Um Joe Biden nicht die Schau zu stehlen, hielt sich Bernie Sanders, Star des linken Parteiflügels der Demokraten, lange zurück – jetzt mischt er wieder mit.

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Sie wirken wie aus einer anderen Zeit, die euphorischen Kundgebungen der "Bernie Revolution". Die voll besetzten Arenen, in denen vornehmlich junge Amerikaner den Ältesten des demokratischen Bewerberfelds bejubelten, als wäre er ein Rockstar – irgendwie sind sie nur noch ferne Erinnerung. Ein Phänomen der Prä-Corona-Ära, obwohl die letzte Rally doch noch keine sieben Monate zurückliegt. Seitdem ist es stiller geworden um Bernie Sanders, richtig still seit dem Moment, in dem Joe Biden das Bewerberduell gegen die Galionsfigur der Linken für sich entschieden hatte.

Um Biden nicht die Schau zu stehlen, hielt sich der Veteran aus Vermont fortan auffallend zurück – eine beeindruckende Demonstration von Parteidisziplin, obwohl Sanders streng genommen gar keine Parteidisziplin üben kann, weil er als Unabhängiger im US-Senat sitzt. Damit ist es fürs Erste vorbei. Für Sanders gibt es offenbar Anlass zur Sorge, weshalb er sich am Sonntag in der Rolle des Mahners zu Wort meldete.

"Ich glaube, wir müssen den Leuten einen guten Grund geben, für Joe Biden zu stimmen", sagte er dem Fernsehsender MSNBC, der so etwas wie der Haussender der Demokraten ist, das Gegenstück zu Fox News, dem von den Republikanern favorisierten Kanal. Biden befinde sich zwar in einer exzellenten Ausgangslage, um die Wahl zu gewinnen. "Aber ich denke, wir müssen mehr tun, als nur Donald Trump anzugreifen." Da sprach einer mit höflichem Understatement aus, wovor besorgte Parteistrategen seit Monaten warnen. In dem Bemühen, Trump keine Munition zu liefern, einem Amtsinhaber, der seinen Herausforderer in einer grotesken Karikatur als hilflose Marionette an den Fäden sozialistischer Umstürzler zeichnet, hat Biden bisher weitgehend darauf verzichtet, über Inhalte zu reden.

Suche nach Schwerpunkten

Mit welchen Programmen er im Weißen Haus einziehen würde, haben die Demokraten zwar in sechs Arbeitskreisen intensiv diskutiert, bei seinen Auftritten aber spielt es kaum eine Rolle. Zwar wird er nicht müde, sich als anständige, mitfühlende, menschliche Alternative zum kalten Egomanen Trump zu empfehlen. Über konkrete Pläne, wirtschaftspolitische oder auch Blaupausen für eine Reform des chronisch überteuerten Gesundheitssystems, schweigt er sich indes weitgehend aus. Sanders hat das Problem erkannt, weshalb er Vertraute in Marsch setzte, um seine Bedenken in großen Zeitungen publik zu machen, wenn auch nur anonym.

Biden, war in der Washington Post zu lesen, müsse mehr über "pocketbook issues" reden, womit gemeint ist, sich stärker den Alltagssorgen der Wähler zu widmen, insbesondere den finanziellen. Außerdem sollte er Leute, die sich gerade bei jüngeren Jahrgängen großer Popularität erfreuen, öfter ins Rampenlicht holen, etwa Alexandria Ocasio-Cortez, die aufstrebende Kongressabgeordnete aus New York. Nachdem die Berichte für Wirbel gesorgt hatten, ließ Sanders sie zunächst dementieren, aber nur, um sie am Sonntag bei MSNBC de facto zu bestätigen.

Was dahinter steht, ist die Sorge, dass sich 2020 wiederholen könnte, was 2016 passierte. Damals blieben viele von denen, die sich für die "Bernie Revolution" begeistert hatten, am Wahltag lieber zu Hause, statt für Hillary Clinton zu stimmen – ein Grund für den Sieg Trumps. Man kann davon ausgehen, dass Sanders in den letzten Kampagnenwochen alle Zurückhaltung fahren lässt, um seinen womöglich erneut schwankenden Fans energisch ins Gewissen zu reden.

Trump veranstaltet Hallen-Massenkundgebung

Entgegen Corona-Auflagen des US-Bundesstaats Nevada hat US-Präsident Donald Trump seine erste Wahlkampfkundgebung in einer geschlossenen Halle seit Ende Juni abgehalten. Über eine Stunde lang sprach der Republikaner, der sich im November um seine Wiederwahl bewirbt, in einer Produktionsstätte eines Baumaschinenherstellers in der Stadt Henderson vor zu großen Teilen unmaskierten Anhängern.

"Sagen Sie Ihrem Gouverneur, er soll Ihren Staat öffnen", sagte Trump unter Verweis auf den Regierungschef des Bundesstaats, den Demokraten Steve Sisolak.

Eine Sprecherin der Stadt Henderson sagte dem Sender CNN, die Veranstaltung verstoße gegen die Corona-Bestimmungen des Bundesstaats. Derzeit seien Versammlungen von mehr als 50 Personen in einem privaten oder öffentlichen Rahmen verboten. Der Hersteller könne als Gastgeber der Veranstaltung zudem seine Geschäftslizenz verlieren. Kurz vor Beginn der Veranstaltung kritisierte Gouverneur Sisolak Trump scharf. Der Präsident handle "rücksichtslos und egoistisch" und bringe "zahllose Menschenleben" in Nevada in Gefahr, twitterte Sisolak.

Trumps Wahlkampfteam erklärte, man messe bei der Veranstaltung Körpertemperaturen und stelle Masken und Handdesinfektionsmittel bereit. Bei Trumps Kundgebungen tragen Teilnehmer jedoch oft keine Masken und wahren häufig keinen größeren körperlichen Abstand.

Angriff auf Polizisten

In Los Angeles kämpfen zwei Polizeibeamte, eine 31-jährige Frau und ein 24-jähriger Mann, in einem Krankenhaus um ihr Leben, nachdem ein bislang nicht identifizierter Angreifer aus nächster Nähe auf sie schoss, während sie in ihrem Patrouillenfahrzeug saßen. Sowohl Trump als auch Biden haben die Attacke scharf verurteilt, wobei der Präsident, so wörtlich, "die Todesstrafe im Schnellverfahren" für den Schützen forderte. In Atlanta wurde ein Polizist entlassen, nachdem er einen am Boden liegenden Afroamerikaner, Roderick Walker, schlimm mit Faustschlägen traktiert hatte. Walker, 26, saß auf dem Beifahrersitz eines Autos, bei dem angeblich die Bremslichter nicht funktionierten. Von einer Streife gestoppt, sollte auch er seinen Führerschein zeigen. Auf seine Frage nach dem Warum, da er doch gar nicht hinterm Lenkrad gesessen habe, kam es zur Eskalation. (Frank Herrmann aus Milwaukee, APA, 14.9.2020)