Zehn Tage nach dem Auflaufen des 300 Meter langen japanischen Frachters MV Wakashio auf ein Korallenriff waren rund 1.000 Tonnen Schweröl und Diesel aus dem Wrack geströmt.

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Nach der Ölkatastrophe vor Mauritius haben Zehntausende Inselbewohnerinnen und Inselbewohner gegen die Regierung protestiert.

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Das Schiffsunglück vor der Küste von Mauritius, das bereits verheerende ökologische Schäden angerichtet hat, führt nun auch zu einer politischen Krise auf der Insel im Indischen Ozean. Am Samstag versammelten sich rund 100.000 Menschen in den Straßen der Hauptstadt Port Louis, um den Rücktritt der Regierung unter Premierminister Pravind Jugnauth zu fordern. Die mehrheitlich in Schwarz gekleideten Demonstranten hielten Schilder mit der Aufschrift "Ich bin stolz auf mein Land, aber schäme mich für meine Regierung" in die Höhe und warfen den Politikern Untätigkeit und Inkompetenz im Umgang mit der Havarie vom 25. Juli vor. Ein 65-jähriger Demonstrant sagte der britischen Tageszeitung "Independent", er habe in seinem Leben noch nie so viele Menschen gesehen. Und die Tageszeitung "Le Mauricien" des knapp 1,3 Million Einwohner zählenden Inselstaats sprach von einem "Wendepunkt in der Geschichte des Landes".

Entzündet hatte sich der neuerliche Zorn der Mauritier an den über 40 Delfinen und Walen, die im Lauf der vergangenen Wochen sterbend oder bereits tot an die Küste geschwemmt wurden. Ein Fischer filmte von seinem Boot aus das Sterben einer Delfinmutter und ihres Kindes: Vergeblich hatte die Mutter ihren entkräfteten Sohn noch ins offene Meer zu bugsieren versucht, sie starb wenige Minuten nach dessen Tod. Ein Labor auf Mauritius untersuchte zwei der verendeten Delphine, konnte aber offenbar keine Schwerölbestände in ihren Kadavern nachweisen. Zehn Tage nach dem Auflaufen des 300 Meter langen japanischen Frachters MV Wakashio auf ein Korallenriff waren rund 1.000 Tonnen Schweröl und Diesel aus dem Wrack geströmt.

Nicht rechtzeitig gewarnt

Die Demonstranten in Port Luis werfen ihrer Regierung zahlreiche Unterlassungen vor. So soll der Frachter, der bereits Tage vor der Havarie direkten Kurs auf Mauritius gehalten hatte, nicht rechtzeitig gewarnt worden sein – ein Vorwurf, den die Regierung allerdings bestreitet. Offenbar fand am Tag des Unglücks ein Geburtstagsfest auf der Wakashio statt: Der indische Kapitän des Schiffs wurde inzwischen verhaftet. Vorgeworfen wird der Regierung außerdem, dass der Frachter zehn Tage lang auf dem Korallenriff festsaß, ohne dass versucht wurde, ihn aufs offene Meer zu schleppen oder zumindest seine Treibstofftanks leer zu pumpen. Die Regierung begründet die Unterlassung mit dem schweren Seegang. Schließlich ist die auch Entscheidung umstritten, einen Großteil des Wracks der Wakashio nach ihrem Auseinanderbrechen zu versenken. Dabei seien vermutlich weitere Giftstoffe ins Meer geraten, sagen Ökologen: Sie könnten für den Tod der Delfine und Wale verantwortlich sein.

Um ein Schiff absichtlich versenken zu können, müssen internationalen Konventionen zufolge zahlreiche Bedingungen erfüllt sein. So muss etwa feststehen, welche Gefahrenstoffe sich noch auf dem Schiff befinden, welche Giftstoffe bei seiner Herstellung verwendet wurden und ob ein weniger gefährliches Recyceln des Wracks tatsächlich ausgeschlossen ist. Keine dieser Fragen wurden im Fall der Wakashio öffentlich beantwortet, bevor ihr Vorderteil am vergangenen Montag unter Zustimmung der mauritischen Regierung zunächst aufs offene Meer geschleppt und schließlich an einem ebenfalls nicht bekannt gegebenen Ort versenkt wurde. Das US-Magazin "Forbes" ist überzeugt: diese Versenkung war illegal.

Höhe des finanziellen Schadens unklar

Der finanzielle Schaden, den die Havarie der Wakashio anrichtete, wird sich noch lange nicht beziffern lassen. Mit dem Meerpark "Blaue Bucht" und dem Feuchtgebiet Pointe d’Esny sind gleich zwei einzigartige Ökotope betroffen: Sie werden von der Ölpest für viele Jahre gezeichnet sein. Japanische Wissenschaftler schlugen jetzt vor, die verschmutzen Mangrovensümpfe Baum für Baum mit der Hand zu reinigen, weil die Mangroven beim Einsatz von Chemikalien leiden könnten. Die Kosten für die Reinigungsarbeiten muss nach der internationalen Bunkers Konvention die Reederei der Wakashio, Nagasaki Shippings, tragen. Doch der Umfang ihrer Verpflichtung zum Schadensersatz ist begrenzt. Mit guten Anwälten, meinen Experten, könne der japanische Reeder mit einer Entschädigungszahlung von 18 Millionen US-Dollar davonkommen. (Johannes Dieterich, 30.8.2020)