Migranten auf dem Weg zwischen Moria und Mytilene.

Foto: AP/Petros Giannakouris

Die Polizeiaktion heißt "Ruhige Kraft". Die Beamten versuchen seit Donnerstag in der Früh vermehrt jene Flüchtlinge und Migranten, die sich noch auf der Straße zwischen dem abgebrannten Lager Moria und dem Lager Kara Tepe befinden, in das neue vom UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) geführte Lager zu bringen.

Viele Leute haben sich bisher geweigert, in das provisorische Camp mit den Familienzelten für jeweils sechs Personen zu gehen, weil sie Angst haben, dort wieder lange Zeit verbleiben zu müssen, oder weil sie Hoffnung haben, doch aufs Festland oder gar nach Deutschland gebracht zu werden. Deshalb versucht die griechische Regierung seit Tagen zu vermitteln, dass es keine Chance gibt, aufs Festland oder nach Deutschland zu kommen. Doch es sind viele Gerüchte im Umlauf.

Am Donnerstag folgten dennoch Hunderte den Aufrufen, die über Flugblätter und SMS von Behörden verschickt wurden, und zogen mit ihren Kindern ins neue Lager. Alle, die ins Camp kommen, werden auf Covid-19 getestet, wer infiziert ist, kommt in die Quarantänestation. Das UNHCR liefert 2.000 Familienzelte sowie 65.700 Hilfsgüter für das Lager, um die Grundbedürfnisse für 11.000 Menschen abzudecken, sagt Marios Andriotis vom UNHCR auf Lesbos dem STANDARD.

1.000 Anerkannte

Unter den etwa 12.000 Menschen, die aus dem brennenden Lager Moria fliehen konnten, gibt es laut Andriotis mehr als 1.000 anerkannte Flüchtlinge. Die Diskussion über die Umsiedlung betreffe jedoch vorerst unbegleitete Kinder und andere schutzbedürftige Personen, so Andriotis. In den vergangenen Monaten wurden bereits tausende anerkannte Flüchtlinge von Lesbos aufs Festland gebracht.

Zivilschutzminister Michalis Chrysochoidis kündigte an, dass weitere Tausende bis Weihnachten, die anderen bis nächstes Jahr zu Ostern die Inseln verlassen werden. Gleichzeitig plant die Regierung in Athen, gemeinsam mit der EU ein ganz neues Aufnahmezentrum auf Lesbos zu bauen. Bei diesem Lager soll es sich – anders als es in Moria der Fall war – um ein geschlossenes Zentrum handeln, bei dem Aus- und Eingänge überwacht werden.

Lokalbevölkerung gegen Lager

Der Großteil der Lokalbevölkerung auf Lesbos will, dass es überhaupt keine Flüchtlingslager mehr auf der Insel geben soll. Und die Migranten und Flüchtlinge wollen keinesfalls in geschlossene Lager.

Unterdessen wurden vier der sechs jungen Männer, die verdächtigt werden, das Lager Moria in der Nacht zum 8. September in Brand gesetzt zu haben, angeklagt und dem Gericht auf Lesbos vorgeführt. Zwei weitere verdächtige Afghanen, die 17 Jahre alt, also minderjährig sind, wurden nach dem Brand aus Lesbos ausgeflogen. Den Behörden zufolge haben die sechs Männer das Lager in Brand gesteckt, weil sie nicht in die Quarantänestation gehen wollten, die für Covid-19-Fälle gebaut worden war. Sie sollen dabei von dutzenden anderen unterstützt worden sein. (Adelheid Wölfl, 17.9.2020)