Macarena Valdés hatte einen anstrengenden Tag vor sich. Sie musste für eine Routineuntersuchung ihres eineinhalb Jahre alten Sohnes Antulen nach Liquiñe, über zwei Stunden Busfahrt entfernt von ihrem Haus im südchilenischen Panguipulli.

Sie packte ihren Gesundheitspass und Babywindeln ein und bereitete eine Mahlzeit für ihren Mann Ruben und ihren elfjährigen Sohn Francisco vor. Dann nahm die 32-jährige Umweltaktivistin einen Strick und erhängte sich am 22. August 2016 vor den Augen des Babys an einem Dachbalken, ermittelten Polizei und Gerichtsmedizin.

Macarena Valdés in ihrem Haus.
Foto: Ruben Collio

Valdés hatte sich mit einflussreichen Kreisen angelegt. Mit ihrem Ehemann Rubén Collio organisierte sie Proteste gegen ein Kraftwerksprojekt in dem abgelegenen südchilenischen Gebiet Región de Los Lagos. Die österreichisch-chilenische Firma RP Global wollte dort ein Laufkraftwerk errichten, die dort ansässigen Quilempan-Indigenen stellten Forderungen. So sollte der Kraftwerksbauer von ihnen errichtete Straßen nur benutzen dürfen, wenn er auch für die Reparaturen der Schäden aufkommt, die die schweren Baufahrzeuge anrichten. Ab Jänner 2016 kam es zu Straßenblockaden, die die Bauarbeiten blockierten, Macarena Valdés und ihr Ehemann Rubén Collio waren unter den Demonstranten.

Die Vermieterin Monica Painemilla, die der Familie das Häuschen auf 99 Jahre überlassen hatte, berichtet, dass sie am 21. August 2016 zwei Männer aufgesucht hätten, die sich als Vertreter der Landwirtschaftsvereinigung und der Trinkwasserkommission von Tranguil vorstellten. "Sie kamen zu mir nach Hause und sagten, ich solle Rubén Collio von meinem Grundstück werfen, weil er die Leute anstacheln würde. Sie sagten, dass es viele Menschen gebe, die ihm schaden wollten", so Painemilla. Sie erklärte den Besuchern, dass sie den Vertrag nicht auflösen werde, weil sie sich gut mit ihren Mietern verstünde. Tags darauf war Valdés tot.

Holztransport in Panguipulli.
Foto: REUTERS/Carlos Barria

Ihr Witwer Rubén engagierte einen unabhängigen Gutachter, den Pathologen Luis Ravanal, der keine Hinweise auf einen Suizid feststellen konnte. Auch der schottische Gerichtsmediziner John Clark, der an der Identifizierung der Srebrenica-Opfer mitgearbeitet hatte, kritisierte die Ermittlungen: "Es wurde nicht dokumentiert, unter welchen Umständen die Leiche aufgefunden wurde, Fotos fehlen, und das Seil, das Valdés für ihren angeblichen Selbstmord verwendet haben soll, war nicht verknotet."

Anhand der Verletzungen am Hals des Opfers nimmt er an, dass Valdés Widerstand leistete, als sie mit dem Seil erwürgt und die Leiche dann aufgehängt wurde.

Vier Jahre laufen die Ermittlungen nun, mittlerweile spricht die Staatsanwaltschaft nicht mehr von Selbstmord, sondern von "unbekannter Todesursache". Rubén Collio berichtet im STANDARD-Gespräch, dass er überrascht feststellen musste, dass der von RP Global beauftragte Rechtsanwalt Kurt Werkmeister Alveal Akteneinsicht beantragte und erhielt: "Ich habe Anzeige gegen unbekannte Täter gestellt, RP Global wird in dieser nicht erwähnt. Die Firma will sich offenbar für den Fall absichern, dass sie Gegenstand der Ermittlungen wird."

Eine Sprecherin des Unternehmens erklärte auf STANDARD-Anfrage, Collio habe die RP Global "mehrfach unbegründet öffentlich im Zusammenhang mit dem Tod seiner Lebensgefährtin genannt. Daher erschien es uns damals auch im Interesse unserer lokalen Mitarbeiter wichtig, uns über den Fall zu informieren."

Der Europaabgeordnete Thomas Waitz (Grüne) äußert im Gespräch mit dem STANDARD die Hoffnung, dass die chilenischen Gerichte die ausländischen Ermittlungen in das Verfahren einbeziehen. "Leider haben finanziell schlechter gestellte Bevölkerungsgruppen erfahrungsgemäß wenig Chancen, Gerechtigkeit zu erfahren", erklärt er – und fordert, im Rahmen der Mercosur-Verhandlungen Druck auf lateinamerikanische Staaten auszuüben. (Bert Eder, 20.10.2020)