gewährleistung transparenter Wahlen und Verkauf präsidialer Symbole (Flugzeuge, Staatslimousinen) zugunsten schulischer Einrichtungen.

Neuwahlen? Bitte warten ...

Allerdings folgt nun bereits ein erster Dämpfer: Die selbsternannte "Übergangsregierung" hat diese Woche erklärt, sie werde erst in drei Jahren Neuwahlen organisieren. Die Militärs haben es offenbar nicht eilig. Ihre Anhänger wenden ein, die Wahlfälschungen durch Keitas Partei seien auch nicht demokratischer gewesen.

Auf jeden Fall zeugt der Staatsstreich von der alarmierenden Destabilisierung Malis, des zentralen Sahellands Westafrikas, in dem die ehemalige Kolonialmacht Frankreich 2013 eingreifen musste, um die Bildung eines islamistischen Gottesstaats zu verhindern. Noch heute kämpfen im Wüstennorden des großflächigen 19-Millionen-Einwohner-Staats 4.500 französische Soldaten, darunter wüstenerprobte Fremdenlegionäre, im Rahmen der gefährlichen Mission Barkhane. Bis dahin hatten sie das Placet von Präsident Keita, der seine Wahl auch dem diskreten Zutun Frankreichs verdankte. Und jetzt? Was, wenn die neue Junta, von Paris als nicht legitim abgelehnt, die Franzosen zur Abreise auffordert?

So weit dürfte es nicht kommen. Aber nur, weil Mali gar nicht mehr auf die französische Militärhilfe verzichten kann. Staat und Wirtschaft liegen am Boden, durch Covid-19 und unerträgliche Hitzewellen zusätzlich geschwächt. Von den Jihadisten genährt, flackern in dem Vielvölkerstaat soziale und ethnische Konflikte – etwa zwischen Hirten und Dorfbewohnern – auf.

Imam Mahmoud Dicko, ein Anführer der monatelangen Proteste gegen die korrupte Staatsführung in Mali.
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Ein Anführer der monatelangen Proteste gegen die korrupte Staatsführung war Mahmoud Dicko, ein pietistisch-pazifistischer Salafist. Der in Saudi-Arabien ausgebildete Imam sorgt mit dafür, dass in dem einst ökumenischen, gemäßigt muslimischen Mali die religiöse Temperatur steigt. Die aus Libyen und Algerien eingefallenen Jihadisten bezeichnet er zwar als "Kriminelle". Diese dringen nun aber auch bis ins Zentrum Malis vor und darüber hinaus in die Nachbarländer. Im Niger und in Burkina Faso häufen sich Anschläge und furchtbare Massaker. Zehntausende Landbewohner sind schon geflüchtet – die meisten über die Landesgrenzen, aber viele wohl bis nach Europa.

Sorge um Sicherheit in der Region

All dies habe "schwerwiegende Folgen für den Frieden und die Sicherheit der Region", meint der Uno-Gesandte für das Sahelgebiet, Mohammed Ibn Chambas. Côte d’Ivoire und Guinea treiben auf schwere politische Unruhen zu. In beiden Ländern wollen sich die Staatschefs über das Grundrecht hinwegsetzen: Im Oktober kandidieren sie für eine dritte Amtsdauer, obwohl ihre Verfassungen nur zwei Mandate zulassen. Die Opposition mobilisiert, vom Volksaufstand in Bamako befeuert. Es gab bereits Festnahmen und Todesfälle.

Malier, Ivorer und Guineer skandieren ähnliche Parolen gegen ihre korrupten Regime und die "Scheindemokratie". Westliche Appelle für friedliche Wahlen bezeichnen sie als heuchlerisch. Denn bei diesen Urnengängen gewinnen stets die amtierenden Machthaber, die mit den Westfirmen Geschäfte treiben. Die Demonstranten in den Straßen von Bamako, Abidjan und Conakry sehen zudem, dass China und Russland den Putsch in Bamako – anders als die EU – nicht verurteilt haben.

Für Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (Archivbild von 2017 bei einem Truppenbesuch im Norden Malis) steht viel auf dem Spiel.
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Frankreich muss sich deshalb bei seinem beherzten Antiterroreinsatz zunehmend isoliert fühlen. Mit seiner Unterstützung fragwürdiger Potentaten und Autokraten fördert Paris letztlich seine eigenen Gegner: zum einen die Jihadisten, denen der sozialpolitische Aufruhr und die maßlose Bereicherung der Hauptstadteliten in die Hände spielen; zum anderen die Chinesen, die Frankreich in seinen Ex-Kolonien immer mehr als Geschäftspartner der Westafrikaner ablösen.

Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian rief die Junta in Mali am Donnerstag dazu auf, die Transitionsperiode möglichst kurz zu halten. Der Putsch allein werde Paris nicht dazu veranlassen, seine Pläne mit dem Land auf Eis zu leben oder gar zu begraben. Das Land müsse sobald wie möglich zivilen Kräften zurückgegeben werden, es gebe eine politische Agenda, um Stabilität zu schaffen und zu bewahren, sagte er in einem Radiointerview.

Statt politische Reformer und lokale Unternehmer zu fördern, setzt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron aber im Sahel wie gehabt auf die beharrenden Kräfte. Das kann nicht ewig gutgehen, wie nun auch der Staatsstreich in Mali zeigt. Die sozialen, politischen, religiösen und klimatisch bedingten Spannungen lassen befürchten, dass dies erst der Anfang war. Die Sahelzone ist labiler denn je. (Stefan Brändle, 27.8.2020)