Wer sollte hart an der rumänisch-sowjetischen Grenze am Schwarzen Meer, im südostrumänischen Kreis Cetatea Albă (heute Bilhorod-Dnistrovs'ky in der Ukraine), die "Liga der national-christlichen Verteidigung" leiten? Diese Frage löste 1932 einen interethnischen Konflikt aus, der sich auf die Zukunft dieser radikal antisemitischen Bewegung in der Region auswirken sollte. Es war ein vorhersehbarer Konflikt, denn die "Liga der national-christlichen Verteidigung" (Liga Apărării Național Creștine, LANC), die führende monothematisch antisemitische Partei Rumäniens in der Zwischenkriegszeit, warb seit Anfang der 1930er Jahre intensiv um die Mitglieder aller christlichen Minderheiten der ostrumänischen Region Bessarabien (heute im Wesentlichen die Republik Moldau), damit sich diese dem sogenannten Kampf gegen den "Judäo-Bolschewismus" anschlossen.

Um die Stelle eines Kreisleiters konkurrierten ein Deutscher, ein Bulgare und ein Rumäne. Zu seinen Aufgaben gehörte es, Kongresse zu organisieren und die regionalen paramilitärischen Truppen anzuführen. Die Entscheidung fiel nach langem Hin und Her auf den Bulgaren Petru Ivanov, der diese Funktion bereits seit zwei Jahren innegehabt hatte. Da es viele Einwände gegen ihn gab, vor allem seitens der deutschen Minderheit, bat diese den Parteisekretär, zugleich Sohn des Parteigründers und Dichter, Gheorghe Cuza, um eine Entscheidung.

Antisemitisches Programm

Unter der Leitung der LANC entwickelte sich in Rumänien eine der gewalttätigsten antisemitischen Bewegungen Europas nach 1918. Antisemitische Gewalt, gut organisierte paramilitärische Truppen sowie ab den 1930er-Jahren enge Kontakte zur NSDAP waren ihre wichtigsten Kennzeichen. Rumänien, ein Siegerstaat des Ersten Weltkrieges, verdoppelte durch die neu erworbenen Gebiete – das Banat, Siebenbürgen und die Bukowina vom Habsburger Reich, und Bessarabien vom Russischen Reich – sein Territorium. In einer von Triumph und Unsicherheit über die neue Grenzziehung geprägten Atmosphäre zielte die politische Elite Großrumäniens auf die wirtschaftliche Entwicklung des Agrarlandes und die Integration der ehemaligen imperialen Gebiete ab.

Der Parteigründer Alexandru Constantin Cuza wurde von der NSDAP als "Mentor des europäischen Antisemitismus" gefeiert.
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Die LANC vertrat seit ihrer Gründung 1923 ein umfassendes antisemitisches Programm, in dem die Juden, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung im Vergleich zur Vorkriegszeit von 4,5 auf 7,2 Prozent gestiegen war, als Hindernis beim Aufbau eines einheitlichen modernen Nationalstaates betrachtet wurden. Der Parteigründer, Alexandru Constantin Cuza (1857-1947), Professor für Wirtschaftswissenschaften in Iași, dessen Karriere als Antisemit Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hatte, erfüllte im rumänischen Kontext eine ähnliche Rolle bei der Popularisierung und Theoretisierung des Antisemitismus wie Wilhelm Marr in Deutschland und Édouard Drumont in Frankreich.

Dafür wurde Cuza von der NSDAP als "Mentor des europäischen Antisemitismus" gefeiert. Nach 1918 gelang es Cuza, den wirtschaftlich besonders unterentwickelten Nordosten Rumäniens zur Hochburg seiner Organisation zu machen. Mit dem Ziel, die Juden aus Rumänien zu vertreiben, vereinte seine Bewegung unterschiedliche Varianten des Antisemitismus, wie etwa religiösen, wirtschaftlichen sowie rassischen Antisemitismus.

Eine multiethnische antisemitische Bewegung

Entscheidend für den Aufschwung der LANC, vor allem in ethnisch besonders heterogenen Kreisen, wie eben auch in Cetatea Albă, war ihr multiethnischer Antisemitismus. Bessarabische LANC-Politiker brachten diese Strategie bei einer regionalen Versammlung 1936 wie folgt auf den Punkt: "Wir lieben alle Ausländer und Minderheiten. Wir möchten aber, dass die Juden in Palästina und nicht in Rumänien sind."

Der Kreis lag im Süden Bessarabiens, einer Landschaft, die einst zum Fürstentum Moldau unter osmanischer Oberherrschaft gehört hatte und 1812 vom Russischen Reich annektiert worden war. In der Zwischenkriegszeit gehörte die Region zu Rumänien, bevor ein Großteil nach 1944 zur Moldauischen Sowjetrepublik gelangte, deren Namen sich vom historischen Fürstentum ableitet. Ähnlich wie im makedonischen Fall gibt es heute zwei benachbarte territoriale Einheiten mit dem Namen Moldau: den unabhängigen Staat als Nachfolger der gleichnamigen Sowjetrepublik und eine Region im Nordosten Rumäniens mit Zentrum Iași, der Hauptstadt des einstigen Fürstentums. Um es noch komplizierter zu machen: Kleinere Teile Bessarabiens wurden gegen Ende des Zweiten Weltkriegs der Sowjetukraine zugeschlagen, so wie auch die Gegend um Cetatea Albă.

Die wechselvolle Geschichte der Region spiegelte sich auch in der Bevölkerung wider. 1930 bestand diese zu jeweils fast gleichen Anteilen, beinahe 20 Prozent, aus Bulgaren, Ukrainern, Rumänen, Deutschen und Russen – Gruppen, die sich dort im Verlauf des 19. Jahrhunderts durch russische Kolonisationsbestrebungen angesiedelt hatten. Die Ansiedler lebten in ländlichen Gemeinden und betrieben dank des fruchtbaren Bodens hauptsächlich Getreideanbau. Dreieinhalb Prozent der Einwohner waren Juden, die vor allem im Handel tätig waren. Infolge der Weltwirtschaftskrise 1929, die zu fallenden Getreidepreisen geführt hatte, wurden sie für viele Bauern zu Sündenböcken.

Die Bevölkerungsstruktur des Kreises Cetatea Albă erklärt, wieso die LANC ihr ansonsten radikal rumänisch-nationalistisches Programm dort fallen ließ. Viele Gruppen reagierten positiv auf die Vereinigung Bessarabiens mit Rumänien im Jahr 1918, in der Hoffnung, dass der neue Staat ihnen Schutz vor den Bolschewiki bieten und eine Rückkehr zu einer Normalität bringen würde. Denn 1917 war Bessarabien von den Unruhen und Gewalttaten der Russischen Revolution voll erfasst worden. Die positive Einstellung zum neuen Staat nahm aber aufgrund der voranschreitenden Rumänisierung bald ab. Im Fall der deutschen Minderheit bildeten sich Anfang der 1930er Jahre Zentren nationalsozialistischer Orientierung, welche sich in Verbindung mit Gruppen aus Deutschland und Siebenbürgen befanden.

Welche Gruppe wird bevorzugt?

In einer auf Deutsch verfassten Beschwerde erklärten die deutschen Unterstützer der LANC aus Cetatea Albă, dass "wir, die Deutschen", nicht akzeptieren könnten, "von einem Bulgaren organisiert zu werden". Die Beschwerde stellte die Parteizentrale in Iași, welche mit den Leistungen des bulgarischen Kandidaten zufrieden war, vor eine komplizierte Entscheidung. Als Kreisleiter von Cetatea Albă hatte Ivanov seit Anfang der 1930er ganze Arbeit beim Anwerben von Angehörigen der deutschen Gemeinschaft geleistet.

Da es im Interesse der LANC war, den interethnischen Konflikt schnell zu beenden und ihren deutschen Sympathisanten ja keinen Grund zur Unzufriedenheit zu geben, vor allem weil die Wahlen von 1933 bevorstanden und Cetatea Albă ein politisches und kulturelles Zentrum der deutschen Minderheit in Bessarabien war, entschied die Partei, Ivanov abzusetzen. Zur gleichen Zeit plante die bessarabische LANC, Angehörige deutscher Gemeinschaften aus anderen Gebieten zu gewinnen, vor allem aus der nördlichen Nachbarregion Bukowina.

Der Parteisekretär Gheorghe Cuza ernannte daher als Kreisleiter von Cetatea Albă einen Rumänen, der in Deutschland gelebt und 1932 als Korrespondent für den "Völkischen Beobachter" in Rumänien gearbeitet hatte. Er sei "ein guter Kenner der Sprache von Goethe und ein treuer Freund Ihres Volkes", versicherte der Parteisekretär den Deutschen von Cetatea Albă. Der neue Kreisleiter war ein Journalist, der ursprünglich aus der Walachei stammte und mit den bessarabischen Gegebenheiten nicht vertraut war. Zudem stellte er unter den Anwälten, Ärzten, orthodoxen Priestern und Lehrern, die ansonsten als Kreisleiter der LANC fungierten, eher einen Fremdkörper dar. Dennoch reagierten die Deutschen in Cetatea Albă positiv auf den neuen Politiker.

Interessant ist, dass die Partei auf keinen Kandidaten aus den Reihen der deutschen Gemeinschaft gesetzt hatte. Wieso dies der Fall war, lässt sich nur vermuten. Da einerseits Gerüchte kursierten, dass die Deutschen in Wirklichkeit keine echte "Cuzisten" (so wurden die Anhänger des LANC nach dem Parteigründer A.C.Cuza genannt), sondern eigentlich "Hitleristen" seien, herrschte vielleicht bei der Parteiführung in Iași die Überzeugung, dass ein ethnischer Rumäne am Ende doch loyaler sei. Anderseits erhoffte sich die Parteileitung, dass die Wahl eines Repräsentanten der Titularnation mit Affinität zur deutschen Sprache und Kultur deeskalierend auf die angespannte Lage in Cetatea Albă wirken würde.

Diese Art von Entgegenkommen zahlte sich für die LANC aus. Anlässlich des Nationalkongresses am 8. November 1936, der ersten antisemitischen Massenveranstaltung der Partei in Bukarest, machten deutsche Teilnehmer aus Cetatea Albă mit ihrem gepflegten Aussehen und ihrer Disziplin einen guten Eindruck auf die Sicherheitskräfte, ganz im Gegensatz zu den rumänischen Bauern aus Bessarabien, welche auf der Suche nach Essen und Alkohol die Geschäfte an den Bahnhöfen plünderten und Juden attackierten. Bei den Gemeinde- und Kreiswahlen 1937 wählten 30 Prozent der Bessarabiendeutschen die LANC. Sicher ist, dass der interethnische Konflikt in Cetatea Albă erst durch die Ernennung eines einheimischen rumänischen Kreisleiters im Jahr 1935 gelöst wurde. Die Stelle des Vizepräsidenten bekam ein Angehöriger der deutschen Minderheit, während der ehemalige bulgarische Kreisleiter Petru Ivanov mit der Funktion des Parteisekretärs entschädigt wurde.

NSDAP als Vorbild

Indem die LANC die Minderheiten als potenzielle Wähler entdeckte, profilierte sie sich als königstreue, antisemitische und multiethnische Partei und erzielte dadurch Erfolge in den ländlichen und peripheren Gegenden im Nordosten Rumäniens. Durch den starken Gebietszuwachs wurde Rumänien nach 1918 ein ethnisch noch heterogenerer Staat – mit 28 Prozent der Bevölkerung Nicht-Rumänen. Die Minderheiten waren in eigenen politischen Organisationen organisiert und hatten tendenziell eine konfliktreiche Beziehung zum rumänischen Staat, der wenig Toleranz gegenüber ihren Organisationsbestrebungen zeigte.

Paradoxerweise sahen sie aber in der LANC, dem Inbegriff des rumänischen radikalen Nationalismus, eine Chance, politisch tätig zu sein, und der Antisemitismus wirkte als Kit zwischen den ethnischen Gruppen. Dies stellte die LANC vor besondere Herausforderungen. Ähnliche Konflikte, wie die in Cetatea Albă, werden sich in anderen stark geprägten multiethnischen Kreisen wiederholen. Da die NSDAP – sowohl in organisatorischer als auch in ideologischer Hinsicht – für die LANC ein Vorbild war, suchte diese eine Annäherung an die deutschen Gemeinschaften mit nationalsozialistischer Einstellung, was sich auf lokaler Ebene tendenziell in der Bevorzugung der deutschen Sympathisanten ausdrückte.

Trotz der führenden Rolle in der Organisation der antisemitischen Kräfte ist die Geschichte der LANC wenig bekannt. Die Erforschung der Geschichte Rumäniens in der Zwischenkriegszeit, nach 1990 als die goldene Zeit des modernen rumänischen Staates gesehen, machte in den letzten Jahren wichtige Fortschritte. Die LANC wird in den Arbeiten über die Legionärsbewegung des Faschistenführers Corneliu Zelea Codreanu oft erwähnt, weil diese 1927 als Abspaltung aus der LANC entstanden ist. Studien zu ihrer Geschichte sind deshalb wichtig, weil sie zeigen, dass der Antisemitismus breite Anhängerschaft hatte und die antisemitischen Kräfte stark organisiert waren, was zentral für ein besseres Verständnis des Kontexts der Shoah in Rumänien ist. (Andrea Kaltenbrunner, 23.9.2020)