Sie leben von mobilen Unterkünften und kennen Europas Campingplätze wie ihre Westentasche. Birgit und Harald Gebetsroither zählen zu den größten Campinganbietern Europas. Die steirischen Unternehmer erleben boomende Geschäfte in Österreich und Krisen in Kroatien. Sie selbst campen gern im Winter.

Das eigene Haus stets mit dabei: In Zeiten der Pandemie herrscht um Reisemobile ein Griss. Im Juni stieg die Zahl an Neuzulassungen in Österreich um mehr als 60 Prozent.
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STANDARD: Dünne Isomatte im Zelt, Ravioli aus der Dose vom Gaskocher und der Nervenkitzel, möglicherweise von Polizei oder Grundbesitzer vertrieben zu werden. Haben Sie je wild campiert?

Birgit Gebetsroither: Eigentlich nie.

Harald Gebetsroither: Ich schon. Als Junger auf Parkplätzen in Lignano. Aber wir haben keinen Müll zurückgelassen, keine Tische rausgestellt. Da sah eher nach Parken aus.

Birgit Gebetsroither: Gezeltet haben wir als Kinder viel. Und gut geschlafen, auch wenn’s gestürmt hat. Mit Wohnwagen hat schon unser Großvater begonnen. Er war Autohändler und hat sie in Kroatien an Mitarbeiter vermietet. Er sah aber kein Geschäft für die Zukunft darin. Der Vater hat sich dann drübergetraut.

STANDARD: Seit Corona boomen die Campingplätze. Was macht sie sicherer als Hotels und Appartements?

Harald Gebetsroither: Die Abstände. Du hast deinen Stellplatz, der nächste Nachbar ist viele Meter entfernt. Du musst nicht essen gehen, es ist wie daheim in der Wohnung.

STANDARD: Hat man Pech, regnet es einen in Österreich im Sommer ein. Beim Campen auf wenigen Quadratmetern im Gatsch ist das unlustig.

Birgit Gebetsroither: Früher ist man nur zum See und hat gebadet. Nach drei Tage Regen waren die Gäste unzufrieden, weil alles feucht und nass war. Heute bieten Tourismusregionen reichlich Angebot drumherum.

Birgit und Harald Gebetsroither: "Die Menschen wollen unabhängig sein: Freitag am Abend ins Reisemobil steigen und raus aus der Stadt fahren."
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STANDARD: Luxuriöse Wohnmobile spielen mittlerweile alle Stückerln. Hat das denn noch echtes Campingflair?

Birgit Gebetsroither: Das typische Campen im Zelt ist es nicht. Dafür muss man schon hartgesotten sein.

Harald Gebetsroither: Aber Zelte erleben ein Revival, auch für große Familien. Es gilt: Back to the roots.

STANDARD: Vom Image des billigen Urlaubs ist das Campen weit entfernt. Stellplätze sind oft teurer als Hotels.

Harald Gebetsroither: Premiumplätze am Meer in der Hauptsaison für zwei Personen kosten 150 Euro.

Birgit Gebetsroither: Das ist die Ausnahme. Normal bist du bei 30 bis 40 Euro pro Tag für eine Familie dabei. Ein Wohnmobil kostet pro Woche etwa 1000 Euro. Flugreisen für die ganze Familie sind da weit teurer.

Harald Gebetsroither: Camper geben 50 bis 60 Euro pro Person und Tag für Stellplatz und Lebensmittel aus. Da steckt Finanzkraft dahinter.

STANDARD: Selbst extrem teure Reisemobile sind heuer so gut wie ausverkauft, der Markt für gebrauchte ist leergefegt.

Harald Gebetsroither: Sind sie denn wirklich so teuer? Schauen Sie sich an, welche Autos die Leute in ihren Garagen stehen haben. Und die sind keine rollenden Häuser.

Selber fahren, statt fliegen. Billig ist Campen dennoch nicht. Stellplätze direkt am Meer kosten mitunter deutlich mehr als ein Hotelzimmer.
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STANDARD: Ein deutscher Wohnmobilhersteller will an die Börse, weil das Geschäft so brummt. Ist die Freiheit auf vier Rädern wirklich leistbar?

Birgit Gebetsroither: Früher kauften sich nur jene ein Reisemobil, die das Geld hatten. Finanzierungen dafür waren vor einigen Jahren noch undenkbar, ein Tabu. Heute wollen viele nicht mehr auf ihre Pension warten. Sie haben eine kleine Wohnung in der Stadt und können sich die Leasingrate leisten.

Harald Gebetsroither: Es sind auch viele Quereinsteiger unter den Käufern, die nie zuvor gecampt haben.

Birgit Gebetsroither: Die Menschen wollen unabhängig sein: Freitag am Abend ins Reisemobil steigen, raus aus der Stadt fahren. Ein Hotelzimmer bucht man weniger spontan.

STANDARD: Hat Österreich Investitionen in Campingplätze verschlafen?

Birgit Gebetsroither: Sie sind einfacher und kleiner gestaltet. Kroatien und Norditalien sind bei der Ausstattung sicher voraus. Viele Plätze in Österreich sind in Privatbesitz und in kleinen Gemeinden. Da stehen keine großen Hotelketten oder Investorengruppen dahinter.

Harald Gebetsroither: In Österreich hat jedes Bundesland für die Plätze eigene Spielregeln. Im Burgenland braucht es Grundstückswidmungen für Mobilheime. Es fehlen auch große Flächen. Vieles ist in Bauernbesitz, es ist eine andere Mentalität.

STANDARD: Sie planen eigene Campingresorts, finanzieren wollten Sie sie mithilfe von Crowdfunding. Ist seit Corona alles anders?

Harald Gebetsroither: Das war der Plan – vor Corona. Wir starteten das Crowdfunding zwei Tage vor dem Lockdown und haben es dann sofort gestoppt. Keiner wusste ja, was passiert. Wir wollten 65 Millionen Euro über zehn Jahre investieren, in Österreich, Deutschland, Italien und Kroatien. Die Projekte laufen noch, sind aber verschoben. In Kroatien beginnen wir dennoch bereits diesen Herbst mit dem Bau. Drei Jahre haben wir um die Genehmigung gekämpft.

STANDARD: Im Sommer waren Ihre Reisemobile, Wohnwagen und Mobilhäuser in Österreich ausgebucht. Zählen Sie hier zu den Gewinnern der Krise?

Harald Gebetsroither: In Österreich ja. Wir erzielen aber 80 Prozent der Umsätze in der Vermietung in Kroatien und Italien. Politische Entscheidungen zu diesen Märkten bremsen uns g’scheit ein. Wir verlieren dort heuer wohl rund die Hälfte des Geschäfts.

Glamping statt Camping. In die Branche zog vielerorts der Luxus ein.
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STANDARD: Wie stecken Sie das weg?

Harald Gebetsroither: Indem wir zuvor kein Geld aus der Firma rausnahmen. Wir haben fast 50 Prozent Eigenkapital – gehabt. Die Krise tut weh, aber wir werden überleben.

Birgit Gebetsroither: Die Prognosen für die nächsten Jahre sind gut. Unsere Kunden wollen ja reisen. Derzeit ist das größte Problem, dass viele Firmen ihren Mitarbeitern androhen, dass sie 14 Tage unbezahlt daheimbleiben müssen, sollten sie nach der Rückkehr aus Kroatien erkranken.

STANDARD: Österreich hat Kroatien erneut zum Risikogebiet erklärt. Ist das der richtige Weg, um die Pandemie in den Griff zu bekommen?

Harald Gebetsroither: Die Regierung wird ihre Gründe dafür gehabt haben, ich denke, es waren politische. Es hieß, jeder dritte Infizierte kam aus dem Urlaub zurück. Was ist mit den anderen? Sie waren daheim.

Birgit Gebetsroither: Zum Zeitpunkt der Reisewarnung für Kroatien gab es 1000 Infizierte in Wien. Nach der Logik der Regierung hätte kein Österreicher nach Wien fahren dürfen.

Harald Gebetsroither: Der Urlaub in Österreich hat derweil geboomt. Man hörte von Seewiesen, wo die Leute wie die Sardinen lagen.

STANDARD: Urlaub in Kroatien ist also nicht riskanter als am Wörthersee?

Birgit Gebetsroither: Es geht weniger um die Wahl des Urlaubsorts als ums Feiern und Partymachen. Klug wäre es, das einzudämmen und bei Veranstaltungen zu bremsen.

Harald Gebetsroither: Die Leute sind halt ausgehungert, ein halbes Jahr gab es nichts, und wenn was ist, will jeder hin.

Birgit Gebetsroither: Das darf eben nicht sein. Deutschland hat es vernünftig gemacht und vor einzelnen kritischen Regionen gewarnt. Aber muss man gleich ganz Kroatien zusperren?

In Österreich hat jedes Bundesland andere Spielregeln für Campingplätze. Viele Grundstücke sind in Hand von kleinen Gemeinden oder Landwirten.
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STANDARD: Kamen finanzielle Hilfen der Regierung bei Ihnen an?

Harald Gebetsroither: Wir beantragten den Überbrückungskredit, als Absicherung für 2021. Stundungen hatten wir nur kurzzeitig. Wir schieben Zahlungen ungern hinaus.

Birgit Gebetsroither: Kurzarbeit hatten wir zwei Monate. Diese Zeit war für die Mitarbeiter nicht leicht, weil es ja viel Arbeit gab, aber kein Geld hereinkam. Die Arbeit hat sich verdreifacht. Zuerst waren wir komplett ausgebucht, dann wurde alles storniert, dann buchten wieder alle, bis erneut die Reisewarnungen kamen.

STANDARD: Gebetsroither hat schwerere Krisen als diese erlebt. Ihr Vater war Pionier der Branche im ehemaligen Jugoslawien. Dann kam der Krieg und kostete seinen Betrieb fast die Existenz.

Harald Gebetsroither: Damals brach alles zusammen: Vermietung und Verkauf. Jetzt erleben wir glücklicherweise einen sehr starken Verkauf.

Birgit Gebetsroither: Ich erinnere mich, dass wir extrem sparten. Kein Papierl wurde weggeschmissen. Wir konnten Rechnungen nicht bezahlen. Der Vater stieß Filialen ab, öffnete und schloss Löcher, bis wir uns wieder derrappelten. Wir haben ganz von unten von neuem begonnen.

STANDARD: Er hat das Unternehmen schrittweise an Sie übergeben. Gab er das Steuer gern aus der Hand?

Harald Gebetsroither: Schwieriges Thema. Im Handel ließ er uns freie Hand. Die Vermietung aber war sein Baby. Wie in vielen Familienbetrieben gibt es Generationenkonflikte. Ein Radunfall war für ihn vielleicht Anstoß, zu erkennen, dass es auch anderes im Leben gibt als die Firma.

Birgit Gebetsroither: Er ist noch die alte Schule. Die Digitalisierung etwa ist nicht seins. Er wusste, man muss sie vorantreiben, aber zum Computer setzt er sich selbst nicht. Der Aufbau der Marketingabteilung war für ihn eine Katastrophe, denn Marketing muss ja der Chef persönlich machen. Aber die Firma ist halt jetzt dreimal so groß wie früher. In Zeiten von Corona berät man sich wieder viel in der Familie. Da sagt er dann, er hätte alles ganz anders gemacht (lacht). Aber die Zeiten ändern sich rasch. Da fühlt man sich selbst manchmal schon fast zu alt für vieles.

Abstand halten im rollenden Haus. Spätestens nach drei Tage Regen wird es auf den wenigen Quadratmetern aber ungemütlich.
Foto: Gebetsroither

STANDARD: Ist es Ihnen wichtig, den Betrieb in Familienhand zu halten?

Birgit Gebetsroither: Seit Corona fragt man sich schon, warum man sich das alles antut. Hätte man vielleicht zuvor ein gutes Angebot angenommen, könnte man jetzt gut davon leben. Familienbetriebe zu erhalten wird quer durch die Branchen immer schwieriger. Aber es ist unser Betrieb, wir zwei sind mit ihm aufgewachsen, er ist unser Herzblut.

STANDARD: Die Campingsaison ist kurz. Was machen Sie im Winter?

Harald Gebetsroither: Das fragen uns viele. Kataloge vorbereiten, Verträge verhandeln, neue Plätze suchen, auf Messen gehen. Im Jänner starten Buchungen und Montagen. Außerdem gibt es mehr Wintercamper. Ich selbst fahre mit dem Wohnmobil oft auf Almen zum Skifahren.

STANDARD: Brrr. Ist das nicht ein bisserl frostig und kalt?

Harald Gebetsroither: Nur wenn einem das Gas ausgeht. Ansonsten ist es heimelig und gemütlich. Gefroren hab’ ich dabei noch nie. (Verena Kainrath, 12.9.2020)