Vereinheitlichung statt Vielfalt: Der Großteil der Lehrenden an Schulen berücksichtigt die Diversität der Kinder im Unterricht zu wenig.

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Die Frage, ob Lehrerinnen und Lehrer in Österreich im 21. Jahrhundert Wissen über Migration und Mehrsprachigkeit brauchen, mag vielen Leserinnen und Lesern als eine rein rhetorische oder gar absurde erscheinen. Tatsächlich wird das aber unter jenen, die die zukünftigen Lehrpersonen ausbilden, anders gesehen.

Die sprachliche, kulturelle, religiöse und soziale Vielfalt der Schülerinnen und Schüler wird nicht als Basis und Ausgangspunkt für die Ausbildung, die allgemeine Didaktik und die Pädagogik verstanden, sondern als eine zusätzliche Facette, mit der man sich bei Bedarf und im Anschluss an die Grundausbildung beschäftigen kann, wenn man will. Diese Auffassung hat zur Folge, dass man dafür nicht gerade eine eigene Professur an den Instituten der Lehrerinnen- und Lehrerbildung einzurichten brauche.

Leerstellen und Namedropping

War da nicht der Begriff der Inklusion, der all das umschließen sollte? Behinderung, Gender, Mehrsprachigkeit, Migrationshintergrund ... Die "PädagogInnenbildung neu" sollte sich – so das Steuerungsgremium – der Inklusion verschreiben. Für die neuen Lehrpläne wurde das gefordert und von den meisten Institutionen als Namedropping absolviert. Aus diesem Grund muss es nach außen erscheinen, als wären alle Lehramtsstudierenden beinahe in jedem Seminar mit dem Thema der Vielfalt beschäftigt. Befragt man sie dazu, so tun sich weitreichende Leerstellen auf.

Vielfalt hat eben sehr viele Facetten, und diese müssen nicht nur in ihrer generischen Vielfaltsdimension verstanden werden, sondern in ihren spezifischen Ausformungen und Anforderungen. Es handelt sich um voneinander getrennte Wissensbestände, wenn ich mich mit Sehbehinderung, Mehrsprachigkeit, Flucht oder Islam beschäftige. Natürlich geht es zu allererst darum, als Lehrkraft für Vielfalt offen zu sein und die Abweichung von der eigenen "Normalität" als normales menschliches und gesellschaftliches Phänomen zu begreifen.

An diesem Punkt stößt man oft auf ein Missverständnis, was denn Vielfalt umfasst. Natürlich, so würde jede und jeder Studierende denken, interessiert man sich für individuelle Vielfalt und Eigenart, die man ja von sich selbst, seinen Geschwistern beziehungsweise Verwandten kennt.

Nur ein Teil der Differenzen

Diese Art der Vielfalt, etwa Gender oder Behinderung, ist zwar ein Teil dessen, wovon wir hier reden, deckt aber nur einige der zentralen Differenzlinien ab. Selten wachsen Geschwister miteinander auf, die sich durch ihre Familiensprache, das religiöse Bekenntnis oder das soziale Milieu voneinander unterscheiden. Diese Unterschiede sind es aber, die mit schwerwiegenden gesellschaftlichen Ungleichheiten, Machtfragen, den kollektiven Erfahrungen und Fremdbildern das Miteinander beeinflussen oder sogar prägen. Das gilt für die Nachbarschaft, den täglichen Einkauf oder die öffentlichen Verkehrsmittel, die Medien, aber auch für Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen.

Zähes Ringen um Professuren

Über die Hälfte der Jugendlichen, die in einer Wiener Studie in den Einrichtungen der offenen Jugendarbeit befragt worden waren, gaben an, "manchmal oder häufig" in der Schule von Diskriminierung betroffen zu sein. Damit war die Schule der Ort, der am häufigsten genannt wurde.

Die genannten Unterschiede prägen aber auch jenseits von individueller Diskriminierung das Lernen. Die Lebensumstände verursachen unterschiedliche Lernausgangslagen – von der Versorgung mit technischen Geräten, dem Platz zum Lernen zu Hause, der Verantwortung für die Geschwister, der Unterstützung durch die Eltern bis hin zum Grundwissen und der zur Verfügung stehenden Begriffs- und Vorstellungswelt.

Das sollte ein für die Unterrichtsplanung wesentlicher Aspekt sein. Nicht um die Erwartungen und Anforderungen abzusenken, sondern um die Vermittlung des Lernstoffs an die Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler anzuknüpfen, für ihr Leben relevant werden zu lassen.

Nun, warum zieht sich die Einrichtung solcher Professuren als zähes Ringen über Jahre und Jahrzehnte hin? Während in den bildungswissenschaftlichen Instituten, die sich nicht der Ausbildung unserer zukünftigen Lehrkräfte widmen, der Bedarf im Kollegium erkannt wurde und deshalb auch solche Professuren ausgeschrieben und eingerichtet wurden, ist das in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung größtenteils nicht der Fall.

Das verursacht nun seit Generationen einen Teufelskreis – schließlich haben sich bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren zugewanderte Familien in größerer Zahl hier niedergelassen. Professuren, die imstande sind, das Thema zentral zu verankern, hätten die Ausbildung der Lehrpersonen und die schulbezogene Forschung bereits seit Jahrzehnten grundlegend beeinflussen können. Das war leider nicht der Fall!

Kulturelle Vereinheitlichung

Der Großteil der Lehrenden in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung verfügt deshalb selbst noch immer nicht über eine entsprechende Grundausbildung, was wiederum dazu führt, dass in den Fächern und Fachdidaktiken, aber auch in den bildungswissenschaftlichen Grundlagen vielfach gelehrt wird, als bestünden die Klassen aus einsprachigen Kindern und Jugendlichen aus der Mittelschicht ohne Zuwanderungsgeschichte.

Die "Grammatik der österreichischen Schule" entspricht zu weiten Teilen noch immer dem Fabrikmodus des 19. Jahrhunderts, und weder Digitalisierung noch Migrationsgesellschaft konnten bisher daran sehr viel ändern. Die Schule soll der sprachlichen und kulturellen Vereinheitlichung dienen, und Klassen sollen möglichst homogen zusammengesetzt sein. Die Corona-Pandemie hat wieder gezeigt, dass das System deutliche Schwächen hat.

Vielleicht, so deutsche Kolleginnen und Kollegen, kommt es zu einer "disruptiven Innovation" als positivste Auswirkung der Pandemie auf die Schule. Damit all die wichtigen Kompetenzen an unsere zukünftigen Pädagoginnen und Pädagogen vermittelt werden können, brauchen wir entsprechende Professuren auch in den Universitäten und eine Überarbeitung der konkreten Lehrpläne der "PädagogInnenbildung neu"! (Barbara Herzog-Punzenberger, 22.9.2020)