"Burli, du musst zum Daviscup, der Delle hat sich mit dem Auto derstess’n." In aller Herrgottsfrüh hat das Telefon geläutet, Festnetz, wir schreiben September 1990, das Handy (D-Netz, 0663!) kommt gerade erst auf. Den journalistischen Jungspund hat es so aus dem Schlaf gerissen. Der Herr Metzger ist dran, Josef Metzger, Sportchef der Presse. Dort geht der Jungspund in die Lehre.

23. September 1990 im Praterstadion, das noch nicht den Namen Ernst Happels trägt: Thomas Muster bejubelt seinen Sieg über Andre Agassi.
Foto: picturedesk.com / Klaus Titzer

Doch am 21. September und an den folgenden Tagen sitzt der Lehrling nicht in der Redaktion, sondern im Praterstadion. Weil dort Daviscup gespielt wird. Und weil der "Delle" im Spital liegt und mit seinem von den Scherben der Windschutzscheibe hergerichteten Gesicht auch nicht unter die Leute gehen sollte.

21. September also, ein Freitag, das Daviscup-Semifinale hebt an. Der Burli und 17.000 sehr euphorische Fans drängeln sich in der einen Kurve und zu Beginn der Längsseiten des Praterstadions, in das ein Sandcourt gelegt wurde. 17.000, das ist Daviscup-Europarekord.

"Paradiesvogel" Agassi

Hüben Österreich mit Thomas Muster, Horst Skoff, Alexander Antonitsch und Ersatzmann Oliver Fuchs. Österreich mit Kapitän Filip Krajcik, das zuvor Spanien (3:2) und Italien (5:0) besiegt hat. Drüben die USA mit Andre Agassi, dem "Paradiesvogel", wie überall und wohl auch in der Presse steht, mit Michael Chang sowie dem Weltklassedoppel Rick Leach / Jim Pugh.

Spielfilm. Muster verliert gegen Chang einen Satz (4:6) und gewinnt drei (6:2, 6:2, 6:4). Skoff hält gegen Agassi im ersten Satz mit, verliert das Tiebreak auf 3, ist dann chancenlos, 0:6, 1:6. Samstag: Antonitsch/Muster prüfen Leach/Pugh, verlieren den ersten Satz erst im Tiebreak (auf 4), gewinnen den zweiten 6:3, doch die Amerikaner schlagen zurück, 6:0, 7:5. Viele Fans haben das Gefühl, da wäre mehr möglich gewesen. 2:1 für die USA.

Sonntag: Muster gegen Agassi. Ein Tennisspiel, das sich im kollektiven österreichischen Sportgedächtnis verankert. Muster dominiert zunächst klar (6:2, 6:2), erst jetzt kommt Agassi auf, es wird hochdramatisch und geht ins Tiebreak, das zum Spiegel der ersten zwei Sätze wird, Muster siegt auf 2. Großer Jubel, Muster sagt: "Jetzt gewinnen wir das."

Am Ende jubelten Agassi und Papa Chang auf der Tribüne.
Foto: APA-Archiv / Robert Jäger

Stehaufmanderl Chang

Und Skoff, frenetisch angefeuert von den Massen, knüpft tatsächlich nahtlos an, holt die ersten beiden Sätze mit 6:3 und 7:6 (4). Chang erfängt sich, schlägt zurück, 6:4. Bei den French Open 1989, daran denken jetzt viele, hat er im Achtelfinale gegen Ivan Lendl ein 0:2 in ein 3:2 verwandelt – und wenig später das Turnier gewonnen.

Vielleicht hilft es Skoff, dass es dunkel wird in Wien, die Partie wird unterbrochen, am Montag fortgesetzt. Da sind noch einmal 12.000 Leute da, viele pfeifen aufs Arbeiten, sportbegeisterte Lehrer tanzen mit ganzen Schulklassen an. Doch sie werden enttäuscht, Skoff hält dem Druck nicht stand, 4:6, 3:6.

Die USA holen den Titel

Der Rest ist Geschichte. Die USA gewinnen den Daviscup 1990 im Finale gegen Australien. Agassi wird im April 1995 erstmals und insgesamt 101 Wochen lang auf Rang eins der Weltrangliste liegen. Muster wird 1995 die French Open gewinnen und 1996 die Nummer eins der Tenniswelt. Skoff, 1990 Nummer 18, wird an seine beste Zeit nicht mehr anknüpfen können, aber immerhin noch einen, seinen vierten Turniersieg feiern, 1993 in Båstad. Krajcik und Skoff versterben viel zu früh. Der Teamkapitän von 1990 erliegt 2001 mit 46 einem Krebsleiden. Skoff ist erst 39 Jahre alt, als er 2008 in Hamburg einen tödlichen Herzinfarkt erleidet.

Das Praterstadion heißt seit 1992 Ernst-Happel-Stadion. Herr Metzger ist seit einiger Zeit in Pension, hackelt aber immer noch wie wild. Der "Delle" hackelt selten wie wild, es geht ihm blendend. Dem "Delle" ist es immer gut gegangen, nur halt nicht an jenem Freitag im September 1990, als das legendäre Daviscup-Duell damit begann, dass das Telefon läutete und den Burli aus seinem Schlaf riss. (Fritz Neumann, 23.9.2020)