Bangladesch ist aufgrund des steigenden Meeresspiegels besonders von Klimafolgen betroffen. Es zählt zu jenen Ländern, in denen auch in den kommenden Jahren zunehmend Klimamigration zu erwarten ist.

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Flutkatastrophen, Dürren oder Wirbelstürme: Der menschengemachte Klimawandel führt immer öfter zu Extremwetterereignissen. Wie veränderte Umweltbedingungen Migration beeinflussen, ist vielfach erforscht worden. Nun legt ein internationales Team im Fachblatt "Nature Climate Change" eine Metastudie zur Klimaflucht vor, die überraschende Zusammenhänge sichtbar macht.

Bemerkenswert ist für den Erstautor der Studie, Roman Hoffmann, dass sich in den unterschiedlichen Ländern kein einheitliches Bild ergibt, wie Umweltereignisse und Flucht zusammenhängen. "Umweltveränderungen führen nicht zwingend zu Migration", sagt Hoffmann, der am Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) tätig ist.

So konnten die Forscher nachweisen, dass das Wohlstandsniveau eines Landes eine entscheidende Rolle dabei spielt, ob Dürren, Stürmen oder Überschwemmungen Menschen in die Flucht treiben. In Ländern mit einem mittleren Wohlstandsniveau ist dieses Phänomen besonders stark ausgeprägt. "Wenn wenig Wohlstand vorhanden ist, fehlen oft die Ressourcen, die für die Migration notwendig sind, insbesondere über Ländergrenzen hinweg", sagt Hoffmann.

Anpassung statt Flucht

In Regionen mit einem höheren Wohlstandsniveau haben die Menschen hingegen oft bessere Möglichkeiten, sich vor den Folgen von Umweltveränderungen zu schützen. Doch auch in reicheren Ländern gibt es Klima- und Umweltflüchtlinge: In den USA sind etwa nach dem Hurrikan "Katrina" im Jahr 2005 zahlreiche Menschen aus den betroffenen Gebieten weggezogen.

An "Katrina" lässt sich auch ein anderes Phänomen beobachten, das ein häufiges Merkmal von Klimamigration ist: Menschen, die aufgrund von Umweltveränderungen fliehen, siedeln sich oft in der näheren Umgebung an. Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass Migration aufgrund von Umweltveränderungen oft nur temporär ist. "Wenn Menschen durch eine Naturkatastrophe vertrieben werden, kehren sie häufig wieder in ihre einstige Heimat zurück", sagt Hoffmann. Insofern liefert die Studie keine Belege für das verbreitete Narrativ, dass zunehmend Klimaflüchtlinge nach Europa und in die USA drängen würden.

30 Länder, mehrere Jahrzehnte

Für ihre Analyse zogen die Forscher 30 Länderstudien heran, die einen längeren Zeitraum, meist von den 1960er- bis in die 2000er-Jahre, abdeckten. Ein weiteres Kriterium war, dass "glaubhafte kausale Zusammenhänge zwischen Migration und Umweltveränderungen analysiert wurden", sagt Hoffmann.

In dieser Zusammenschau konnten die Forscher außerdem zeigen, dass Länder, in denen ein großer Anteil der Bevölkerung von Landwirtschaft abhängig ist, die klima- und umweltbedingte Migration auffallend stark ausgeprägt ist.

"Vor allem Kleinbauern hängen stark von stabilen Klimabedingungen ab und leiden unter schlagartigen Veränderungen, da sie nicht die notwendigen Ressourcen haben, um sich anzupassen", sagt Koautorin Raya Muttarak, die ebenfalls an der ÖAW sowie am Internationalen Intitut für angewandte Systemanalyse (IIASA) tätig ist. Den stärksten Einfluss auf Migration hätten steigende Temperaturen, vorübergehende Naturkatastrophen oder stark variierende Niederschläge.

Verursacher und Betroffene

Die Studie legt auch offen, welche Regionen bereits heute von Klimamigration betroffen sind und künftig sein werden: Neben Sub-Sahara-Afrika und Ostafrika zählen dazu vor allem Lateinamerika, die Karibik sowie Süd- und Südostasien.

Damit ist einmal mehr der Nachweis erbracht, dass jene Regionen, die durch hohe CO2-Emissionen maßgeblich zum Klimawandel beitragen, insbesondere die USA, Europa und China, weniger stark von Klimafolgen betroffen sind als die Bewohner jener Länder, die viel geringere CO2-Emissionen verantworten.

Aufgrund der steigenden Durchschnittstemperaturen gehen die Forscher davon aus, dass Klimaflucht künftig häufiger wird. "Der beste Weg, um das zu verhindern, ist, dass das Klimasystem durch eine rasche Reduktion der Treibhausgasemissionen stabilisiert wird", sagt Koautor Jesus Crespo Cuaresma, der am IIASA und an der Wiener Wirtschaftsuni tätig ist.

Moralische Verantwortung

Hoffmann ist es wichtig zu betonen, dass sich Migration wie eine Konstante durch die Menschheitsgeschichte zieht. "Das muss keine großen Ängste auslösen", sagt er. Der politische Auftrag, der sich aus den Erkenntnissen ergibt, besteht für ihn darin, festzustellen, welche Gruppen besonders betroffen sind. "Diesen Menschen muss man Schutz bieten und Maßnahmen zur Anpassung zur Verfügung stellen."

Zusätzlich plädiert er für einen Schutz von Flüchtlingen und die Integration in den Zielregionen. "Wenn es darum geht, ob man Flüchtlinge aus Moria aufnimmt, haben wir eine moralische Verantwortung gegenüber diesen Menschen." (Tanja Traxler, 14.9.2020)