Alain Cocq hat seine Behandlung abgebrochen.

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Alain Cocq aus Dijon will sterben – und zwar nicht irgendwie: Der 57-jährige Träger einer unheilbaren degenerativen Krankheit will seinen eingeleiteten Tod – seit Freitag ernährt er sich nicht mehr – via Facebook live streamen, um für die Zulassung der aktiven Sterbehilfe zu werben. Die US-Plattform teilte allerdings mit, sie verhindere die Übertragung: "Auch wenn wir seinen Wunsch, die Aufmerksamkeit auf eine komplexe Frage zu richten, respektieren, erlauben unsere Regeln nicht, Suizidversuche wiederzugeben." Seit Samstag ist Cocqs Livestream blockiert.

Cocq versicherte, er begehe "nicht Selbstmord". Offensichtlich geschwächt, erklärte er am Samstag, er breche vielmehr seine Behandlung ab. Die Facebook-Sperre sei eine "ungerechte Diskriminierung und Verletzung der Meinungsfreiheit". Immerhin empfahl Cocq Zuschauern unter 16 Jahren, sein Ableben nicht zu verfolgen, auch wenn dieses frei von "Gewalt oder Erniedrigung" sei.

Der Sterbende erhält in den sozialen Medien breite Unterstützung. Viele Franzosen regen sich darüber auf, dass Facebook Regeln anwende, die "auf US-Normen zugeschnitten" seien, wie etwa die Bloggerin Yasmina Salmandjee meinte. Was sittlich sei, entschieden die Algorithmen und Moderatoren von Facebook nicht etwa aufgrund internationaler Kriterien, sondern der US-Gesetze. So könne man sich beliebig mit Feuerwaffen abbilden; freizügige Erotik werde aber zensuriert.

Doppelstandards bei Normen

Tatsächlich tut sich die Plattform schwer mit europäischen Normen: Vergangene Woche blockierte Facebook etwa das neue Cover des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo wegen des Abdrucks bereits früher erschienener Mohammed-Karikaturen. Nach Protesten räumte Facebook einen "Fehler" ein.

Alain Cocq kündigte indes an, er wolle ein neues Kamerasystem mit Rückblenden einrichten, das nicht unter das Live-Verbot falle. Am Montag blieb die Seite vorerst leer. Der Internet-Jurist Roman Hardouin schätzt, dass Cocq sein Ziel, für sein Anliegen der aktiven Sterbehilfe einzutreten, bereits erreicht habe; denn die Polemik um seinen Facebook-Auftritt werde mehr Leute sensibilisieren als eine statische Kameraübertragung. (Stefan Brändle aus Paris, 7.9.2020)