Rehe, Rebhühner, Füchse und eine recht beachtliche Hamsterpopulation leben auf dem Zentralfriedhof.

Foto: Matthias Cremer

Jakob Zelzer war ein Pionier. Nicht zu Lebzeiten, zumindest ist davon wenig bekannt. Aber im Tod betrat Zelzer Neuland, 1,80 Meter unter der Erde des heutigen Wien-Simmering. Er war der erste Tote, der 1874 auf dem neu eröffneten Wiener Zentralfriedhof begraben wurde. Gruppe 0, Reihe 0, Grab 1. Eine gute Adresse für die Ewigkeit. Der Wiener Zentralfriedhof ist eine der größten Friedhofsanlagen Europas: zweieinhalb Quadratkilometer Fläche, 330.000 Grabstätten, drei Millionen Bestattete seit seiner Gründung. Er ist nicht nur ewige Ruhestätte vieler Wiener, sondern auch Touristenattraktion und Park. Es gibt 80 Kilometer Wege, eine Buslinie mit 18 Stationen, knapp 16.000 Bäume. Es gibt Rehe, Eulen und mindestens einen Fuchs. Die Wiener besuchen den Zentralfriedhof im Sommer gegen die Hitze, im Herbst wegen des schönen Laubs und Anfang November wegen der christlichen Feiertage.

Mehr als ein Friedhof

Der Ort ist mehr als ein Friedhof. "Er soll auch eine Begegnungszone für die Lebenden sein", sagt Cornelia Fassl. Es ist ein früher Montagmorgen, abgesehen von einzelnen Joggern und drei Millionen Toten ist es hier ziemlich leer. "Natürlich soll man hier in Ruhe trauern können, aber der Friedhof soll allen Wienern gehören." Fassl hat hier ihr Berufsleben verbracht: erst als Saisonarbeiterin in der Friedhofsgärtnerei, dann im Friedhofsdienst (der kümmert sich grob gesagt um alles außer die Gräber) und seit 2015 in der Kommunikationsabteilung.

Die Straße zwischen dem Tor 2 und der zentralen Kirche ist quasi die Prachtallee des Friedhofs. Auf der linken Seite liegt ein Teil mit Ehrengräbern, den Stars des Zentralfriedhofs. Es gibt circa 1.000 davon in unterschiedlichen Abstufungen. Bei den "echten" Ehrengräbern, oft massive Monumente des 19. Jahrhunderts, kommt die Stadt vollständig für den Erhalt auf. Bei den "ehrenhalber gewidmeten" stellt die Stadt nur die Grabstätte zur Verfügung. Falco liegt beispielsweise in so einem Grab – neben seiner Mutter Maria.

Die Gräber der Gefallenen aus dem Zweiten Weltkrieg.
Foto: Matthias Cremer

Zur Orientierung sind die Gräber am Zentralfriedhof in Gruppen unterteilt. Davon gibt es 183, und neue Mitarbeiter werden am ersten Tag gerne mal losgeschickt, um ein bestimmtes Grab in der nichtexistenten Gruppe 184 zu finden. Besonders bekannt ist die Gruppe 32 A, die Touristen magisch anzieht. Hier liegen die großen Komponisten: Brahms, Schubert, Strauss. Mozart ist in St.Marx begraben, ein Schild erinnert trotzdem an ihn. "Den Wienern war der Zentralfriedhof bei der Errichtung viel zu weit draußen", sagt Fassl. "Man kennt sie ja: immer nur am matschkern." Erst als man in den 1880er-Jahren damit begonnen hat, die berühmten Toten von anderen Friedhöfen in die Ehrengräber umzubetten, wurde der Zentralfriedhof angenommen.

Gräber zur Ehre

Der Zentralfriedhof ist ein perfekter Ort für "unnützes Wien-Wissen". Viele wissen vielleicht nicht, dass es von 1918 bis 1928 eine "Leichen-Bim" zum Transport von den Toten gab. Oder dass es auf dem Zentralfriedhof eine Hamsterpopulation gibt.

Lässt man die Gruppe 32 A hinter sich, kommt man zum Knotenpunkt des Zentralfriedhofs, der im Jahr 1911 fertiggestellten "Friedhofskirche zum heiligen Karl Borromäus". Früher hieß sie Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche, weil der konservierte Leichnam des ehemaligen Bürgermeisters ("Lueger wollte nicht verwesen", erzählt Fassl) hier liegt. Rund um die Kirche liegen in einem Halbkreis die Arkadenhöfe, Kolumbarien genannt, davor die Präsidentengruft, wo die Staatsoberhäupter der Zweiten Republik begraben sind. Einige mit Ehefrau, weil Karl Renner auf die Frage, ob es eine Präsidentengruft braucht, mit den Worten "Ihr könnt so etwas machen, aber nur, wenn meine Frau auch hineinkommt" geantwortet haben soll.

Staatsoberhäupter, Dichter, Musiker und Otto-Normalverbraucher fanden hier ihre letzte Ruhe.
Foto: Matthias Cremer

Wenn man nicht gerade Bundespräsident ist, funktioniert die Gräbervergabe am Zentralfriedhof wie an jedem anderen Friedhof auch: Wer noch kein Familiengrab hat, kann sich eines aussuchen, der Preis richtet sich nach der Entfernung zum Tor. Alle zehn Jahre muss das Benutzungsrecht kostenpflichtig erneuert werden. Falls die Angehörigen auf Anschreiben nicht reagieren, wird das Grab nach einer Zeit neu vergeben. Viele der denkmalgeschützten Grüfte und Mausoleen aus dem 19. Jahrhundert sind übrigens zu haben. Manche davon gibt es bereits für einen Euro, allerdings verbunden mit der Pflicht zur Renovierung. Günstiger kommt man wahrscheinlich nie an ein Mausoleum heran.

Durch die Welten

An einem sonnigen Spätsommer- oder Herbsttag strahlt der Zentralfriedhof Ruhe aus. Man kann, mit einem Plan ausgerüstet, durch verschiedene Welten, Religionen und Zeiten springen. Es gibt einen buddhistischen Teil mit der kleinen Stupa, zahlreiche winzige orthodoxe Kirchen, einen evangelischen und jüdischen Teil. Abteilungen mit Kriegsgräbern erinnern daran, wie viele Soldaten auf österreichischem Boden ihr Leben verloren. Viele Tote des Ersten Weltkriegs sind gemeinsam auf einer Wiese bestattet, Freund wie Feind. Für die Toten des Zweiten Weltkriegs gibt es eigene Abteilungen.

Im russischen Teil stehen 2.000 Gräber, mit kyrillischen Lettern beschriftet. Fassl kann dazu eine gute Geschichte erzählen. In ihrer ersten Woche bekommt sie eine Mail von einem jungen Mann aus Russland: Sein Opa würde so gern noch einmal das Grab des in Österreich gefallenen Bruders Aleksandr sehen. Fassl sucht die Gräber systematisch ab, dreieinhalb Stunden lang. "Ich war naiv, jeder zweite Tote hieß Aleksandr." Schließlich findet sie das Grab, es ist das vorletzte. "Der Enkel hat mir geschrieben, dass sein Opa friedlich einschlafen konnte", sagt Fassl. "Das war Belohnung genug."

Ganz hinten, dort wo Güterzüge und Autos auf der S7 Richtung Flughafen vorbeibrettern, hat der Zentralfriedhof seinen Naturgarten. Hier stehen zwei große Wiesen, von denen der Natur zuliebe immer nur eine gemäht wird. Es gibt Rebhühner, Bienenstöcke, zwei Teiche mit Kröten. Und einen Fuchs mit abgeknicktem Schwanz, den man immer wieder trifft. Hier darf man Spaziergehen, Picknicken, zur Ruhe kommen. Ob Yoga oder zweites Date, alles im Bereich des Möglichen. Der Zentralfriedhof ist ein Ort mit vielen Toten, er solle aber kein toter Ort sein, sagt Fassl. "So lang es pietätvoll bleibt, stört das die Verstorbenen nicht." (Jonas Vogt, 17.9.2020)