Lange Schlangen vor den britischen Testzentren, wie hier in Southend-on-Sea.

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In Großbritannien hat sich die Zahl der nachgewiesenen Neuinfektionen mit dem Coronavirus binnen 14 Tagen auf zuletzt 3.395 pro Tag verdoppelt. Zu Wochenbeginn führte Premier Boris Johnson die neue Sechserregel ein: Private Treffen sind nur noch mit fünf anderen Menschen erlaubt. Seit Freitag gilt für große Teile Nordenglands mit mehr als zehn Millionen Menschen zusätzlich ein lokaler Lockdown. In Newcastle, Bolton und Durham sind nun private Kontakte mit anderen Haushalten verboten, Pubs und Restaurants schließen um 22 Uhr. Schon spricht Gesundheitsminister Matthew Hancock von der Möglichkeit neuer landesweiter Beschränkungen.

Am Donnerstag lag die Zahl der an Covid-19 Verstorbenen laut Gesundheitsministerium bei 41.705, mehr als viermal so hoch wie im bevölkerungsreicheren Deutschland; seriöse Schätzungen anhand der erhöhten Todesrate vom Frühjahr halten 64.000 Corona-Tote für realistischer. Die Krankenhäuser bereiten sich auf eine Welle von Einweisungen Schwererkrankter innerhalb der nächsten 14 Tage vor.

Nachverfolgung gelingt nicht

Trotz vollmundiger Ankündigungen ("Weltklasse") hat die konservative Regierung bis heute keine funktionierende Warn-App vorgelegt. Auch die mehrheitliche Nachverfolgung von Kontaktinfizierten gelingt bis heute nicht. In den hastig gegründeten Privatlabors herrscht Personalmangel, weil viele der vorübergehend angeheuerten Studenten wieder an die Unis zurückgekehrt sind. Nach zehnjähriger Ausblutung des staatlichen Gesundheitssystems NHS leiden Lokalbehörden an permanentem Mangel, sowohl bei der Expertise als auch bei den nötigen Finanzmitteln.

Wie stets schieben Minister und Spitzenbeamte sich gegenseitig die Schuld zu. Im Juli hatte Hancock die Bevölkerung ausdrücklich auch bei geringen Symptomen dazu aufgefordert, sich einem Corona-Test zu unterziehen. Diese Woche machte er zu viele Testwillige dafür verantwortlich, dass das System vor dem Kollaps steht: Nur jeder dritte Getestete erhält das Resultat binnen 24 Stunden, Wartezeiten von mehreren Tagen sind die Regel. Um überhaupt Gewissheit zu erhalten, müssen viele Briten stundenlange Autofahrten zu den dezentral gelegenen Testzentren zurücklegen. (Sebastian Borger aus London, 18.9.2020)