Elisabeth Pittermann, Ärztin und ehemalige Wiener Stadträtin für Gesundheits- und Spitalswesen, schreibt in ihrem Gastkommentar, warum Sterbehilfe nicht erlaubt werden soll. Buchautor Alois Schöpf hält in seinem Beitrag dagegen.

Immer wieder gibt es Diskussionen um Tötung auf Verlangen beziehungsweise den assistierten Suizid, diesmal soll der Verfassungsgerichtshof, der Donnerstag tagt, entscheiden. Es wird auch argumentiert, dass man selbst über Art und Zeitpunkt des Todes entscheiden können muss. Ist nicht vieles in unserem Leben vorgegeben? Selbst ob es uns gibt, ist nicht unsere ureigenste Entscheidung. Wer kann entscheiden, ob und wann er geboren wird, wer die Eltern sind, ob man entsprechend gefördert wird und Wohlbefinden und Glück empfindet? Angst vor dem Tod, vor dem Unbekannten führt dazu, dass manche fordern, Zeitpunkt und Art des Todes selbst zu bestimmen, aber man will es nicht allein durchführen, andere sollen das Ende zumindest mit verursachen.

Gegner der Sterbehilfe sagen, man müsse Achtung vor dem menschlichen Leben haben.
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Fast jeder, der sich für den Suizid entscheidet, mit Ausnahme von weitgehend Gelähmten, ist in der Lage, Suizid zu begehen. Man kann sich über die Möglichkeiten informieren und danach handeln. Selbst jene, die keine Kraft dazu haben, können durch Behandlungsverweigerung – ausgenommen schmerzstillende Medikamente – sowie Nahrungsverweigerung ihren Tod herbeiführen.

Leben wollen

Fast alle Menschen wollen leben, wenn sie weitgehend schmerzfrei sind, sowie ihre Familie weder emotional-pflegerisch noch durch hohe Kosten belasten. Daher die Bemühungen, in ausreichendem Ausmaß und mit öffentlicher Finanzierung Hospizbetten sowie ambulante Hospizdienste und Tagesstationen bereitzustellen. Rund 40 Jahre habe ich als Ärztin mit Schwerstkranken gearbeitet und ihren Lebenswillen bewundert, wie sie sich an ihr Leben klammerten, welches Außenstehende schon als äußerst beschwerlich erachteten. Sie lebten dadurch häufig länger als von uns Medizinern eingeschätzt. Wenn sie abschließen und loslassen konnten, starben sie oft sehr bald. Ganz wenige Patienten entschieden sich zum Suizid, und wenn, vor allem gemeinsam mit dem Partner, der nicht allein zurückbleiben wollte.

Warum will man von Ärzten und anderen im Medizinbereich Tätigen verlangen, dass sie assistierten Suizid leisten? Es ist so "sauber, so steril, so losgelöst von Eigenverantwortung – ja geradezu eine medizinische (Be-)Handlung". Wir lernen im Medizinstudium, Krankheitszustände zu heilen, zu verbessern, erfahren, was gefährlich ist, aber niemals lernten wir zu töten. Auch der Eid, der bei der Promotion geleistet wurde, verbietet die Tötung von Menschen.

Ich habe bei gesundheitspolitischen Veranstaltungen von Gesundheitsökonomen und führenden Angestellten im Gesundheitswesen öfters gehört, dass das letzte Lebensjahr eines Menschen und ganz besonders die letzten Wochen das Gesundheitssystem finanziell enorm belasten. Es wird zwar nie direkt ausgesprochen, aber es steht dahinter, man möge eher nicht so lange mit hohem Aufwand behandeln – man vergisst, dass auch Ärztinnen und Ärzte im Vorhinein oft nicht wissen, dass es keine Chance für den Patienten gibt.

Das Töten von Menschen ist ein Tabubruch, eine menschliche Gesellschaft braucht Tabus. Tabulos soll man durchaus diskutieren, aber nicht handeln. Unter all dem Druck, der im Gesundheitssystem auf den Mitarbeitern lastet, ist es unzumutbar ihnen eine Beihilfe zur Tötung aufzubürden. Erfahrungen aus jenen Ländern, die Tötung auf Verlangen zulassen, zeigen, dass diese Tötungen nicht nur auf Verlangen durchgeführt werden, sondern auch aus anderen Motiven.

Weitreichende Entscheidung

Die Gefahr des Missbrauchs ist ungeheuer groß. Vergessen wir niemals, welche grauenvollen Verbrechen in der NS-Zeit geschehen sind, für die man einen Grund fand und die auch gebildete, unauffällige Menschen durchführten. Als ich meine Mutter (eine Jüdin) fragte, warum sie am Beginn des NS-Terrors in Österreich nicht flüchtete, als mein Vater es vorschlug, war ihre Antwort: "Diskriminiert waren wir immer, aber wer konnte sich die industrielle Ausrottung vorstellen?" Wer sich dafür ausspricht, dass eine Handlung zum Zweck der Tötung eines Menschen gesetzt wird, muss sich auch vielleicht eines Tages vorwerfen: Was daraus wurde, habe ich nicht erwartet (gewollt).

Da ich nicht religiös bin, ist die Religion nicht mein Motiv, den assistierten Suizid abzulehnen, sondern die Angst vor Missbrauch, die Angst vor einem Tabubruch, die Angst davor, sich allmächtig zu fühlen. Ich hoffe sehr, dass die entscheidenden Juristen sich dieser Folgen bewusst sind, denn es geht nicht um die Handlung eines Einzelnen an sich selbst, sondern um eine weitreichende gesellschaftspolitische Frage und Entscheidung. Die Tätigen in medizinischen Berufen dürfen nicht mit dieser schweren Bürde belastet werden. Alle Menschen müssen Achtung vor dem menschlichen Leben haben, daher darf die Tötung oder Beihilfe dazu auch unter sogenannten "humanitären Vorzeichen" nie erlaubt werden.(Elisabeth Pittermann. 24.9.2020)