Das Lager in Moria brannte weitgehend ab. Nun wurden fünf der Brandstiftung Verdächtige festgenommen, ein weiterer wird gesucht.

Foto: Reuters / Alkis Konstantinidis

Die griechische Polizei hat fünf junge Männer festgenommen, die verdächtigt werden, vor einer Woche, in der Nacht auf Mittwoch, das Lager in Moria an mehreren Stellen in Brand gesteckt zu haben. Dies verlautbarte am Dienstag der Minister für Katastrophenschutz, Michalis Chrysochoidis, der sich in Mytilini auf Lesbos befindet. Der Minister gab an, dass eine weitere Person gesucht werde. Auch sie sei bereits identifiziert worden, berichteten zahlreiche Medien in Griechenland. Über Videos und Zeugenaussagen habe man die sechs ausfindig machen können.

Chrysochoidis gratulierte den Behörden zum Fahndungserfolg und sagte, dass mit den Festnahmen weitere extreme Situationen verhindert werden konnten. Alle fünf Festgenommenen sind angeblich Afghanen, von denen zwei unbegleitete Minderjährige sind. Einer dieser beiden Minderjährigen wurde am Tag nach der Brandstiftung nach Nordgriechenland ausgeflogen. Insgesamt wurden am Tag nach dem Brand 406 Jugendliche von der Insel gebracht. Alle anderen etwa 12.000 Migranten und Flüchtlinge befinden sich weiterhin auf Lesbos.

Am Dienstagabend ist auch auf der Insel Samos nahe des dortigen Flüchtlingslagers ein Feuer ausgebrochen, das allerdings am späteren Abend unter Kontrolle gebracht werden konnte. Mehrere Männer wurde wegen des Verdachts der Brandstiftung festgenommen, erklärte der Bürgermeister. Um wen es sich den bei den Männern handelte und welche Motive sie verfolgten, war zunächst nicht klar.

Flüchtlinge weigern sich, ins neue Lager zu gehen

Bezüglich dem Brand auf Lesbos hatten Feuerwehrleute berichtet, dass junge Männer Flaschen mit brennbarer Flüssigkeit in die Flammen geworfen hätten. Es gab auch Berichte, wonach Geflüchtete die Feuerwehr am Löschen des Brandes gehindert hätten. Das Lager Moria, in dem bis zu diesem Zeitpunkt 12.700 Leute lebten, wurde durch die Brände am Mittwoch und in der darauffolgenden Nacht fast zur Gänze zerstört. Das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR hat mittlerweile in der Nähe des Lagers Kara Tepe ein neues Zeltlager errichtet, doch die meisten Migranten und Flüchtlinge weigern sich, dorthin zu gehen, weil sie hoffen, doch noch aufs Festland oder sogar weiter nach Deutschland zu kommen.

Die griechischen Behörden versuchen indes zu vermitteln, dass man nur innerhalb des neuen Lagers versorgt werde und nur von dort aus eine Chance hat, einen Asylbescheid zu bekommen. Die Büros des griechischen Asyldienstes in Moria seien vollständig niedergebrannt, das Archiv sei aber von dem Brand nicht betroffen, sagt Marios Andriotis vom UNHCR auf Lesbos dem STANDARD.

UNHCR deckt Bedarf für 11.000 Flüchtlinge

"Wir unterstützen bei der Identifizierung der am stärksten gefährdeten asylsuchenden Familien, damit diese für die Unterbringung vorgezogen werden können", so der Flüchtlingshelfer. "Wir liefern rund 2.000 Familienzelte sowie Hilfsgüter (65.700), die Grundbedürfnisse von 11.000 Menschen decken und Notunterkünfte bieten können. UNHCR unterstützt die Behörden auch bei der Koordinierung der Verteilung von grundlegendem Hilfsmaterial von anderen Organisationen auf der Insel."

Jeder Asylwerber, der das neue Lager betrete, werde vom nationalen Gesundheitsinstitut Covid-19-Schnelltests unterzogen. Derzeit gibt es laut UNHCR 25 Covid-19-positive Fälle, die Personen befänden sich bereits in einem Quarantänebereich im Lager. "Die Polizei hält aus Gesundheits- und Sicherheitsgründen alle Asylsuchenden und Flüchtlinge in einem Gebiet zwischen dem städtischen Unterkunftszentrum Kara Tepe und dem Lager Moria fest", so Andriotis.

Die Asylsuchenden, die das neu errichtete Unterkunftslager betreten, würden identifiziert und überprüft, müssten deshalb aber nicht erneut registriert werden. Nach Angaben der griechischen Behörden werden die Asylinterviews bald wieder aufgenommen. Unter den Menschen, die aus dem brennenden Camp fliehen konnten, gibt es laut Andriotis mehr als 1.000 anerkannte Flüchtlinge. Die Diskussion über die Umsiedlung betreffe jedoch vorerst unbegleitete Kinder und andere schutzbedürftige Personen.

Deutschland will 1.553 zusätzliche Flüchtlinge aufnehmen

Deutschland erklärte sich am Dienstag bereit, 1.553 zusätzliche Flüchtlinge, die in Griechenland bereits als schutzbedürftig anerkannt worden waren, aufzunehmen. Darauf haben sich die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD verständigt, wie Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) in Berlin mitteilte. Es handelt sich dabei um 408 Familien mit Kindern.

Dies soll der zweite Schritt sein, nachdem Innenminister Horst Seehofer (CSU) bereits am Freitag mitgeteilt hat, Deutschland werde von insgesamt 400 unbegleiteten Minderjährigen bis zu 150 Jugendliche aufnehmen. Die 400 Minderjährigen sollen auf europäische Länder verteilt werden. In einem dritten Schritt sollten gegebenenfalls weitere Menschen aufgenommen werden, wenn es dazu Vereinbarungen mit weiteren europäischen Staaten gebe.

Söder vermisst "Herzlichkeit" bei Österreichs Regierung

Anders sieht die Hilfsbereitschaft der österreichischen Regierung aus: Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) will keine der 12.000 obdachlos gewordenen Flüchtlinge aus Moria aufnehmen, Österreich intensiviert stattdessen die "Hilfe vor Ort" in Griechenland. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat deshalb – wie zuvor auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel – die türkis-grüne Regierung in Österreich für ihre Weigerungshaltung zur Aufnahme von Flüchtlingen aus dem griechischen Lager Moria kritisiert. Er sei enttäuscht von der Regierung in Wien, dass sie ihre starre Grundhaltung nicht zugunsten von "etwas mehr Herzlichkeit" aufgebe, sagte Söder am Dienstag in München.

Söders CSU gilt als "Schwesterpartei" der ÖVP von Kurz. Söder sagte, er sei auch von den österreichischen Grünen enttäuscht, die sich in der Koalition in diesem Punkt nicht stärker zu Wort meldeten. (Adelheid Wölfl, red, 15.9.2020)