Elektronenmikroskopische Aufnahme von Sars-CoV-2-Partikel, die jener Patient in Hongkong in sich trug, der sich aufgrund der Mutation des Virus ein zweites Mal ansteckte.

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Am Beginn seiner Rede gab der Bundeskanzler am Freitag einen Kurzüberblick über den medizinischen Status quo der Corona-Forschung. Sebastian Kurz behauptete, dass sich das neue Coronavirus laut Experten verändere und vermutlich ansteckender, aber milder im Verlauf werde, ehe er danach auf die Hoffnung einging, die Pandemie durch Impfungen, Medikamente und Tests einzudämmen und auf diese Weise zur Normalität zurückkehren zu können.

Was ist an dieser Vermutung der Virusmutation dran? Faktum ist, und da liegt der Kanzler richtig, dass sich Sars-CoV-2 stetig verändert. Seit Beginn der Covid-19-Pandemie wurden mittels der Plattform "Gisaid" über 100 Mutationen im Virusgenom festgestellt, wodurch sich auch Ausbreitungen und Cluster rekonstruieren lassen. Das Virus mutiert laut wissenschaftlichen Analysen im Schnitt rund alle zwei Wochen, doch generell gilt, dass Coronaviren – so wie eben auch Sars-CoV-2 – stabiler sind als etwa Grippeviren.

G614, eine "erfolgreiche" Mutation

Einige dieser durch Mutation entstandenen Varianten verbreiten sich besonders gut. So hat sich laut einer im Fachjournal "Cell" veröffentlichten Studie die Corona-Mutation G614 über Europa nach Nordamerika, Ozeanien und Asien weltweit verbreitet. Mitte Mai sollen bereits fast 80 Prozent der von den Wissenschaftern auf "Gisaid" gespeicherten Sars-CoV-2-Gensequenzen diese Variante in sich getragen haben (statt ursprünglich D614).

Die Vermutung liegt auf der Hand, dass sich G614 auch deshalb so schnell ausbreiten konnte, weil die Mutation zu einer erhöhten Infektiosität geführt hat und diese Variante leichter in Zellen eindringen kann, wie die Forscher um Bette Korber (Los Alamos National Laboratory in New Mexico) in "Cell" schreiben. Dass diese und andere Mutationen einen Einfluss auf die Sterblichkeitsrate haben, ist möglich, aber nicht bewiesen.

Faktum ist, dass eine erhöhte Sterblichkeit eher unwahrscheinlich ist, da die nicht "im Interesse des Virus" sei, wie es die Forscher formulieren. Am besten könne es sich ausbreiten, wenn sich die Wirte infizieren, ohne zu sterben.

So gut wie alle seriösen Virologen halten sich dennoch zurück, was die möglichen Folgen der Mutation für Infektiosität und Sterblichkeit bedeuten. So meinte Hendrick Streeck, der nun gewiss nicht zu den Corona-Alarmisten zählt, kürzlich erst im deutschen Fernsehen, dass es abschließende Ergebnisse in dieser Frage wahrscheinlich erst in zwei oder drei Jahren geben werde.

Entwicklung der globalen Fallzahlen

Lässt sich aus den konkreten Fallzahlentwicklungen etwas über die Veränderungen des Virus herauslesen? Nicht wirklich, da erstens die Mutation G614 als dominant gilt und die globalen Infektions- und Todeszahlen erst seit kurzem erstmals seit Beginn der Pandemie leicht sinken, wie die WHO am Montag berichtete.

In der vergangenen Woche wurden zwar immer noch mehr als 1,7 Millionen Neuinfektionen und 39.000 weitere Todesfälle weltweit registriert. Doch das ist laut WHO ein leichter Rückgang um fünf Prozent bei den Neuinfektionen sowie um zwölf Prozent bei den Todesfällen. Die Ausbreitung des Coronavirus hat sich vor allem auf dem stark betroffenen amerikanischen Doppelkontinent verlangsamt. In Europa verringerte sich die Zahl der Neuinfektionen um ein Prozent im Vergleich zur Vorwoche, die Todeszahlen sanken um zwölf Prozent.

Die Frage der Sterblichkeit

Bleibt eine große und umstrittene Frage: die nach der tatsächlichen Sterblichkeitsrate von Covid-19. Bekannt und leicht ermittelbar ist ja nur die sogenannte Case Fatality Rate, also der Anteil der Todesfälle wegen Covid-19 unter den diagnostizierten Infizierten. Nimmt man aber die Dunkelziffer der unbekannten symptomlosen Infizierten dazu, dann sinkt diese Rate – je nachdem, wie hoch man die Dunkelziffer ansetzt.

Dazu kommen natürlich noch weitere Faktoren wie unterschiedlich gute Gesundheitssysteme und die Demografie eines Landes oder einer Region, konkret: der jeweilige Anteil der alten Personen an der Gesamtpopulation. Denn unbestrittenes Faktum ist, dass die Sterblichkeit mit höherem Alter ab etwa 70 Jahren stark steigt.

0,27 oder doch besser 0,6?

Will man die allgemeine Sterblichkeitsrate von Covid-19 trotz allem mit einer Zahl angeben, dann wird von manchen gerne der Stanford-Epidemiologe John Ioannidis zitiert – unter anderem auch vom leitenden Ages-Virologen Franz Allerberger. Ioannidis kommt bei seinen Berechnungen, die zum Teil auf umstrittenen Antikörperstudien beruhen, auf eine Sterblichkeitsrate von nur 0,27 Prozent.

Diese Zahl wird von den großen Gesundheitsorganisationen wie der WHO oder den US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) allerdings nicht geteilt. Hier hält man sich nach wie vor an einen ungefähren Richtwert von 0,6 Prozent, also in etwa den doppelten Wert von Ioannidis.

Man weiß es (noch) nicht genau

Lag Kurz also mit seiner Behauptung richtig, dass Sars-CoV-2 laut Experten infektiöser und schwächer wird? So ganz genau lässt sich das nach einem wissenschaftlichen Fakten- und Literaturcheck nach wie vor nicht sagen. Es spricht einiges dafür, die Entwicklung der Fallzahlen scheint aber anderen Gesetzen zu folgen.

Weltweit 1,7 Millionen Neuinfektionen und 39.000 Todesfälle allein in der Vorwoche bedeuten zwar immerhin erstmals einen leichten Rückgang. Global betrachtet ist das Licht am Ende des Pandemietunnels medizinisch aber noch nicht wirklich deutlich zu sehen. (Klaus Taschwer, 28. 8. 2020)