Yasin Shafie hat aufgehört damit, die Bewerbungen zu zählen. Mehr als hundertmal hat er sich um eine Lehrstelle bemüht, in der Kfz-Technik und Automatisierung, in der Elektronik, als Installateur, im Einzelhandel. Rückmeldungen bekam er nie. Vielleicht sei er zu alt, sagt der 28-jährige gebürtige Afghane fast entschuldigend. Er weiß um den angespannten Arbeitsmarkt seit dem Ausbruch der Corona-Krise. Und er befürchtet, dass ihm die Zeit davonläuft. "Ich will arbeiten, ich kann alles lernen. Ich verstehe den Vorwurf mancher Österreicher, dass wir dem Staat auf der Tasche liegen." Doch was tun, wenn einem die Jobs so lange verwehrt bleiben.

An die Grenzen

Genau fünf Jahre ist es her, dass Shafie sein Dorf in der afghanischen Provinz Ghazni verließ. Seine Eltern wollten ihr einziges Kind nicht gehen lassen. Er selbst sah für sich keine andere Chance. Es habe mit Religion zu tun, mit seiner Vorstellung von Leben, die mit jener der Dorfbewohner nicht vereinbar war. Der Druck auf seine Familie stieg. 45 Tage währte seine Reise über den Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn in ein sicheres Land. Dass dieses Österreich war, wurde ihm erst nach einer Woche bewusst. Die Flucht führte ihn ins griechische Lager Moria, brachte ihn körperlich und psychisch an seine Grenzen. Die ersten Monate im steirischen Asylheim in Judenburg erlebte er traumatisiert.

Lernen für ein neues Leben

Heute spricht Shafie leise, jedoch fließend Deutsch. Er besuchte Englischkurse, machte den Pflichtschulabschluss und absolviert das zweite Semester des Gymnasiums in einer Abendschule. Gerade bereitet er sich auf den Führerschein vor. Seit 2018 hat er einen positiven Asylbescheid.

Dieser ermöglichte es ihm, nach Wien umzuziehen. Mit dem vielen Wald habe er sich angefreundet und auch den Zirbitzkogel erklettert, erzählt er. Er habe viel Menschlichkeit erfahren auf dem Land. Im multinationalen Wien fühlt er sich dennoch wohler. "Ich bin hier glücklich." Anders als in kleinen Gemeinden zeige keiner mit dem Finger auf ihn, sehe ihn schief an oder beschimpfe ihn.

Reden gegen die Angst

In Wien sprach ihn einmal in einer Kirche ein älterer Mann an, was er denn für einer sei, was er überhaupt hier verloren habe, erinnert sich Shafie. "Er hatte Angst vor mir." Sie kamen ins Gespräch, trafen sich bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie regelmäßig zu Kaffee und Kuchen und redeten übers Leben. Doch viele der sozialen Kontakte brachen mit dem Lockdown wieder ab.

Shafie lebt in einer Wohngemeinschaft zu dritt auf 38 Quadratmetern in Favoriten und kann mittlerweile gut kochen – nachdem er in der ersten Woche in Österreich nur Tee fabrizierte. Die Mindestsicherung sorgt fürs Überleben. Wirklich leben könne man davon auf Dauer aber nicht. Was er sich von der Zukunft erhofft? "Arbeit, eine eigene Wohnung, ein Auto und eine kleine Familie."

Bruch mit der Familie

Seine eigene Familie in Afghanistan habe mit ihm gebrochen. Hinter sich lassen werde er diese Trennung nie, sagt Shafie, er könne nur lernen, damit umzugehen. Die Eltern fehlen ihm, er hofft, dass sie ihn irgendwann verstehen. "Auch sie leiden darunter." Corona hat die Lage in seiner früheren Heimat noch einmal drastisch verschärft. "Medikamente und medizinische Geräte fehlen. Die Menschen sterben einfach." (Verena Kainrath, 18.9.2020)

Foto: Reuters

Anas Moadamani hat viel erreicht. "Ich bin zufrieden. Die Menschen in Deutschland respektieren mich", sagt der 23-jährige Syrer, der 2015 nach Deutschland kam. Einen großen Wunsch aber hätte er, und den könnte ihm Kanzlerin Angela Merkel erfüllen. "Ich würde sie so gerne persönlich kennenlernen", sagt Modamani. Denn: Merkel ist für ihn "eine Heldin – die beste Frau der Welt".

Sehr nahegekommen sind sich die beiden schon einmal: Im Sommer 2015 flüchtet Modamani aus dem syrischen Darayya, wo seine Familie gegen Assad kämpft. Er will nicht zur Armee eingezogen werden. Allein, ohne Eltern und Geschwister, vertraut er sich einem Schlepper an, wird über das Mittelmeer gebracht und gelangt zunächst nach Budapest. Weiter geht es nach Österreich, aber dort möchte Modamani nicht bleiben. "Österreich hat bei Flüchtlingen keinen guten Ruf", sagt er.

Das Selfie

Er reist nur mit dem Zug durch und landet in einem Flüchtlingsheim in Berlin. Vier Tage ist er dort, da fahren Limousinen vor. Sicherheitsleute werden postiert, eine Frau steigt aus. Modamani kennt sie nicht, spürt aber: Die ist wichtig.

Er macht Fotos und deutet, dass er gerne ein Selfie mit der Besucherin hätte. Merkel nickt ihm zu, und dann entsteht jenes Bild, das um die Welt geht. Ein Fotograf von Reuters hat die Szene festgehalten.

"Das Foto hat mein Leben verändert und mir viel geholfen", sagt Modamani heute. Wenn er berichtet, wie es ihm seither ergangen ist, hat man den Eindruck: Er hätte auch ohne das Foto seinen Weg gemacht.

Deutsch, Job, Studium

Modamani spricht fließend Deutsch, arbeitet in einem Supermarkt an der Kasse, um sich das Studium der Wirtschaftskommunikation zu finanzieren, und wohnt mit seiner Freundin – einer Studentin aus der Ukraine – in einer kleinen Wohnung.

"Nach dem Foto bekam ich viele Hilfsangebote, die Menschen waren sehr freundlich", sagt er. Er lernt Deutsch, ist neugierig, fragt viel. Sein Motto: Ich will weiterkommen. Es ist auch jene Zeit, in der sich viele Deutsche gern weltoffen zeigen und für Geflüchtete engagierten.

"Ich habe es geschafft"

Doch dann kippt die Stimmung vielerorts, und das bekommt auch Modamani zu spüren. Sein Selfie taucht in den sozialen Medien auf, mit dem Hinweis, die Kanzlerin lasse jeden Terroristen ins Land. Als er das sieht, zittert er vor Angst.

Doch er geht gerichtlich gegen Facebook vor. Zwar verliert er, die Fotos müssen nicht entfernt werden. Modamani ist dennoch zufrieden: "Ich konnte meine Geschichte erzählen und etwas richtigstellen."

Manche seiner Freunde leben immer noch im Flüchtlingsheim. Modamani hingegen sagt: "Ich habe es geschafft." Er hat Duldungsstatus und will bald die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen.

In Deutschland fühlt er sich wohl und sicher. Und ein Wunsch ist natürlich noch dringlicher als ein Treffen mit Merkel: nach fünf Jahren endlich die Familie wiederzusehen. (Birgit Baumann aus Berlin, 17.9.2020)

Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch/File Photo

Mustafa A. ist nicht unbedingt einer jener Menschen, "denen man die Abstammung ansieht", wie es Oberösterreichs Alt-Landeshauptmann Josef Ratzenböck (ÖVP) einst formuliert hat. Der schlaksige 25-Jährige hat rötlich-braune Haare, die er als Stoppelfrisur trägt, seine Koteletten gehen fast bis zum Ohrläppchen. Das längliche Gesicht weist weder besondere Merkmale noch einen außergewöhnlichen Teint auf. Tatsächlich kam er in der iranischen Hauptstadt Teheran zur Welt, ist aber afghanischer Staatsbürger. 2015 kam er über den Balkan nach Österreich – nun sitzt er zum zweiten Mal wegen Drogenhandels vor Gericht.

210 Euro Taschengeld

Warum er aufbrach, bleibt offen, er versuchte wohl einfach sein Glück. Denn nach fünf Jahren Grundschule im Iran arbeitete er dort in der Landwirtschaft, seine Familie hat im Iran noch immer Grundstücke und ein Haus. Wie viel der Land- und Immobilienbesitz wert ist, kann er nicht sagen. Dafür aber, wie sich seine Vorstellungen hierzulande nicht erfüllten.

"Wovon haben Sie zuletzt gelebt?", fragt der Vorsitzende Peter Sampt ihn. "Ich habe vor der ersten Festnahme 210 Euro Taschengeld von der Caritas bekommen", lässt A. übersetzen. Ein wenig Deutsch hat er in den fünf Jahren seit seiner Ankunft gelernt, mit seinem Verteidiger Leonhard Kregcjk kann er sich in einfachen Worten unterhalten.

Die Sucht finanzieren

A.s erster Asylantrag wurde negativ beschieden, er berief dagegen und wartet noch immer auf eine Entscheidung. Subsidiär schutzberechtigt ist er ebenso wenig. "Seit zwei, drei Jahren rauche ich Heroin", sagt er. Das ist teuer. Also begann er, ab September 2018, das Rauschmittel selbst zu verkaufen. Er wurde erwischt und zu einem Jahr Haft, drei Monate davon unbedingt, verurteilt.

"Im Gefängnis habe ich Methadon bekommen", verrät A., als er Ende November entlassen wurde, habe er das Substitutionsmittel nicht auf Rezept bekommen. Auch die Caritas habe die Unterstützung eingestellt, behauptet er. Einen Monat lang habe er sich Geld von Freunden ausgeborgt, dann wieder mit Heroin zu handeln begonnen. Für ein Gramm des stark gestreckten Suchtmittels habe er 20 Euro bezahlt, verkauft habe er es um 30 Euro.

Aus der Traum

Ein anderer, bereits zu fünf Jahren Haft verurteilter Afghane belastet A. dagegen: Er habe praktisch sofort nach der Haftentlassung wieder zu dealen begonnen, in zwei Monaten sei es rund ein halbes Kilogramm Heroin gewesen. Das Gericht glaubt dem Zeugen, A.s Traum von Österreich endet wieder im Gefängnis: Diesmal wird er zu drei Jahren verurteilt, auch muss er die neun Monate der offenen Vorstrafe verbüßen. Er akzeptiert. Sein Asylverfahren wird er in Haft abwarten. (Michael Möseneder, 16.9.2020)

Foto: Standard

Seit einem Jahr ist Abdullah untergetaucht. Den Afghanen hätte die Abschiebung erwartet, deswegen wird sein echter Name hier nicht genannt. "Ich kann nicht zurück. Ich habe solche Angst" war eine seiner letzten Nachrichten an mich. Er würde einen Ausweg finden – Deutschland, Frankreich, ganz egal. Was aus dem quirligen Jugendlichen geworden ist, mit dem ich mich drei Jahre lang immer wieder getroffen habe, weiß ich nicht.

Jünger als angegeben

Abdullah und ich haben uns 2016 über ein Programm der Caritas kennengelernt. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wurden hier mit Freiwilligen zusammengebracht, die vor allem für Freizeitprogramm sorgen sollten: Vom Spaziergang bis zum Schwimmengehen. Bei unserem Kennenlernen war er 16, wobei das mit seinem Alter so eine Sache war: Auf seinem Asylantrag, den er im Frühjahr 2015 in Traiskirchen stellte, ist das Geburtsjahr mit 1997 angegeben. Später wurde in allen offiziellen Schreiben ein "alias 1.1.2000" angehängt, er war also tatsächlich jünger als von ihm angegeben – anders als Vermutungen, viele Geflüchtete könnten sich verjüngen (und einige taten das ja). Sein Gesicht hätte allerdings genau so gut einem 30-Jährigen gehören können.

So alt er auf den ersten Blick aussah, wer nur wenige Sätze mit dem schüchternen Jungen wechselte merkte, dass er den Humor eines jungen Buben hatte. Er konnte sich minutenlang über Grimassen amüsieren und bekam einmal einen Lachkrampf, weil jemand beim Minigolf spektakulär daneben schoss.

Ehrgeiz nur am Fußballplatz

Abdullah sprach kaum über Afghanistan, seine Flucht oder die Familie, aber ich fragte auch nicht nach. Stattdessen konnte er stundenlang über Fußball diskutieren – die aktuellsten Champions League-Ergebnisse oder eigene Spiele in einem Wiener Hobbyverein. Außerdem war ihm gesunde Ernährung sehr wichtig, die Ausnahme war ab und zu ein Eis. Bier lehnte er nicht aus religiösen Gründen ab, sondern "weil ich keinen dicken Bauch bekommen will."

Mit Deutsch tat er sich schwer, das Bildungsdefizit aus seiner Heimat konnte er nicht aufholen und Ehrgeiz ließ er eigentlich nur am Fußballplatz erkennen. Was er später einmal machen wollte, wusste er nicht. Mich ärgerte das oft, gleichzeitig sagte ich mir, dass er eben auch nur ein Teenager war.

Abdullah verfolgte politische oder mediale Diskussionen über Flüchtlinge nicht. Und auch nach dem zweiten negativen Bescheid zweifelte er nicht daran, dass er in Österreich bleiben kann.

Unser letztes Treffen war in Traiskirchen. Abdullah war wieder da, wo er angefangen hatte. Wir aßen Erdbeereis, seine Lieblingssorte, und sprachen über alles andere als die Abschiebung. (Lara Hagen, 14.9.2020)

Foto: Standard

Mit seinem Afro, der Achtzigerjahre-Brille und den stylishen Klamotten sieht man Karrar Alsaedi das Musikerdasein förmlich an. Und tatsächlich scheint ihm das Talent in die Wiege gelegt worden zu sein. Der 22-Jährige spielt in mehreren Bands mal Saxofon, mal Percussion, mal Oud (Anm.: orientalischer Vorläufer der Laute), oder er singt.

Schon in seiner Heimatstadt Bagdad hat er Musik studiert. "Aber das System ist schlecht im Irak. Selbst wenn du Medizin studiert hast, wirst du keine Arbeit finden. Es gibt keinen Strom, es gibt kein Wasser", sagt Karrar. Weil es für Jugendliche verboten ist, öffentlich Musik zu machen oder ein Konzert zu veranstalten, begannen er und einige Freunde, jeden Freitag zu demonstrieren. "Erst waren wir 50 Leute, irgendwann waren wir tausende", erzählt er.

Doch mit der Aufmerksamkeit kamen die Drohungen. Erst in Form anonymer Nachrichten – dann hielt eines Tages ein Pick-up neben Karrar, drei Männer sprangen heraus, schlugen ihn und drohten ihm mit dem Tod, sollte er sich weiter an den Demos beteiligen. Damals war Karrar 17 Jahre alt. Eine Polizei, die einem in so eine Situation helfen könne, gebe es im Irak nicht, sagt er. Da die Männer mit Funkgeräten ausgerüstet waren, sei er sich außerdem sicher, dass sie zu einer Miliz gehörten.

Das lange Warten

Aus diesem und noch anderen Gründen verließen Karrar, seine Mutter und seine drei Geschwister den Irak. Sein Vater sollte später nachkommen. Dass sie schließlich im Dezember 2015 in Österreich landeten, war nicht geplant. Doch heute, fünf Jahre nach seiner Ankunft, sagt Karrar: "Wien ist meine Stadt!"

Er ist ein aufgeweckter junger Mann. Man merkt, dass er keine Probleme hat, Anschluss zu finden. Die Deutschprüfung auf Uni-Niveau hat er bestanden. Er besucht als außerordentlicher Student Kurse an der Musik-Uni, spielt jedes Wochenende Konzerte und komponiert Musik für Theaterstücke. Irgendwann würde er gern ein Musikstudio eröffnen. Wenn er könnte, würde er längst sein eigenes Geld verdienen, sagt er.

Doch Karrars Asylverfahren ist immer noch nicht abgeschlossen. 2017 kam der erste negative Bescheid. Seine Geschichte sei unglaubwürdig, hieß es darin. Seit drei Jahren warten Karrar und seine Familie nun auf eine Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht. Zu fünft leben sie in einer 50-Quadratmeter-Wohnung der Diakonie. "Ich bekommen 40 Euro im Monat. Dreißig brauche ich für die Öffi-Monatskarte."

Im Moment wünscht sich Karrar nichts mehr, als dass sein Vater endlich nach Österreich kommen kann. Dann würden er und seine Familie ein irakisches Kaffeehaus eröffnen. (Johannes Pucher, 7.9.2020)

Foto: Christian Fischer

Den Traum von einem besseren Leben hat Ali bis auf weiteres vertagt. Der etwa 30-jährige Iraner, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, war 2015 mit der großen Flüchtlingsbewegung nach Europa gekommen. Warum er Isfahan verließ, sagt er nicht, aber dass er mit den Behörden seines Landes nicht auf gutem Fuß steht, lässt sich schon daraus ablesen, dass seine zu Hause gebliebenen fünf- und neunjährigen Söhne wegen ihres Vaters nicht in die öffentliche Schule dürfen.

Ali erreichte Frankreich unter anderem über Österreich. 2016 erhielt er in Lyon eine Aufenthaltsbewilligung und übernahm mehrere Kleinjobs auf dem Bau. Zwei Jahre später bekam er erstmals einen Kurzvertrag. Seither reinigt Ali asbesthaltige Gebäude.

Gefährliche Arbeit

Die mühsame Arbeit mit dem krebserzeugenden Baustoff findet allerdings unter Bedingungen statt, die wohl nur toleriert, wer einen unsicheren Status hat – eben einen Flüchtlingsstatus.

Die Schutzmaske gegen Asbest, die Ali am ersten Tag erhielt, war gebraucht. Er bat um eine neue, und sie wurde ihm versprochen; nach einem halben Jahr arbeitet er aber immer noch mit dem alten Schutz. "Ich denke, das ist nicht legal, aber ich wage es nicht, etwas zu sagen", sagt der junge Iraner. "Ich spreche nicht genug Französisch und will keine Entlassung riskieren. Es ist so schwierig, in Frankreich einen Job zu finden!" Seit einiger Zeit hat Ali beim Fußballspielen Atembeschwerden. Seine Firma schickte ihn zu einem Arzt, dem der Iraner misstraut. Aber er sagt nichts. Er sagte auch nichts, als er in der Covid-bedingten Arbeitspause einen Monat lang kein Geld erhielt. Sein Chef tue das öfters, wenn es zu wenig Arbeit gebe.

Ali weiß, dass er auf seinen monatlichen Lohn Anspruch hätte, aber er beklagt sich nicht, da er um seinen Job fürchtet. "Und den brauche ich", sagt der Iraner, der von seinem mageren Salär jeden Monat 142 Euro für den Privatunterricht seiner beiden Söhne in den Iran schickt.

Familiäre Probleme

Aber Ali hat noch ganz andere Sorgen. Seine Frau hat die Familie verlassen, wie Ali erzählt: "Ich habe sie am Telefon angefleht zu bleiben und sagte ihr: ‚Hab Geduld – sobald ich Papiere habe, komme ich euch holen.‘" Nach ein paar Monaten zog die Frau dennoch aus Isfahan weg und überließ die beiden Kinder den Großeltern. Jetzt hofft Ali, die beiden Kinder, die ihm so fehlen, nach Frankreich holen zu können. Ohne Mutter ist das schwierig. Aber Ali gibt nicht auf. Sein nächstes Ziel ist es, eine Ausbildung als Installateur zu beginnen. Das wäre schon was – um wieder frei atmen zu können. (Stefan Brändle aus Paris, 6.9.2020)

Die STANDARD-Porträtserie wird laufend erweitert.

Foto: Standard

Als Hamdi Abdullahi Hassan vor 32 Jahren in Gaalkacyo, Somalia geboren wurde, war sie das erste von 16 Kindern ihrer Eltern. Sechs ihrer Geschwister starben früh nach der Geburt. "In Somalia ist das nichts Ungewöhnliches", sagt Hamdi mit einer Ruhe, die einen bestürzt zurücklässt. Das Schicksal ihrer sechs Geschwister trifft jedes achte Kind in Somalia.

Hamdis Vater besitzt ein Lebensmittelgeschäft, und ihre Mutter ist Hausfrau. Hamdi und einer ihrer Brüder sind die Einzigen aus ihrer Familie, die auf eine Universität gehen konnten. Nach ihrem Journalismusstudium arbeitete sie bei mehreren Radiosendern, ab 2011 schließlich bei BBC Somalia. "Ich hatte nie Geldprobleme", sagt sie. Mit ihrem Gehalt habe sie die Hälfte ihrer Familie zur Schule schicken können.

Doch Somalia ist eines der gefährlichsten Länder der Welt für Journalisten. Die islamistische Shabab-Miliz duldet nur politische und religiöse Propaganda und hat bereits dutzende Medienschaffende getötet. 2014 wurde ein Kollege von Hamdi durch eine Autobombe getötet. "Am Vortag saß ich noch mit ihm im Auto. Ab dem Zeitpunkt wusste ich, dass ich das Land verlassen muss."

Schwerer Neubeginn

Im Juli 2015 erreichte sie Österreich. Weil nur sie ein Visum für die Türkei bekommen hatte, war sie allein losgezogen, ohne ihren Mann, ihren dreijährigen Sohn und ihre fünfjährige Tochter. Es sollte drei Jahre dauern, bis sie sich wiedersahen. Erst als sie 2017 einen positiven Asylbescheid bekam, konnte sie eine Familienzusammenführung beantragen. "Das war nicht leicht. Meine Kinder haben mich fast vergessen." Noch heute würden sie manchmal sagen, dass eigentlich ihre Großmutter ihre richtige Mutter sei.

Heute arbeitet Hamdi in Wien als Übersetzerin für die Diakonie, und ihre Kinder gehen in die Volksschule und die Neue Mittelschule. Doch noch immer fällt ihnen der Neubeginn schwer. Ohne eine österreichische Freundin hätte Hamdi keine Wohnung finden können, sagt sie. "Die Österreicher trauen uns nicht." Ihr Sohn hat es schwer in der Schule. Andere Kinder sagen, er sei nicht sauber wegen seiner Hautfarbe. "Sie fragen ihn: Duscht du nicht?" Eines Tages fragte der Neunjährige seinen Vater, ob der ihn nicht weiß machen könne. "Manche Österreicher müssen ihren Kindern einfach beibringen, dass es noch andere Hautfarben gibt außer Weiß", sagt Hamdi.

Auch für sie und ihren Mann stand plötzlich alles in ihrem Leben auf null. Ihren Job als Journalistin kann Hamdi in Österreich nur schwer ausüben. Dafür sei ihr geschriebenes Deutsch noch nicht gut genug. Ihr Mann hat einen Master in Internationalen Beziehungen, und heute sitzt er in einem A1-Deutschkurs. "In Somalia war ich jemand. Hier bin ich so klein", sagt Hamdi. "Und doch ist alles besser als dort." (Johannes Pucher, 4.9.2020)

Foto: Christian Fischer

Im Alter von fünf Jahren floh Midian mit seiner Familie aus Syrien. Eine chronische Erkrankung machte die Flucht besonders schmerzhaft. Heute ist er ein halber Streber, voller Humor – und vor allem gesund.

An sein Vorschuljahr in Syrien erinnert sich der zehn Jahre alte Midian gern. Nach dem regulären Unterricht, erzählt er dem STANDARD, warteten Fleißaufgaben auf die Schüler. Da Midians Mutter aber Lehrerin an der Schule war, holte sie ihn oft früher ab. Er ersparte sich das "Nachsitzen".

Eines Tages war der Vater weg. Er betrieb eine Fabrik für Holzverarbeitung. Regierungsnahe Milizen, die nach Protesten in Midians Heimatstadt Deir ez-Zur im Osten des Landes entsandt wurden, nahmen ihn in Haft. Er habe sich zu häufig kritisch über die Agenda von Bashar al-Assad geäußert.

Sechs Monate hörte Midian nichts von seinem Vater, ehe er freigelassen wurde. Der Familie drohte aber weiter politische Verfolgung, ein Verbleib in Syrien wurde immer gefährlicher. Midians Vater machte sich im Spätwinter 2015 auf den Weg nach Deutschland. Am 27. April 2015 wurde er in der Nähe des Flughafens Wien-Schwechat von der Polizei aufgegriffen und ins Erstaufnahmezentrum Traiskirchen gebracht. Midian folgte mit seiner Mutter und dem älteren Bruder.

Einblutungen im Knie

Der Weg führte per Boot, Bus und Zug, immer wieder aber auch zu Fuß nach Zentraleuropa. Die langen Märsche wurden für Midian zum Problem. Er hat Hämophilie, eine Blutgerinnungsstörung. Weil seinem Körper ein Gerinnungsfaktor fehlt, kam es zu Einblutungen im Knie. Das Gehen war schmerzhaft.

Midian erreichte Österreich am 7. Oktober 2015. Seine Familie fand im Flüchtlingsheim im Otto-Wagner-Spital eine Unterkunft. Um Midians geschundenes Knie zu behandeln, bekam er zunächst gespendete Medikamente. "Bleibende Schäden schienen unvermeidbar", erinnert sich die behandelnde Diplomkrankenschwester. Eine zusätzliche Komplikation: Midian entwickelte zunächst Antikörper gegen die Medikamente, wie sie bei rund einem Drittel der Hämophilen auftreten. Nur durch eine aufwendige Immuntoleranztherapie wurde Midian die Antikörper los – die Knieschwellung verschwand.

Durch die laufende medizinische Behandlung hat Midian die Hämophilie gut im Griff. Heute strahlt er eine Lebensfreude aus, die ihresgleichen sucht. Er ist stets zum Scherzen aufgelegt, sein Humor ist für einen Zehnjährigen erstaunlich smart. Sein Lächeln hat etwas sympathisch Spitzbübisches. Stolz ist er auf seine Stofftiersammlung. Seit kurzem hat er einen Teddybären. "Er ist so groß, hin und wieder muss er auf dem Boden schlafen", sagt Midian.

Nächste Woche hat Midian seinen ersten Tag in der Neuen Mittelschule, die gleich in seiner Gasse liegt. Bei der Einschreibung zeigte er sein Volksschulzeugnis: Bis auf eine Ausnahme lauter Einser – trotz geschwänzter Fleißaufgaben. (Lukas Zahrer, 3.9.2020)

Foto: Christian Fischer

Einen fast reinen Männerhaushalt führt Thaer Maarouf, der mit seinen beiden Söhnen in einer Wohnung im dritten Wiener Gemeindebezirk lebt – wäre da nicht die Katze, eine Dame.

2015 kam Maarouf nach Österreich, zuerst nach Graz. Bereits nach einem Monat erhielt er seine Aufenthaltsgenehmigung und zog nach Wien. Ein Glück, sagte man ihm doch, es könnte bis zu eineinhalb Jahre dauern. Seine beide Söhne holte er nach zweieinhalb Jahren nach. Sie besuchen hier die Schule, sprechen bestens Deutsch, haben sich gut integriert. Maarouf ist das wichtig, man solle sich mit der Kultur eines Landes, in dem man lebt, auseinandersetzen, sich nicht abschotten. Wie allen Alleinerziehern fehlt es auch ihm an Zeit. Sein Atelier musste er aus Kostengründen aufgeben, ein kleines, lichtdurchflutetes Zimmer in der Wohnung dient ihm im Moment als Arbeitsplatz.

Als eines seiner ersten Kunstprojekte in Österreich besuchte er Flüchtlingslager und versandte die Schuhe, die Flüchtlinge auf der weiten Reise zu Fuß nach Österreich trugen, an neun Präsidenten: wie einfach es für Schuhe ist, Grenzen zu passieren, wie schwierig für Menschen. Er findet schnell Anschluss an die hiesige Kunstszene, eine fixe Galerie hat der gebürtige Syrer, der viele Jahre im Libanon lebte, wo er auch seinen Master in Bildender Kunst machte, noch nicht. Hier stellte er im Künstlerhaus oder dem Wien-Museum aus.

Rauschende Nächte in Wien

Noch erhält er Geld vom AMS, muss sich aber bald selbstständig machen. Er sorgt sich darum, ob er mit Verkäufen genug für sich und die Buben verdienen kann. Irgendeinen Job will er nicht annehmen, dafür habe er nicht zehn Jahre lang studiert. In Beirut lebte er gut von seiner Kunst, arbeitete mit mehreren Galerien. Drei seiner Ausstellungen beschäftigten sich auch kritisch mit der Situation in Syrien. Als er dorthin zurückkehrte, um seine Familie zu besuchen, sieht er eines Nachts, dass ein Scharfschütze auf sein Fenster zielt. "Ich gehöre zur drusischen Minderheit. Das syrische Regime will keine Probleme mit dieser Gruppe, also haben sie es bei dieser 'Warnung' belassen."

Wie geht es ihm nach fünf Jahren in Wien? Durchwachsen. Als Künstler sei es hier schwieriger als in Beirut, ein Auskommen zu finden, unabhängig davon, ob man Flüchtling ist oder nicht. Gewalt erlebte er auch bereits. Er wurde in einer U-Bahn-Station grundlos von einem Österreicher zusammengeschlagen.

Die syrische Sängerin Asmahan sang in den 1940ern ein Lied über Wiens rauschende Nächte. So paradiesisch, wie sie die Stadt beschreibt, ist sie für Maarouf nicht, aber er würde gerade trotzdem nirgendwo lieber leben wollen.

Foto: Christian Fischer

Mit 15 Jahren fing für Ghassan Akra der Ernst des Lebens an: Es war im Jahr 2015, er hatte die Schulpflicht absolviert, weiter zur Schule zu gehen konnte sich der Libanese nicht leisten. Doch auch einen Job fand der Teenager nicht. Ghassan stammt aus der Hafenstadt Tripoli, das ist die zweitgrößte Stadt im Libanon – und laut Weltbank die ärmste im Mittelmeerraum. Die Hälfte der Stadtbevölkerung lebte bereits damals unter der Armutsgrenze, heute ist die Situation noch prekärer.

Der Vater, ein Fischer, wünschte seinem Sohn eine bessere Zukunft. Die Familie lebte von der Hand in den Mund, manchmal eskalierte die Frustration darüber in häuslicher Gewalt. Dann rannte Ghassan von zu Hause weg, schlief auf der Straße. So fasste Ghassan den Entschluss, sich auf den langen Weg nach Europa zu machen – mit leerem Magen durch etliche Länder und übers Meer. Schließlich kam der Minderjährige am 27. Oktober 2015 in Österreich an und wurde in der Gemeinde Wieselburg-Land im Schülerheim des Francisco-Josephinums untergebracht.

Neue Familie in Österreich

Dort traf Ghassan Magdalena, eine frisch pensionierte freiwillige Helferin. Tagsüber wurde Deutsch gelernt, erzählt Ghassan dem STANDARD, nachmittags wurden Ausflüge unternommen. "Alles war so wunderschön", erinnert sich Ghassan. Ich habe mich in das Land, seine Leute und Natur verliebt. In Magdalena sah er sogar eine Art Mutter.

Doch dann erkrankte sein Vater im Libanon, und Ghassan konnte sich nicht vorstellen, ihm nicht beizustehen. Zudem drängten ihn Verwandte in Österreich, die ebenso um Asyl angesucht haben, zur Rückkehr. Laut Magdalena stand die Verwandtschaft unter starkem finanziellen Druck und hatte Angst, Ghassan würde ihnen zur Last fallen. Und so trat der damals 16-Jährige am 1. Juni 2016 einen freiwilligen Rückkehrflug in den Libanon an, ohne jemals einen Negativbescheid erhalten zu haben. Sein Asylverfahren galt hiermit als beendet.

Der Vater erholte sich von der schweren Krankheit, doch der Libanon nicht: Korruption und Misswirtschaft stürzten das Land in eine tiefere Krise. Arbeit zu finden gilt inzwischen als unmöglich. Oft schreibt der nun 20-jährige Ghassan an Magdalena über seine Hoffnung, nach Österreich zurückzukehren, und bittet dabei um Hilfe. Er bedaure seine Rückkehr in den Libanon und hoffe, eines Tages wieder "unter Österreichern leben zu dürfen", formuliert er in tadellosem Deutsch, das er sich selbst mithilfe einer Gratis-Onlineplattform beibringt. (Flora Mory, 1.9.2020)

Foto: privat