Ein neuer universitärer "Leuchtturm" soll bald erstrahlen – diese Ankündigung hat so gut wie alle überrascht.
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Und plötzlich war sie da: die nächste Universität. Zumindest als Ankündigung des Kanzlers, denn sonst hat diese Nachricht augenscheinlich alle überrascht, die sich in diesem Land irgendwie mit Universitätspolitik beschäftigen. Noch diese Legislaturperiode soll sie kommen, und eine technische Universität soll es werden, in Linz. Sicherlich – das sage ich jetzt dazu, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand anderes dieses schöne Wort auch in den Mund nehmen wird – sicherlich soll es ein Leuchtturm werden. Und Leuchttürme in einem Binnenland sind immer gut!

Das wäre dann Nummer 23 der öffentlich finanzierten Universitäten in Österreich, davon die dritte in Linz und – je nach Zählweise – die dritte, vierte oder fünfte technische Universität (je nachdem, wie man die Montan-Uni Leoben und das IST in Gugging kategorisiert). Aber bitte, die Idee ist eigentlich ja uralt: Schon unterm Kaiser gab es vage Pläne für eine Technische Hochschule (so hießen diese Unis damals noch), und ab 1939 wurde tatsächlich auch eine solche anvisiert – aber dann doch nicht wirklich gebaut, Kriegsverlauf und so. All das noch, ehe die JKU in den 1960ern gegründet wurde. Egal. Wenigstens zöge Linz mit der neuen Uni numerisch endlich gleich mit Graz und hätte auch endlich die Ein-/Ausrichtung, die sich die Industrie angeblich schon lange gewünscht.

Österreich hat jetzt schon eine relativ hohe Dichte

Nur: Verlassen wir den innerösterreichischen Diskurs, dann sehen wir, dass die Dichte an öffentlich finanzierten Universitäten hierzulande schon jetzt verhältnismäßig hoch ist. In den Niederlanden zum Beispiel kommt eine öffentliche Universität auf mehr als eine Million Einwohner; in Dänemark auf mehr als 700.000. In Österreich sind es schon jetzt 500.000. Und ja, ich weiß, das mit den Rankings ist schwierig, aber: Die beste Uni in den Niederlanden ist auf Platz 9 (Leiden Ranking für Europa) bzw. auf Platz 52 (Shanghai Ranking), die beste in Dänemark ist auf den Plätzen 4 bzw. 32, und die beste aus Österreich halt nur auf den Plätzen 97 bzw. zwischen 151 und 200 (so weit hinten vergibt das Shanghai Ranking keine eindeutigen Plätze mehr).

Aber natürlich sind auch das nur krude Maßstäbe. (Und unvollständige: Das IST Austria, das mit Fug und Recht sagen kann, dass es eine Universität ist, wird in den Hochschulstatistiken dieses Landes nicht als solche geführt und scheint auch nicht in den Rankings auf. Ich verstehe nicht, warum.) Es kann natürlich gute Gründe dafür geben, eine neue Universität zu gründen. Die Rahmenbedingungen und die Geschwindigkeit, mit der die Technische Universität Linz (ich nenne sie liebevoll TULi) hier der erstaunten Öffentlichkeit präsentiert wurden, machen mich aber skeptisch.

Warum so schnell?

Zur Geschwindigkeit: Österreich hat in den letzten sechzig Jahren einige Universitätsgründungen erfahren. Sofern es nicht Ausgründungen waren (wie insbesondere die beiden Medizinischen Universitäten), ging diesen Gründungen immer ein mehrjähriger Diskussionsprozess voraus. Das mag langwierig sein, aber es stellt sicher, dass sowohl hinsichtlich der generellen Sinnhaftigkeit als auch der Standortwahl und Ausrichtung ein öffentlicher Diskurs geführt wird, der diese doch nicht unerhebliche Investition auf lange Sicht gut "abklopft" und die neue Einrichtung positioniert. Österreich hat nicht immer die besten Erfahrungen gemacht mit Universitätsgründungen, aber 2006 hat man mit dem IST eine wirklich tolle Einrichtung hingestellt. Da hielten die Diskussionen, bis endgültig ein "ja" formuliert wurde, aber schon ein paar Jahre an.

Muss man nicht machen, klar. Wie gut der Start einer neuen Uni sein wird, wenn der Anschein besteht, dass es sich eher um ein politisches Geschenk handelt als um eine wohlüberlegte Standortentscheidung? Natürlich weiß ich schon, es passt es zum aktuellen Stil des Politikmachens, eine Universität zu stipulieren, und dann mal zu schauen, was passiert. Ich fühle mich erinnert an die überhastete Gründung des European Institute of Innovation and Technology (EIT), welches 2007 innerhalb weniger Monate auf Wunsch des damaligen Kommissionspräsidenten Barroso gegründet wurde und, sagen wir mal diplomatisch, keinen so guten Start hatte. Einige Reformen und Skandälchen später wird das EIT inzwischen in der europäischen Forschungslandschaft wahrgenommen, aber seine Entstehungsgeschichte hinterlässt bis heute eine Schramme.

Fehlendes Geld

Selbst wenn es Sinn macht, eine neue Universität zu gründen (und das ist ein großes "wenn"), so schiene es sinnvoller, dies nicht vorneweg zu stipulieren, sondern einen offenen – demokratischen – Diskussionsprozess zu beginnen und zu lenken. Das ist in der Regel der beste Weg zu klären, was eine neue Universität eigentlich leisten soll und wie sie sich mit den anderen, schon bestehenden zusammenfügt. Das bringt mich zu den Rahmenbedingungen als zweiten Punkt meiner Skepsis. Eine Neugründung lenkt davon ab, dass es bei den öffentlich finanzierten Universitäten dieses Landes eigentlich einiges zu tun gäbe. Universitätspolitik ist auch hierzulande leider allzu oft eine Diskussion über das fehlende Geld. Aber auch wenn man diese verhältnismäßig geringe Dotierung einrechnet, stehen die Universitäten nicht so gut da, wie man meinen möchte.

Das ist zu einem guten Teil auch ein Versäumnis der politischen Hochschulverwaltung. Das Universitätsgesetz von 2002 wird gerne als Meilenstein gesehen, und es hat sicherlich zur Modernisierung der Unis beigetragen. Aber nicht alles wurde dabei gut umgesetzt. Beispiele gibt es einige; ich will mich auf ein bekanntes beschränken. Es betrifft die Steuerung der an sich ja autonomen Universitäten. Diese Steuerung findet im Rahmen der dreijährig mit dem Ministerium abgeschlossenen Leistungsvereinbarungen statt, ein Instrument, das 2004 neu eingeführt wurde. Michael Stampfer hat diesbezüglich vor einigen Jahren zurecht das seit damals gewachsene Paradox als gleichzeitige Unter- und Übersteuerung bezeichnet. In den Leistungsvereinbarungen halten die Rektorate im Wesentlichen fest, was an den Unis ohnehin seit jeher getan wird.

Überhastet

Platz für realistische, aber ambitionierte Zielsetzungen für die kommenden Jahre gibt es dabei wenig. Ein Mechanismus, demzufolge nur ca. zwischen sechs und sieben Prozent des so genannten "indikatorbezogenen Budgets" für die Unis überhaupt wettbewerblich vergeben werden (der Rest sind faktisch Fixkosten), verstärkt diesen Trend zum Status quo nur noch. Eine gezielte strategische Weiterentwicklung jeder einzelnen Universität findet ebenso wenig statt wie eine Koordinierung, um Schwerpunkte setzen zu können, aber auch Synergien zu ermöglichen. (Und, ja, selbstverständlich, es gibt Ausnahmen.) Unklar ist auch das Verhältnis zum Entwicklungsplan, den jede Universität zusätzlich noch verfassen soll.

Irgendwie passt da eine geplante Neugründung in Linz ins Bild, aber nicht unbedingt im guten Sinne. Mir fällt dabei jedenfalls nur das Adjektiv "überhastet" ein. Denn was hat der Entwicklungsplan der JKU Universität Linz (2019-24) in seiner Einleitung nochmals festgehalten? Dass an der Uni für die kommenden Jahre "vor allem die technologische Ausrichtung … noch stärkere Konturen erhalten" soll. Und passenderweise hat man auch gerade einen neuen Campus als "Linz Institute of Technology" (LIT) gegründet. Als Titel für den Entwicklungsplan hat das Rektorenteam in Linz übrigens ambitioniert "Platz für Strategie" gewählt. Scheint so, als würde der Platz jetzt aber ein bisschen enger. (Thomas König, 28.8.2020)