Mitte der Nullerjahre öffneten China und Indien den lange geschlossenen Nathula im Osthimalaja. Seitdem haben sich die Konflikte aber wieder zugespitzt.

Foto: AP/Gurinder Osan

Peking hat derzeit nicht nur Ärger mit den USA. Auch mit Indien spitzen sich die Spannungen zu. Am Donnerstag haben sich die Außenminister Chinas und Indien, Wang Yi und Subrahmanyam Jaishankar, in Moskau am Rande der Konferenz der Shanghai Cooperation Organisation getroffen. Bei dem zweienhalbstündigen Gespräch einigten sich die zwei Parteien darauf, ihre Truppen, die sich im Westhimalaja seit einigen Wochen gegenüberstehen, zurückzuziehen und zu "deeskalieren".

Seit Wochen ziehen beide Staaten Spezialtruppen an der umstrittenen Grenze zusammen. Laut einem Bericht des chinesischen Staatssenders CCTV soll das Oberste Militärkommando für China Übungen mit Fallschirmspringern abhalten – ein höchst ungewöhnliches Unterfangen in 4.000 Metern Höhe. Schwere Waffen, geschweige denn Panzer, können ohnehin nicht zum Einsatz kommen. Dazu sind die Passstraßen zu klein.

Das hat zumindest den Vorteil, dass mit weniger tödlichen Waffen gekämpft werden muss. Per Abmachung aus den 1990ern haben sich auch beide Staaten dazu verpflichtet, keine Schusswaffen zu verwenden. Im Juli noch waren daher chinesische und indischen Soldaten mit Stöcken aufeinander losgegangen. Bei einer zweistündigen Schlägerei auf 4.500 Meter Höhe starben mindestens 20 indische und eine unbekannte Zahl chinesischer Soldaten. Viele waren einen Abhang hinabgestürzt und konnten aufgrund des unzugänglichen Terrains nicht geborgen und versorgt werden. Beide Staaten beschuldigen einander, die "Line of Actual Control" (LAC) überschritten zu haben.

Kein offizieller Grenzverlauf

Der Grenzverlauf zwischen beiden Staaten ist in dieser Region seit Jahrzehnten ungeklärt und umstritten. Im Oktober 1962 war es zu einem kurzen Krieg zwischen beiden Ländern gekommen. Die Militärgrenze bildet die "Line of Actual Control", die aber von keinem der beiden Staaten als offizieller Grenzverlauf anerkannt ist.

Die chinesische Staatspresse rasselt derweil mit den Säbeln. Die für ihre nationalistischen Töne bekannte staatliche Zeitung "Global Times" schrieb in ihrer Donnerstagsausgabe: "Falls indische Truppen das Feuer eröffnen und einen Krieg provozieren, wird dies eine schnelle Konfrontation sein." Der Chefredakteur der Zeitung, Hu Xijin, setzte noch einen drauf. Er schrieb auf Twitter: "Wenn sich die indischen Truppen nicht vom Südufer des Pangong-Sees zurückziehen, wird die Volksbefreiungsarmee sie den ganzen Winter über bedrängen. Die indische Logistik ist schlecht. Indische Soldaten werden an Kälte und Covid-19 sterben."

Geostrategischer Hintergrund im Nirgendwo

Eigentlich gibt es in 4.000 Meter Höhe im Himalaja nichts zu holen. Bodenschätze sind dort unbekannt. Landwirtschaft kann dort nicht betrieben werden. Abgesehen von ein paar Nomaden sind die umstrittenen Gebiete auch weitgehend unbewohnt. Man fragt sich also, warum die beiden Atommächte ausgerechnet jetzt einen scheinbar unnötigen Konflikt vom Zaun brechen. Die Antwort könnte geostrategische Natur sein.

Indien fühlt sich von China bedroht, sollte Peking es gelingen, seinen Einfluss auf die Staaten Nepal, Bhutan und die "LAC" auszudehnen. Chinesische Truppen könnten dann umgehend in das indische Kernland vorstoßen. Für Peking wiederum wirkt der indische Einfluss auf die Unruheprovinz Tibet bedrohlich. Das spirituelle Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, lebt seit Jahrzehnten im indischen Himachal Pradesh im Exil. Muss Indien zudem Ressourcen auf die Landregion konzentrieren, geht das zulasten maritimer Ambitionen. Peking baut seit Jahren seinen Einfluss im Indischen Ozean aus. (Philipp Mattheis, 11.9.2020)