Wenn kleine Kinder beim Abschied von Mama oder Papa weinen, ist das normal. Auf diese Weise können sie ihren Trennungsschmerz zum Ausdruck bringen.

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Jedes Jahr im Spätsommer spielen sich in Kindergärten und Krippen tränenreiche Szenen ab. Der Trennungsschmerz in der Eingewöhnungsphase ist groß – für Kinder und Eltern. "Tränen gehören dazu, und es sind nicht die weinenden Kinder, um die man sich Sorgen machen sollte", sagt Tina Eckstein-Madry, die unter anderem an der Wiener Kinderkrippenstudie zur Eingewöhnungsphase von Kleinkindern mitgearbeitet hat. Das Resümee der Forschungsarbeit: Kinder brauchen Zeit, bis sie Vertrauen zu den Pädagogen aufgebaut haben.

STANDARD: Viele Kleinkinder haben gerade ihre ersten Wochen in der Kinderkrippe oder im Kindergarten hinter sich. Woran erkennen Eltern, ob die Eingewöhnung gut läuft?

Eckstein-Madry: In den ersten Tagen sind die Eltern mit im Gruppenraum und können sehen, ob ihr Kind die ersten Kontaktversuche der Pädagogin oder des Pädagogen annimmt oder ob es selbst schon zu spielen beginnt und den Raum erforscht. Mit den ersten Verabschiedungen haben sie dann nicht mehr einen so guten Einblick. Es ist daher ratsam, im Gespräch mit der Pädagogin oder dem Pädagogen zu erfragen, wie sich ihr Kind verhält und wie die nächsten Eingewöhnungstage gestaltet werden. Dass die Eingewöhnung gut verläuft, erkennen Eltern daran, dass sich ihr Kind von den neuen Pädagogen bereits beruhigen oder trösten lässt, Spielangebote annimmt, beim Abholen ausgeglichen ist und im späteren Verlauf auch Kontakte zu anderen Kindern aufnimmt. Spätestens jetzt sollte auch das Weinen beim Abschied nach und nach weniger werden. Manche Kinder freuen sich dann auch schon auf den Kindergarten und laufen selbst in die Gruppe. Dann kann man sagen: Das Kind ist angekommen.

STANDARD: Früher haben Eltern die Kinder einfach im Kindergarten abgegeben und sich kurz und schmerzlos verabschiedet. Heute macht man das in Österreich wohl kaum noch irgendwo. Warum sind die ersten Tage in der Fremdbetreuung so wichtig?

Eckstein-Madry: Kinder benötigen eine begleitete Übergangszeit. Das bedeutet, dass sie anfangs ihre Eltern als Rückhalt brauchen, während sie diese neue Kindergarten- oder Krippenwelt erkunden. Für das Kind ist dort alles neu: die Pädagogin, viele neue Kinder, viel mehr Lärm als sonst und unbekannte Räumlichkeiten. Dazu kommt der Trennungsschmerz, wenn Mama oder Papa den Gruppenraum verlassen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Eingewöhnung für Kinder mit Stress verbunden ist: Einen Anstieg im kindlichen Stress konnten wir auch anhand des Stresshormons Cortisol in der "Wiener Kinderkrippenstudie" für die ersten Wochen der Eingewöhnung nachweisen. Eine sanfte, bedürfnisorientierte Eingewöhnungsphase und ein entspannter Familienalltag helfen den Kindern dabei, diesen Stress zu verarbeiten.

STANDARD: Wie sieht so eine sanfte Eingewöhnung konkret aus?

Eckstein-Madry: Die meisten Krippen oder Kindergärten arbeiten mit Eingewöhnungsmodellen, angelehnt an das Berliner oder Münchner Modell. Diese sehen vor, dass das Kind in den ersten Tagen gemeinsam mit Mama oder Papa in den Gruppenraum kommt. Erst nach etwa vier Tagen verlässt Mama oder Papa zum ersten Mal für wenige Minuten den Raum. In den darauffolgenden Tagen und Wochen wird die Dauer der Trennungen kontinuierlich gesteigert, wobei die Eltern immer abrufbereit bleiben, falls sich das Kind nicht beruhigen lässt. Am Ende von etwa drei Wochen wäre das Kind dann halbtags betreut. Wie lange die Eingewöhnung im Endeffekt aber dauert, hängt immer vom Kind ab.

STANDARD: Das bedeutet aber, dass Eltern für die Eingewöhnung mehrere Wochen Zeit mitbringen sollten ...

Eckstein-Madry: Nicht alle Eltern haben unendlich Zeit, viele müssen zurück in ihren Job. Doch die Wahrheit ist: Man kann eine schnelle Eingewöhnung nicht erzwingen. Kinder spüren den Zeitdruck der Eltern, und das löst wiederum Stress aus. Am besten nehmen sich Eltern daher zwei bis drei Wochen Urlaub und versuchen auch nachmittags viel Zeit mit ihrem Kind zu verbringen. Oft müssen die Kinder im Anschluss an den Vormittag in der Krippe oder im Kindergarten verarbeiten, was sie erlebt haben. Und dazu brauchen sie ihre engsten Bezugspersonen.

STANDARD: Brauchen ein- bis dreijährige Krippenkinder mehr Zeit als Kindergartenkinder im Alter von drei bis sechs Jahren?

Eckstein-Madry: Krippenkinder können oft nicht nachvollziehen, warum Mama oder Papa weggehen, was die Trennung für sie besonders schmerzlich macht. Daher scheinen die Eingewöhnungen von jüngeren Kindern länger zu dauern. Die meisten Kindergartenkinder, die eingewöhnt werden, haben meist schon irgendeine Art von Trennungserfahrung gemacht, deswegen gelingt die Eingewöhnung auch einfacher. Aber Achtung: Auch Kindergartenkinder treffen auf eine ungewohnte Situation, auch für sie ist alles neu, und auch sie müssen sich neu orientieren. Es braucht demnach immer eine sensitive Begleitung, damit die Kinder in den neuen Kindergartenalltag hineinfinden.

STANDARD: Die meisten Kinder weinen beim Abschied. Müssen sich Eltern deswegen Sorgen machen?

Eckstein-Madry: Weinen zeigt, dass das Kind überfordert ist und dass es sich sehnlichst wünscht, dass Mama oder Papa zurückkommen und es trösten. Dieser Trennungsschmerz ist völlig normal. Auch Eltern spüren ihn, und manche müssen dann auch weinen. Das Ziel bei der Eingewöhnung ist nun, dass die Pädagogin oder der Pädagoge das Kind trösten kann, indem sie oder er Körperkontakt anbietet und tröstende Worte spricht. Wenn Kinder das Vertrauen in die neue Pädagogin oder den neuen Pädagogen aufgebaut haben, lassen sie sich oftmals schon in wenigen Minuten trösten.

Bei der Berliner Kinderkrippenstudie fanden wir heraus, dass jene Kinder, die weinen, eine engere Vertrauensbeziehung zu den Pädagogen aufbauen. Wir haben uns dann gefragt, warum das so ist. Die Antwort: Die Kinder zeigen durch das Weinen ihren emotionalen Schmerz nach außen, und die Pädagogen können darauf eingehen. Während Kinder, die nicht weinen, oftmals unterschätzt werden. Das zeigt auch Maria Fürstaller in ihrer Dissertation "Still leidende Kinder": Diese Kinder leiden innerlich, aber können ihren emotionalen Schmerz nach außen nicht zeigen. Das Problem dabei: Diese Kinder wirken daher als schnell eingewöhnt und erhalten dann auch oft zu weniger Unterstützung zur Verarbeitung des emotionalen Schmerzes vonseiten der Pädagoginnen.

STANDARD: Was, wenn mein Kind nach zwei Wochen noch immer sehr lange und viel weint?

Eckstein-Madry: Wenn die Kinder über mehrere Wochen hinweg weinen, und da spreche ich nicht von einem kurzen Aufweinen beim Abschied, sondern wirklich von langem Schreien und sich Wehren, dann ist das nicht normal. Da sollten Eltern genauer hinschauen: Sind die Kinder auch beim Abholen sehr traurig? Verändert sich auch ihre Persönlichkeit? Sind aktive Kinder am Nachmittag zurückgezogen oder umgekehrt? Wenn dem so ist, sollten sie ein Gespräch mit dem Pädagogen oder der Pädagogin suchen. Pädagoginnen spüren meist selbst sehr gut, wann man die Eingewöhnung nach hinten verschieben sollte. Manchmal sogar um bis zu ein Jahr. Einige Kinder sind derart überfordert, dass sie die Unterstützung der Pädagoginnen nicht annehmen können. Anderen Kindern dagegen ist die Gruppengröße zu überfordernd. Für diese Kinder wäre etwa eine Tagesmutter denkbar, die in ihrem häuslichen Umfeld nur eine kleine Kindergruppe betreut.

STANDARD: Kann eine misslungene Eingewöhnung auch traumatisieren?

Eckstein-Madry: Diese ersten Tage im Kindergarten prägen das Kind, wie die Welt außerhalb der Familie funktioniert. Misslingt die Eingewöhnung, wird das Kind erst einmal mit einem unguten Gefühl in der nächsten Betreuungseinrichtung starten. Wenn das Kind auch dann keine korrigierenden Erfahrungen macht, kann es natürlich sein, dass es auch den Schulstart mit mehr Angst und Unsicherheit beginnt. Allerdings können Kinder korrigierende Erfahrungen machen, das haben wir auch in unseren Studien gesehen: Kinder, deren Beziehung zur Mutter belastet war, konnten dennoch eine vertrauensvolle Beziehung zur Pädagogin oder zum Pädagogen aufbauen. Dafür braucht es dann aber sehr sensitive Pädagogen oder Lehrerinnen.

STANDARD: Wie kann ich als Elternteil meinem Kind den Start in der Krippe oder im Kindergarten erleichtern?

Eckstein-Madry: Wenn Kinder schon Kontakt mit Gleichaltrigen in gemeinsamen Gruppenaktivitäten hatten, wie etwa in Babygruppen, Kleinkindgruppen, Schwimmkursen oder Spielgruppe, kann es hilfreich sein. Sie haben dann schon erfahren, wie es ist, ein Mitglied einer größeren Gruppe zu sein, wie sie es dann auch in der Krippe sein werden. Außerdem ist die Eingewöhnung etwas leichter, wenn sie bereits Erfahrung damit haben von Mama und Papa getrennt zu sein, zum Beispiel wenn Oma und Opa oder ein Babysitter regelmäßig aufgepasst haben.

STANDARD: Viele haben ein Kuscheltier dabei ...

Eckstein-Madry: Rituale beim Abschied sind auf jeden Fall für das Kind hilfreich, denn sie vermitteln dem Kind Sicherheit: wenn das Kind zum Beispiel etwas mitnehmen darf, wie das Lieblingskuscheltier oder den Schnuller, an dem es sich auch im emotionalen Sinne festhalten kann. Solche sogenannten Übergangsobjekte können aber auch Staubwedel sein oder Fotos der Eltern, die Kinder wählen das häufig selbst aus.

Beim Abschied selbst ist es dann wichtig, dass die Eltern klar mitteilen, was jetzt passiert und wann sie wieder zurück sind: "Ich gehe kurz auf die Toilette, und du bleibst fünf Minuten bei Frau Müller, und dann bin ich gleich wieder da." Das bietet dem Kind ebenso Sicherheit und Vorhersehbarkeit. Und die brauchen die Kinder auch noch, wenn sie bereits eingewöhnt sind.

STANDARD: Oft sind es aber die Eltern selbst, die es nicht schaffen, sich zu verabschieden.

Eckstein-Madry: Wenn Eltern sagen, dass sie jetzt gehen, ist es auch wichtig, dass sie wirklich rausgehen. Ich habe bei Eingewöhnungen auch beobachtet, dass Eltern wieder zurückkommen und sich mehrmals verabschieden. Dadurch wird das Kind verwirrt und ist verunsichert. Ich weiß, es ist nicht immer einfach, seine Kinder "in fremde Hände" zu geben, vor allem wenn das Kind weint. Sollten die Eltern spüren, dass es ihnen schwerfällt, sich kurz zu verabschieden, ist auch ein Austauschgespräch mit den Pädagogen hilfreich: Sie können dann einen Einblick geben, wie es dem Kind geht, wenn die Eltern den Gruppenraum verlassen haben.

STANDARD: Nun, heuer ist irgendwie alles anders. In einigen Regionen Österreichs stehen die Ampeln auf Gelb oder Orange, was bedeutet, dass erhöhte Sicherheitsmaßnahmen aufgrund des Coronavirus getroffen werden. Ich habe im eigenen Kreis gehört, dass Eltern deswegen dazu angehalten werden, sich bereits am zweiten Tag in der Krippe zu verabschieden, damit nicht zu viele Eltern im Gruppenraum sind.

Eckstein-Madry: Der erste Tag, der oft nur ein bis zwei Stunden umfasst, ist eine Orientierung – für die Eltern und das Kind. Was gibt es da? Wer ist da? Spielkameraden? Spielzeug? Viele Kinder sind am ersten Tag verunsichert. Die erste Trennung dann schon am zweiten Tag zu vollziehen ist zu früh, denn das Kind hat noch kein Vertrauen in die Pädagogin oder den Pädagogen gefasst. Trotz der angespannten Situation durch das neuartige Coronavirus sollten die Eltern ihr Kind mehrere Tage in den Gruppenraum begleiten dürfen, bevor sie das erste Mal den Raum verlassen. Da sollten sich die Eltern nicht verunsichern lassen und sich zu einer früheren Trennung drängen lassen. Kinder brauchen diese Zeit und auch ihre Eltern als Sicherheit, um das Vertrauen in die neue Situation finden zu können. Nicht umsonst heißt es: Das Kind wird nicht eingewöhnt, sondern es gewöhnt sich ein. (Nadja Kupsa, 18.9.2020)